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„2017 hat eine Wende in der Inklusionsdebatte gebracht“

Zu schnell, zu radikal, zu ideologisch – die Art, wie Inklusion an deutschen Schulen umgesetzt wird, gefährdet das Wohl vieler Kinder. Dieser Meinung ist Gymnasiallehrer und Autor Michael Felten. Im Interview plädiert er für eine ehrlichere Debatte.

10.11.2017 Bundesweit Artikel Johanna Böttges
  • © Michael Euler-Ott Michael Felten hat 35 Jahre lang an einem Kölner Gymnasium Mathematik und Kunst unterrichtet und lehrt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. 2017 veröffentlichte er das Buch „Die Inklusionsfalle – Wie eine gut gemeinte Idee unser Bildungssystem ruiniert“ (Gütersloher Verlagshaus).

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Herr Felten, was läuft falsch bei der Umsetzung der Inklusion?

Das Ganze geht aus von der UN-Behindertenrechtskonvention, die dafür plädiert, allen Kindern das Recht auf Bildung im allgemeinen Schulsystem zu gewährleisten. In Deutschland ist von Teilen des pädagogischen Diskurses daraus gemacht worden: Alle Kinder mit Beeinträchtigungen haben in Zukunft das Recht, an jeder Schulform unterrichtet zu werden. Was letztlich, wenn man es praktisch betrachtet, entweder eine extrem teure Lösung bedeuten würde oder massive Beeinträchtigungen des Lernens für alle Beteiligten. Die UNO hatte aber primär diejenigen Länder im Auge, in denen Kinder mit Behinderung bislang vom öffentlichen Schulsystem ausgeschlossen sind. Was die UNO überhaupt nicht wollte, war, unser hochentwickeltes Förderschulsystem einzustampfen und dafür zu sorgen, dass sich in Deutschland eine Einheitsschule entwickelt. Wir haben es bei dieser überhasteten und schlecht ausgestatteten Inklusion mit einer Logik des Misslingens zu tun. Man findet einen schönen Begriff, „Gemeinsames Lernen“, um das Empfinden von Unterschieden zu reduzieren. Tatsächlich wird dieses dadurch aber verstärkt.

Welche Rolle sollen Förderschulen künftig spielen? 

Unsere Förderschulen, in denen die Lehrer kleine Gruppen betreuen und die Kinder über längere Zeit kennen, haben bisher sehr gute Arbeit geleistet. Das ist durch die Inklusionseuphorie der letzten Jahre arg in den Hintergrund getreten. Die Förderschule sollte auf jeden Fall erhalten bleiben, weil sie den Kindern mit besonderen Entwicklungsstörungen – entweder in bestimmten Phasen ihrer Schullaufbahn oder in manchen Fällen auch während der ganzen Zeit – die besseren Förderbedingungen bietet. Die Übergänge zwischen Förderschulen und Regelschulen müssten aber flexibler sein. Wir müssen dual-inklusiv denken. Diesen Begriff hat Otto Speck, emeritierter Sonderpädagoge der LMU München, geprägt. Es geht darum, für jedes einzelne Kind festzustellen, wo es optimal aufgehoben ist. Das ist für die meisten Kinder die Regelschule. Und für manche Kinder ist es eben, phasenweise oder auch für die ganze Schulzeit, die Förderschule mit ihrer hochspezifischen Expertise. 

Wie könnte Gemeinsames Lernen an Regelschulen aussehen?

Man muss es einfach wörtlich nehmen: Wo findet denn tatsächlich Gemeinsamkeit statt? Zwei, drei Förderkinder in einer Regelklasse, die erleben doch ganz oft: „Ich bin ganz anders als die anderen!“ In Bayern und Baden-Württemberg gibt es sogenannte Partner- oder Außenklassen. Das sind Förderklassen in einem Schulverband, also etwa einer Real- oder Hauptschule, die eine Regelklasse als Partnerklasse haben. Sie feiern nicht nur Feste miteinander, sondern haben zum Beispiel auch gemeinsamen Sportunterricht. Sinnvoll scheint mir auch, Schwerpunktschulen zu bilden, so wie es in Nordrhein-Westfalen jetzt angestrebt wird. Das sind Regelschulen, die personell und sächlich so gut ausgestattet sind, dass man Kindern mit verschiedenen Förderbedarfen wirklich gerecht werden kann. Dort würden dann mehrere Sonderpädagogen arbeiten, die alle sonderpädagogischen Fachrichtungen abdecken. 

In NRW will die neue Landesregierung einen Gang zurückschalten und hat zum Beispiel die Schließung von Förderschulen vorerst gestoppt. Auch in Niedersachsen und anderen Bundesländern fordern Eltern und Politiker, die Entwicklung zu verlangsamen. Sehen Sie einen bundesweiten Trend? 

Ich glaube, das Jahr 2017 hat so etwas wie eine Wende in der Inklusionsdebatte gebracht. Es ist deutlich geworden – sei es durch Studien und andere Veröffentlichungen, sei es durch die Debatten im Vorfeld der Landtagswahlen – dass es mit Wohlfühlfloskeln bei diesem heiklen Thema nicht getan ist. In der überregionalen Presse wurde kritischer als zuvor über die Inklusionspraxis berichtet, und  in der Fachpresse kommen verstärkt Experten zu Wort, die davor warnen, übereilt, ohne ausreichende Ressourcen und ohne gesicherte Standards vorzugehen. Ich glaube, dass jetzt eine Phase begonnen hat, in der man etwas behutsamer an diese Frage herangeht. 

Vom 20. bis 24. Februar 2018 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Hannover zusammen. Zu den Referenten gehört auch Michael Felten: 

Forum Bildung
Inklusion: Was läuft falsch?
Michael Felten, Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln, Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung an der PH Heidelberg, Autor (zuletzt 2017: Die Inklusionsfalle)
24. Februar 2018
12:15 – 13:15 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Gute Lehrer-Schüler-Beziehung, der Geheimcode für Unterrichtserfolg – wie geht das eigentlich
Michael Felten, Lehrer und Publizist, freier Schulentwicklungsberater, Köln
23. Februar 2018
15:00 – 16:00 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Weitere Veranstaltungen zum Thema

Forum Bildung
Wieviel schlechte Politik verträgt die Inklusion? Inklusive Schule auf dem Weg zu echter Teilhabe

  • Prof. Dr. phil. Bernd Ahrbeck, International Psychoanalytic University Berlin
  • Franz-Josef Meyer, Landesvorsitzender des VBE Niedersachsen
  • Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe des Landes Niedersachsen 

21. Februar 2018
12:15 – 13:15 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Inklusion am Gymnasium – eine besondere Herausforderung?

  • Jürgen Bock, Koordinator für Inklusion, Otto-Hahn-Gymnasium Springe
  • Dr. Kerstin Prietzel, Schulleiterin, Otto-Hahn-Gymnasium Springe

24. Februar 2018
12:00 – 13:00 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Kita-Seminare: Thementag „Inklusion – wie viel Vielfalt steckt darin?“
23. Februar 2018

  • 10:30 Uhr bis 12:00 Uhr
    Auftaktvortrag: Chancen und Anforderungen einer inklusiven Pädagogik
    Referent: Prof. Dr. Timm Albers

  • 13:00 Uhr bis 14:30 Uhr
    Foren und Workshops

Ort: Convention Center (CC)
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Anmeldung erforderlich unter: www.didacta.de 

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2018 finden Sie unter www.didacta-hannover.de und www.facebook.com/didacta.bildungsmesse.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild.
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Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2018 finden Sie in unserem Dossier.  


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3 Kommentare

  • Gerald Klenk 11.11.2017 21:33 Uhr
    Von manchen Politikern ist man bereits gewohnt, dass sie mit Halb- und Unwahrheiten die Ängste der Bürger schüren. Dass aber ein Gymnasiallehrer und Mitarbeiter einer Hochschule ein Menschenrecht mit Unwahrheiten diffamiert, ist eine neue Nuance von Fake News. Felten argumentiert scheinbar seriös auf der pädagogisch-wissenschaftlichen Ebene, beweist aberleider eine gehörige Portion an Unkenntnis: "Was die UNO überhaupt nicht wollte, war, unser hochentwickeltes Förderschulsystem einzustampfen..." An dieser Stelle irrt er. Im September 2017 moniert der UN-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in seinen Allgemeinen Bemerkungen Nr. 4: „Der UN-Ausschuss betont, dass die Umsetzung des Rechts auf inklusive Bildung als transformativer Prozess im Rahmen einer systemischen Reform zu begreifen sei, die einen tiefgreifenden Wandel der Bildungssysteme nach sich ziehe. Dafür müssten Gesetze, Politikkonzepte sowie die Finanzierung, Verwaltung, Ausgestaltung (Inhalt, Lehrmethoden, Ansätze, Strukturen und Strategien), Erbringung und Überwachung von Bildung angepasst werden.“ Und der Ausschuss kommt zu der abschließenden Feststellung: „Der UN-Ausschuss macht deutlich, dass sich Staaten, die neben dem „regulären“ Schulsystem ein Sonder- oder Förderschulsystem weiter aufrechterhalten, in Widerspruch zur Verpflichtung aus Artikel 24 UN-BRK stellen.“ (Quelle: http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/publikationen/rechte-von-menschen-mit-behinderungen/). Was Herr Felten in seinen Interviews und Veröffentlichungen nicht wahrhaben will: Es ist ein grundlegender Systemwechsel nötig, damit das Menschenrecht auf Inklusion verwirklicht werden kann. Die Umsetzung scheitert aktuell daran, dass man an dem bestehenden separierenden System mit aller Macht festhalten möchte, sei es seitens der Politik, der Verwaltung und leider auch seitens mancher Wissenschaftler, und wenn dann Einzelintegrationen, Außen- und Kooperationsklassen wegen mangelhafter Ausstattung und fehlender Visionen von veränderten Bildungsstrukturen scheitern und zur Belastung der Lehrpersonen werden, dann stellt man das Menschenrecht von Grund auf in Frage anstelle die Verhältnisse zu verändern oder wenigstens neue Ideen zur Veränderung in die Diskussion einzubringen. Als Wissenschaftler stünde es Herrn Felten gut zu Gesicht, neues auf den Tisch der Forschung zu bringen statt an den nicht mehr funktionierenden Strukturen unseres Bildungssystems zu kleben.
  • Felten Michael 13.11.2017 12:03 Uhr
    Sehr geehrter Herr Dr. Klenk,
    ich rate dringend dazu, auch beim Thema Inklusion auf Diffamierungen zu verzichten und bei den Tatsachen zu bleiben. Ich habe mich dazu geäußert, was "die UNO" wollte, und das kann jeder nachlesen in der Behindertenrechtskonvention (beschlossen 2006, in Kraft getreten 2008, in Deutschland ratifiziert 2009). Dort steht: "Besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, gelten nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens." (Art. 5.4) Damit sind eben auch spezielle Förderschulen gemeint. Weiter heißt es: "Bei allen Maßnahmen, die Kinder mit Behinderungen betreffen, ist das Wohl des [einzelnen, d.V.] Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist." (Art. 7.2) Das darf man wohl als Sorge darum verstehen, dass jede Fokussierung auf systemisches Umkrempeln für das einzelne Kind großes Unglück bedeuten kann. Aber Ihre Zitate entstammen ja auch nicht "der UNO" selbst, sondern sind lediglich Meinungsäußerung (namens "Allgemeine Bemerkungen") eines UN-Fachausschusses - und dieser haben Bund und Länder in einer Gemeinsamen Stellungnahme deutlich und fundiert widersprochen.
    Im übrigen spricht nichts gegen Diderots Diktum: „Fortschritt heißt auch: falsche Ideen vom Sockel stoßen und zu Unrecht gestürzte wieder draufstellen.“
  • Hans Wocken 16.11.2017 18:24 Uhr
    Hans Wocken
    Die Behindertenrechtskonvention spricht in Art. 5,4 von "besonderen Maßnahmen" (measures). Sonderschulen sind keine "measures" und keine "besonderen Maßnahmen", sondern besondere Institutionen! Die Aussage von Herrn Felten ist eindeutig falsch! Näheres in meinem Buch "Im Haus der inklusiven Schule", Seite 109f.
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