Gastbeitrag

Aufstehen statt Stillsitzen

Bewegung hält fit – nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Zeit, dass sich Kinder und Jugendliche auch außerhalb des Sportunterrichts in der Schule mehr bewegen. Das Magazin didacta berichtet. Von Heinz Frommel

17.01.2018 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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Sitzen sei das neue Rauchen, sagen USForscher. „Sedentariness“ lautet der Fachbegriff in der Gesundheitsforschung für unsere überwiegend sitzende Lebensweise. Bereits Kinder und Jugendliche werden in der Schule zum stundenlangen Stillsitzen gezwungen. Und das, obwohl bereits die alten Griechen die Zusammenhänge von Bewegung und geistiger Bildungkannten. Deshalb bezeichneten sie mit dem Begriff „Gymnasion“ einen Ort der Leibesübungen oder, etwas moderner formuliert, einen Turnplatz, der sich erst im Laufe der Jahrhunderte zur heutigen„Pflegestätte geistiger Bildung“ entwickelt hat. Zwei elementare Eckpfeiler für ein ganzheitliches harmonisches Zusammenspiel des Menschen, nämlich Körper und Seele, haben ihre einstige Bedeutung fast verloren: Sie mussten der geistigen Entwicklung und dem Lernen Platz machen. Mit durchschnittlich zwei bis drei Wochenstunden Schulsport hechelt man der Forderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sich täglich mindestens 30 Minuten zu bewegen, weit hinterher. Dabei sind Bewegung, Spiel und Sport entscheidende Momente für die ganzheitliche Entwicklung.

Der Mensch ist ein Bewegungstier

Genetisch betrachtet ist der Mensch ein Bewegungstier. Nur durch eine ausgeprägte körperliche Fitness war er über Jahrtausende dazu in der Lage, seiner Beute aufzulauern, sie zu verfolgen und sie schließlich für das eigene Überleben zu erlegen. Die Lebensbedingungen haben sich verändert. Heutzutage wird im Supermarkt oder an der Fastfood-Theke eingekauft, körperlicher Einsatz im ursprünglichen Sinne ist nicht mehr gefordert.

Körperliche Fitness bringt man mit einer gesunden Entwicklung in Verbindung. Doch Bewegung ist mehr. Seit Jahren belegen Neurowissenschaftler die positive Wirkung einer bewegten, gesunden Lebensweise auf ein erfolgreiches Schul- und Berufsleben. Hans-Georg Kuhn vom Institut für Neurowissenschaften und Physiologie der Universität Göteborg fand in einer Studie mit mehr als einer Millionen junger Schweden heraus, dass der Fitness-Zustand bei 18-jährigen Heranwachsenden in Zusammenhang mit dem späteren Berufserfolg und damit mit einem entsprechenden Sozialstatus steht.

Nur zwei Minuten Umhergehen pro Stunde verlängern laut Forschern der University of Utah das Leben. Körperliche Aktivität wirkt Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen entgegen, hält das Gehirn fit und hilft gegen Depressionen. Bewegungsmangel erhöht dagegen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs.

Sport in der Schule

Der Bildungsplan Baden-Württemberg 2016 (BW) für das Fach Sport beispielsweise misst der Prävention und Gesundheitsförderung einen hohen Anteil bei. Dort heißt es:

„Insbesondere der Inhaltsbereich ‚Fitness entwickeln‘ greift wichtige Aspekte einer nachhaltigen Gesundheitsförderung auf. In sportlichen Handlungssituationen lernen die Schülerinnen und Schüler, ihr Verhalten, ihre Emotionen und ihre Aufmerksamkeit zu steuern. Der Fähigkeit zur Selbstregulation liegen kognitive Prozesse zugrunde, die in ihrer Gesamtheit als exekutive Funktionen bezeichnet werden. Diese können durch Bewegung, Spiel und Sport unterstützt werden.“

Mit Hilfe von Schulbegleitern, engagierten Lehrkräften und Fitness-Coaches können mehr Gesundheit und eine aktive Lebensführung leicht an Jugendliche herangetragen werden. Das Kultusministerium BW und der Landessportverband BW setzen beispielsweise gemeinsam ein Programm um, bei dem Schülermentoren ausgebildet werden und mit Unterstützung von Lehrkräften ihre Mitschüler in AG-Stunden oder bei Wettkämpfen begleiten und anleiten. „Bewegung, Spiel und Sport können positiv für die eigene Persönlichkeitsentwicklung wahrgenommen werden, insbesondere wenn Jugendliche diese Effekte durch ihr eigenes Tun unmittelbar selbst erfahren“, betonte Professor Rolf Rosenbrock von der Berlin School of Public Health bei einer Veranstaltung des Deutschen Sportlehrerverbandes Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr. Schülermentoren dienen dabei als Ideengeber und motivierende Vorbilder. Ziel ist, dass die Jugendlichen ihr gegenwärtiges und zukünftiges Sporttreiben selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestalten, ein positives Körpergefühl entwickeln und einen verantwortungsvollen Umgang mit dem eigenen Körper erlernen. 

Mehr Bewegung im Schulalltag

Die vermehrte ganztägige Präsenz aller Heranwachsenden an ihren Schulen erleichtert gemeinsame Aktivitäten.

Auf dem Schulhof: Der Schulhof ist nicht nur ein Bestandteil der Bildungsstätte Schule, sondern der zentrale Ort, an dem Schüler die meiste Bewegungszeit im Schulalltag verbringen. Ein attraktiv gestalteter Pausenhof erfüllt das grundlegende Bedürfnis der Schüler nach einem Wechsel von Bewegung und Ruhe, Anspannung und Entspannung, Belastung und Erholung. Ein Schulhof sollte mit Hindernissen, Röhren, Wippen und im Sinne der wirklich aktiven Betätigung mit Basketballkörben, Bolzplatztoren oder Tischtennisplatten ausgestattet sein. Kleinspielfelder oder Netzanlagen zum außerunterrichtlichen Sporttreiben bieten aufgrund ihres hohen Motivationsgrades ideale Bewegungsalternativen, gerade auch für das gemeinsame Sporttreiben. Für mehr Bewegung im Schulalltag können Schulen auch ausfallenden Unterricht durch Bewegungszeit ersetzen, die Mittagspause mit einem Aktivprogramm gestalten oder außerhalb des Regelunterrichts Group Fitness-Workouts anbieten. 

Bewegtes Lernen

Zuletzt sei auf das Konzept der „Bewegten Schule“ verwiesen, die einfachste und direkteste Möglichkeit, um Bewegung in den Schulalltag zu bringen. Das Konzept geht auf den Schweizer Leistungssportler Urs Illi zurück, der in den 1980er-Jahren mehr Bewegung in die Schule bringen wollte. Aufstehen statt Stillsitzen, aktives Sitzen auf Sitzbällen, Laufdiktate, Bewegungsspiele im Unterricht sind ein kleiner Auszug aus dem riesigen Angebot an Möglichkeiten, die Sedentariness zu unterbrechen.

didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 4/2017, S. 46-49, www.didacta-magazin.de


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