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„Der Föderalismus muss bewahrt werden.“

Disharmonie beim Digitalpakt, Krach beim Kooperationsverbot. Im Interview erzählt der Thüringer Kultusminister Helmut Holter, warum ihn das Tauziehen um die Grundgesetzänderung ärgert und wieso fünf Milliarden Euro für die Schuldigitalisierung viel zu wenig sind.

05.02.2019 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © Jacob Schröter Helmut Holter ist Thüringer Kultusminister.

    Dieses Bild steht unter www.thueringen.de/th2/tmbjs/aktuell/minister/index.aspx zum Download bereit. Bitte beachten Sie die Nutzungshinweise des Thüringer Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport.

Herr Minister, der Digitalpakt hat Sie als KMK-Präsident 2018 thematisch begleitet und liegt nun erst mal auf Eis. Was sagen Sie zur bereits vom Bundestag beschlossenen Grundgesetzänderung, die Länder wie Thüringen ablehnen?
Es stimmt mich nicht nur traurig, sondern es macht mich auch wütend, dass die Grundgesetzänderung, die im Bundestag verabschiedet wurde, vorher nicht mit den Ländern abgestimmt wurde. Es geht uns nicht darum, den Digitalpakt abzulehnen. Wir lehnen ab, dass der Bund zu stark in die Kompetenzen der Länder eingreift. Es ist ärgerlich, dass der Digitalpakt auf Eis liegt. Wir müssen aber die Handlungsfähigkeit der Länder bewahren und das darf man nicht über eine Grundgesetzänderung infrage stellen.

Wie schätzen Sie den Nutzen des Digitalpakts ein? 
Es ist zunächst einmal so, dass die veranschlagten fünf Milliarden Euro gut angelegtes Geld sind. Natürlich gehört dazu, dass die Länder und damit auch die Schulen Konzepte für ihre Digitalisierung entwickeln müssen. Klar ist auch, dass die Länder weiter eigenes Geld in die Digitalisierung der Schulen stecken müssen. Die entscheidende Frage ist aber, was passiert, wenn die fünf Milliarden Euro ausgezahlt sind. Meine Forderung ist, dass sich der Bund weiter an den Kosten für die Digitalisierung beteiligen muss.

Was stellen Sie sich vor?
Es gibt Folgekosten der Digitalisierung. Die unmittelbare technische Ausstattung der Schulen ist das eine. Das andere sind die Qualifizierungsmaßnahmen der Lehrer, die durch die Länder wahrgenommen werden. Es gibt auch Ersatzbedarf wie zum Beispiel Software-Updates oder die IT-Administration, die laufend finanziert werden müssen. Ich bin der Überzeugung, dass der Bund sich deswegen nicht nur mit fünf Milliarden Euro beteiligen kann, sondern sich tatsächlich perspektivisch an der Digitalisierung des Unterrichts beteiligen muss.

Ende November 2018 fielen laut Angaben Ihres Bildungsministeriums 5,5 Prozent des Unterrichts an allgemeinbildenden Schulen aus. Welche Schritte unternehmen Sie, um dem Lehrkräftemangel in Thüringen beizukommen? 
Wir stellen konsequent neue Lehrkräfte ein. Jede freiwerdende Stelle wird von uns sofort wieder eins zu eins besetzt. Wir haben 2018 rund 900 neue Lehrkräfte eingestellt, in den Vorjahren waren es jeweils 500. Seit 2017 verbeamten wir wieder. Wir werden mit dem nächsten Haushalt auch mehr Vertretungslehrer bekommen und eine Vertretungsreserve von 200 aufbauen können. Außerdem starten wir in diesem Frühjahr eine Lehrergewinnungskampagne, und junge Leute zu motivieren, Lehrer in Thüringen zu werden.

Wie stehen Sie dazu, den Lehrkräftebedarf durch den Einsatz von Quereinsteigern zu decken?
Das kann eine Lösung sein. Quereinsteiger sind für mich ausgebildete Lehrer, die andere Fächer übernehmen und sich dafür extra qualifizieren. Wir treiben das zurzeit im Bereich Sport voran, weil wir beispielsweise an den Grundschulen zu wenige Lehrkräfte haben, die auch Sportunterricht geben. Das geschieht sowohl bei gestandenen Lehrern als auch bei denen im Vorbereitungsdienst, sodass diese zusätzlich Sport unterrichten können. Dann gibt es noch die Seiteneinsteiger. Das sind Menschen, die nicht auf Lehramt studiert haben, aber bereit sind, bestimmte Fächer zu unterrichten. Das ist eine sinnvolle Ergänzung. Mir ist jedoch wichtig, dass die große Mehrheit der Lehrer in Thüringen grundständig ausgebildet wird. 2018 waren unter unseren 900 Neueinstellungen fünf Prozent Seiteneinsteiger. In dieser Größenordnung funktioniert die Integration der Neu-Pädagogen in die Lehrerkollegien gut.

Sie hatten vor etwa einem Jahr Demokratiebildung zum Hauptthema Ihrer KMK-Präsidentschaft auserkoren. Glauben Sie, dass Sie in dieser Hinsicht etwas bewegen konnten?
In jedem Fall. Ich bin wirklich zufrieden, dass ich diesen Schwerpunkt gewählt habe, denn es passte genau in die Zeit. In ganz Deutschland wurde vor einem Jahr über die Gefährdung der Demokratie und die Herausforderungen gesprochen, die sich dadurch für Gesellschaft und Schulen ergeben. Mit der Forderung nach mehr Demokratievermittlung an den Schulen habe ich Lehrkräfte, Schüler und Eltern auf den Plan gerufen und dabei breite Unterstützung erfahren. In der KMK konnten wir eine Empfehlung für die Demokratiebildung und Menschenrechtserziehung verabschieden und haben eine gute Grundlage geschaffen, um diesen Weg weiterzugehen.

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. 

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

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