Koalitionsvertrag

„Digitale Bildung kommt nicht mit dem Möbelwagen“

Die geplanten Investitionen der großen Koalition in digitale Infrastruktur an Schulen reicht nicht aus. Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) fordert bessere Lehrerqualifizierung und Pflichtzeiten Informatik.

06.03.2018 Bundesweit Pressemeldung Gesellschaft für Informatik e.V. (GI)
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Laut den Plänen der großen Koalition von CDU/CSU und SPD soll der Bund die Ausstattung von Schulen mit IT-Infrastruktur weiter vorantreiben. Dafür soll der ‚Digitalpakt Schule’ den Bundesländern in den nächsten vier Jahren 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Ziel sei es, eine digitale Lernumgebung für alle Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen. Im Gegenzug sollen die Bundesländer die erforderliche Qualifikation der Lehrkräfte sicherstellen.

Prof. Dr. Torsten Brinda, Sprecher des GI-Fachbereiches ‚Informatik und Ausbildung/Didaktik der Informatik’ sieht jedoch gerade bei der Lehrerbildung erheblichen Nachbesserungsbedarf: „Dass Bundesländer, um Geld aus dem Digitalpakt zu erhalten, die erforderliche Qualifikation der Lehrkräfte gewährleisten müssen, ist zu begrüßen. Denn digitale Bildung kommt nicht mit dem Möbelwagen. Der Fokus auf Ausstattung und Infrastruktur ist zu kurz gedacht. Die unangenehme Wahrheit ist: Der Handlungsbedarf bei der Lehrerqualifikation ist enorm. Die Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern in Bezug auf digitale Medien reicht nicht aus. Schulen brauchen auch Lehrkräfte mit fundierter informatischer Qualifikation. Wir können nicht erwarten, dass alle Lehrerinnen und Lehrer die gesellschaftlich erforderliche informatische Bildung zusätzlich in ihre Fächer integrieren können oder wollen.“

Defizite sieht Torsten Brinda auch in den fehlenden Pflichtzeiten an den meisten Schulen: „Unser Ziel muss es sein unsere Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, die Zusammenhänge der ‚digitalen Welt‘ zu durchdringen. Nur so können sie diese aktiv gestalten und mehr als passive Konsumenten von Technologien werden. Nach meiner Überzeugung können wir das auf absehbare Zeit in der Breite nur erreichen, wenn wir ein Pflichtfach Informatik einführen, das die fächerintegrierte Medienbildung ergänzt.“

Die GI fordert daher, dass Bund und Länder ergänzend zu den im Koalitionsvertrag skizzierten Maßnahmen zum Lehren und Lernen mit digitalen Mitteln folgende vier Ziele verbindlich festlegen und deren Einhaltung Voraussetzung für die Bereitstellung von Bundesmitteln wird.

  1. Verpflichtende informatische Kompetenzen definieren
    Informatik ist das Fundament der Digitalisierung. Ohne eine Stärkung informatischer Kompetenzen in den Curricula scheitert die digitale Bildung unserer Gesellschaft. Es braucht daher verpflichtende nationale Bildungsstandards für Informatik auf Basis eines Länderkonsenses, die festlegen, welche informatischen Kompetenzen von allen Schülerinnen und Schülern mindestens erreicht werden müssen. Dieser Konsens muss in dann in den Ländern umgesetzt werden. Die Empfehlungen der GI zur informatischen Bildung im Primarbereich (VÖ folgt 2018), in der Sekundarstufe I (2008) und der Sekundarstufe II (2016) bieten dazu eine Diskussionsgrundlage.
  2. Konkreter Zeitplan und Überprüfung der Kompetenzen
    Bund und Länder müssen sich darauf verständigen, bis zu welchem Zeitpunkt deutsche Schülerinnen und Schüler die zuvor vereinbarten informatischen Kompetenzen in der Schule erwerben werden. Unabhängig vom Organisationsmodell informatischer Bildung, ob Pflichtfach oder fächerintegriert, sollten einheitliche nationale Standards als Evaluationsgrundlage dienen.
  3. Pflichtzeiten Informatik einführen
    Vergleicht man mit den internationalen Entwicklungen, so ist Deutschland bezüglich der informatischen Bildung weit abgeschlagen: viele uns umgebende Länder haben längst informatische Bildung verpflichtend für alle Schülerinnen und Schüler implementiert oder führen dies gerade ein. Es müssen Inhalte und Kompetenzen der Informatik und Medienbildung verknüpft und in Form von Pflichtzeiten in den Curricula aller Schulformen verankert werden.
  4. Ausbau der Informatiklehrerbildung
    Um dem Bedarf an informatischer Bildung in der gesamten Bildungskette zu entsprechen, bedarf es eines Ausbaus der Informatiklehrerbildung. In verschiedenen Bundesländern (z. B. Bayern) gibt es positive Erfahrungen mit der universitären Nachqualifikation von im Beruf befindlichen Lehrkräften anderer Fächer in einem Drittfach Informatik, womit sich der Bedarf kurzfristig lindern ließe. Mittelfristig bedarf es einer koordinierten Ausbildungsinitiative von Bund und Ländern zur Gewinnung von mehr Informatiklehrinnen und -lehrern.

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