Inklusion

Drei Fragen an: Raul Aguayo-Krauthausen

Streitthema Inklusion: Gemeinsames Lernen erfordert Ausdauer und Investitionen, sagt Raúl Aguayo-Krauthausen, Gründer des Vereins Sozialhelden.

04.02.2019 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © Andi Weiland 2014 Raúl Aguayo-Krauthausen ist Vorsitzender und Gründer des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden, dessen Projekte Menschen mit Behinderungen den Alltag erleichtern sollen.

    Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung verwendet werden.

Herr Aguayo-Krauthausen, wo gibt es in Deutschland in puncto Inklusion an meisten Aufholbedarf?
Die Frage kann man nicht so eindeutig beantworten, weil sich die Bundesländer sowohl in der Frage unterscheiden, wie inklusiv das Schulgesetz ist, als auch anschließend noch in der Qualität der Umsetzung. Im groben Überblick haben wir aber ein Gefälle von Nordwest (Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein) nach Süd und West. Unsere persönlichen Lieblingsfeinde sind Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg, aber auch Hessen. Sachsen hat sich bis zur erst kürzlich erfolgten Schulgesetzänderung der Verpflichtung der UN-BRK (Behindertenrechtskonvention der UN, Anm. der Red.) komplett entzogen. Bayern hat die Inklusion zwar im Schulgesetz verankert, verzettelt sich aber in wenig inklusiven Modellen wie Kooperationsklassen und hat nach jüngsten Statistiken demografie-bereinigt heute mehr Sonderschüler als vor zehn Jahren. Eine offensive Entwicklung der inklusiven Bildung sehen wir in Hamburg und Bremen, zum Teil in Berlin, aber da unter extrem schlechten personellen Bedingungen, und bisher in Schleswig-Holstein. Dort deutet sich aber seit dem Regierungswechsel eher der Rückwärtsgang an. Auch in Nordrhein-Westfalen befürchten wir inzwischen ein Rollback.

Fast jedes Bundesland geht bei der Inklusion einen anderen Weg. Wie kann mehr Vereinheitlichung erreicht werden?
Dies ist eigentlich Aufgabe der Kultusministerkonferenz. Die dortigen Diskussionen über Standards für inklusive Qualität sind aber sehr zäh. Darin spiegelt sich natürlich, dass viele der beteiligten Länder die inklusive Entwicklung nicht gerade mit Begeisterung vorantreiben. Es wird massiv gebremst. Es gibt keine Anzeichen, dass sich dies ändern könnte. Unserer Auffassung nach ist dies trotz Länderhoheit in der Bildung inzwischen ein Fall für die Bundesregierung. Die ist schließlich der UNO gegenüber verpflichtet, die UN-BRK im ganzen Land umzusetzen. Das Bundesbildungsministerium stellt sich jedoch bisher tot. Hoffnung könnte man mit einem Nationalen Bildungsrat verbinden, den der Bund ja plant. Allerdings müssten in diesem Nationalen Bildungsrat dann auch Experten zum Thema Inklusion vertreten sein, und vor allem auch Betroffene. Dies ist von der Bundesbildungsministerin aber bisher nicht vorgesehen.

Ist die Diskussion rund um die Inklusion eher ideologisch oder finanziell geprägt?
Es gibt beide Strömungen. Viele Diskutanten haben große Schwierigkeiten, Schule als Orte der individuellen Förderung ganz unterschiedlicher Schüler*innen zu denken. Und halten stattdessen am Konstrukt der homogenen Jahrgangsklassen fest, in denen alle in derselben Zeit denselben Stoff mit derselben Methode lernen. Das ist natürlich der größtmögliche Gegensatz zu inklusiver Schule. Eine inhaltlich skeptische Meinung zur inklusiven Bildung wird aber auch oft hinter finanziellen Aspekten verborgen. Man bekennt sich zur Inklusion, aber nur unter der Bedingung, dass völlig utopische sächliche und personelle Rahmenbedingungen vorhanden seien. Die finanzielle Diskussion wird auch völlig oberflächlich geführt. Dann werden angeblich zusätzliche Kosten der Inklusion beklagt und dabei völlig vergessen, welche hohen Mittel bis heute in die Sonderschulen fließen.

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. 

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  • Raúl Aguayo-Krauthausen, Inklusions-Aktivist und Autor
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  • Eva-Maria Thoms, 1. Vorsitzende mittendrin e. V.

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11:00 - 12:00 Uhr
Halle 7, D040/ E041
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  • Franziska Müller-Rech, Bildungspolitische Sprecherin der FDP im Landtag NRW
  • Jochen Ott, Bildungspolitischer Sprecher der SPD im Landtag NRW
  • Frank Rock, Bildungspolitischer Sprecher der CDU im Landtag NRW

19.02.2019
12:15 - 13:15 Uhr
Halle 7, D040/ E041
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e.V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

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