Interview

„Ein gewisser Druck in der Schule ist wichtig“

Woher kommt der Leistungsdruck der Schüler? Gibt es ihn überhaupt und wie hat er sich in den vergangenen Jahren verändert? Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands, im Interview über Schulstress und Prüfungsangst mit Anne Odendahl.

02.08.2017 Bundesweit Artikel Anne Odendahl
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Herr Meidinger, stehen Schüler heutzutage unter einem stärkeren Leistungsdruck als noch vor zehn Jahren?
Ich bezweifle nicht, dass Schüler unter Leistungsdruck stehen. Ich glaube aber nicht, dass der Druck heute stärker ist als noch vor 10 oder 20 Jahren. Der Druck ist vielleicht ein anderer geworden. 

Wie würden Sie diesen anderen Leistungsdruck beschreiben? 
Die Erwartungshaltungen sind gestiegen – sowohl bei den Eltern als auch bei den Kindern selbst. Bei vielen Ein-Kind-Familien lastet zum Beispiel der gesamte Bildungsdruck auf dem einen Kind. Und viele Kinder setzen sich schon früh selbst unter Stress, um ihre selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

© Deutscher Philologenverband

Heinz-Peter Meidinger ist deutscher Gymnasiallehrer und seit 2004 Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbands (DPhV). bildungsklick.de sprach mit ihm im Rahmen der didacta 2017 in Stuttgart.

Wie kann man verhindern, dass Kinder oder Eltern sich selbst unter Druck setzen?
Das ist schwierig, denn oft ist der Druck nicht direkt. Kinder spüren einen indirekten Druck, weil sie genau wissen, dass die Eltern bestimmte schulische Leistungen von ihnen verlangen. Sie merken, dass die Eltern enttäuscht sind, wenn sie diese Leistungen nicht erbringen. Die Eltern müssen an dieser Stelle umdenken, das Kind und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen und den Druck rausnehmen. Für die Kinder selbst ist es wichtig, ein gesundes Verhältnis zur Leistung zu gewinnen. Auch die Schule kann einen Beitrag leisten und mehr auf die Schüler eingehen, die beispielsweise unter Prüfungsangst leiden.

Sie selbst unterrichten an einer Schule. Was tun Sie, wenn Sie bemerken, dass ein Schüler sehr unter Druck steht?
An meiner Schule gibt es u.a. eine Schulpsychologin, die sich um betroffene Kinder kümmert. Darüber hinaus ist es wichtig, viele Gespräche zu führen – mit den Schülern und den Eltern. Vielen Lehrkräften helfen schon kleine Informationen weiter, um mit der Blockade der Schüler in der Prüfungssituation besser umgehen zu können. Denn sonst kann es passieren, dass ein Schüler fälschlicherweise verdächtigt wird, nicht gelernt zu haben, wenn er in der Prüfung nicht die geforderte Leistung erbringt.  

Oft sind es ja nur ein oder zwei Schüler, die betroffen sind. Wie kann man genau die auffangen, ohne die Prüfungssituation in der gesamten Klasse zu stören?
Es wäre falsch, die betroffenen Schüler unmittelbar vor der Prüfungssituation direkt darauf anzusprechen. Das würde den Druck nur weiter erhöhen. Stattdessen sollte der Lehrer mit der gesamten Klasse agieren, zum Beispiel eine Meditations- oder Beruhigungsphase vor der Prüfung einlegen. Ein kurzes von der Prüfungssituation ablenkendes Gespräch, bevor die Aufgabenblätter verteilt werden, kann die Situation ebenfalls entspannen.  

Gibt es für Sie ein gesundes Maß an Leistungsdruck?
Auf jeden Fall, denn unsere Gesellschaft beruht auf Leistung. Deshalb ist auch ein gewisser Druck in der Schule wichtig. Die Schule hat die Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler von den Qualifikationen her, aber auch emotional und psychisch auf die Gesellschaft vorzubereiten. Sie hat die Chance, diesen Lernprozess pädagogisch zu gestalten. Das sollte man nicht aus den Händen geben.


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