Studie

Großbaustelle Bildungssystem

Auch wenn sich die Schulen in Deutschland aus Sicht der Eltern in vielen Bereichen positiv entwickeln, gibt es im Bildungssystem immer noch einige Großbaustellen, die dringend angegangen werden müssen.

21.03.2018 Bundesweit Pressemeldung Jako-O
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In der aktuellen JAKO-O Bildungsstudie geben die Eltern der Bildungspolitik entsprechend nur die Note 3,3: Luft nach oben für die 16 Kultusministerien der Länder. Aber auch für die neue Bundesregierung, die – wie im Koalitionsvertrag festgehalten – die Rechtsgrundlage für direkte Investitionen des Bundes in die kommunale Bildungsinfrastruktur schaffen will. Die JAKO-O Bildungsstudie zeigt: Vor allem bei den Themen Ganztagsschule, Inklusion, dem längeren gemeinsamen Lernen, der individuellen Förderung und zeitgemäßen Lerninhalten sehen Eltern teils erheblichen Nachholbedarf. Für die repräsentative Studie wurden bundesweit 2.000 Eltern schulpflichtiger Kinder im Alter bis zu 16 Jahren von den Meinungsforschungsinstituten Mentefactum und Kantar Emnid befragt.

Baustelle 1: Ganztagsschulen für alle

Mit 72 % wünschen sich fast drei Viertel der in der 4. JAKO-O Bildungsstudie befragten Eltern eine Ganztagsschule für ihr Kind. Tatsächlich einen Ganztagsschul¬platz haben von ihnen derzeit jedoch nur 47 % (zum Vergleich 2014: 39 %). „Hier zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Elternwunsch und Realität“, sagt der Bildungsforscher Prof. em. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld.

Im Gegensatz zu anderen Ländern waren Halbtagsschulen in Deutschland lange Zeit Normalität. Als Reaktion auf den „PISA-Schock“ wurde das Angebot an Ganztagsschulen seit dem Jahr 2002 kräftig ausgebaut. Das Ziel: Die Bildung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Chancengleichheit in Deutschland zu verbessern. Die amtliche Statistik der Kultusministerkonferenz (KMK) zeigt, dass 2015 insgesamt 64 % aller allgemeinbildenden Schulen in Deutschland Ganztagsschulplätze anbieten. Die neue Bundesregierung verspricht nun, allen Grundschülern einen Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung einzuräumen. Allerdings nicht in dieser Legislaturperiode, sondern erst ab 2025.

"Mit dem quantitativen Ausbau allein ist es allerdings noch nicht getan“, so Tillmann, der auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Kooperationsprojekts „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG)“ ist. Eltern mahnen ebenso wie Bildungsexperten eine qualitative Verbesserung an. So sehen 37 % der Eltern bei den gegenwärtigen Ganztagsschulen Verbesserungsbedarf bei der individuellen Förderung. Jeweils 25 % sind unzufrieden mit der Hausaufgabenbetreuung, den Gesprächen zwischen Eltern und Pädagogen oder der Verknüpfung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten.

Baustelle 2: Inklusion erfolgreich umsetzen

Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen wird in allen Bundesländern vorangetrieben. Die 4. JAKO-O Bildungsstudie zeigt, dass die Inklusion bei den Eltern mehrheitlich auf Zustimmung stößt – entscheidend ist dabei allerdings die Art der Beeinträchtigung.

Nach Angaben der Eltern wird Inklusion mittlerweile an 38 % der deutschen Schulen gelebt. Den überwiegenden Teil der Inklusionsarbeit leisten dabei Gesamtschulen mit 58 %. Realschulen kommen beim gemeinsamen Unterricht lediglich auf 29 %. Gemeinsames Lernen mit körperlich beeinträchtigten Kindern befürworten neun von zehn Eltern (89 %, 2012: auch 89 %). Bei Kindern mit Lernschwierigkeiten sind 71 % der Eltern für inklusives Lernen (2012: 72 %), bei verhaltensauffälligen Kindern 49 % (2012: 46 %), bei geistig behinderten Kindern 41 % (2012: 46 %). Für Bildungs¬experten ein klares Zeichen: „Schulbehörden und Schulen sind aufgefordert, im Dialog mit den Eltern Widerstände und Ängste zu thematisieren und weitere Überzeugungsarbeit zu leisten“, sagt Prof. Dr. Dagmar Killus von der Universität Hamburg.

21 % der befragten Eltern geben an, dass ihr eigenes Kind eine Inklusionsklasse besucht. Jeweils 64 % von ihnen berichten von zusätzlichem pädagogischem Personal in den Klassen und fühlen sich über die pädagogischen Konzepte hinreichend informiert. 60 % sind der Ansicht, dass der gemeinsame Unterricht den verschiedenen Lernvoraussetzungen der Schüler Rechnung trägt. „Diese Ergebnisse sind positiver als erwartet, lassen aber gleichzeitig auch weiteren Entwicklungsbedarf erkennen“, sagt Killus.

Eine Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) unter 2.050 Lehrerinnen und Lehrern an allgemeinbildenden Schulen aus dem Frühjahr 2017 verdeutlicht dies: Die Hälfte der Befragten befürwortet zwar den gemeinsamen Unterricht, stellt der Inklusion in ihrer derzeitigen Form aber ein vernichtendes Zeugnis aus. Bemängelt werden vor allem die ungenügende materielle und finanzielle Ausstattung sowie die ungenügende Vorbereitung der Lehrer auf die neuen Herausforderungen. Viele Lehrer an Regelschulen fühlen sich mit den Inklusionsschülern alleine gelassen. Fast 80 % beklagen, dass es an ihrer Schule keine Unterstützung bei physischen und psychischen Belastungen gebe. 20 % sind der Ansicht, dass Regelschulen den erhöhten Förderbedarf von Inklusionskindern nicht leisten können.

Damit Inklusion wirklich funktioniert, fordern Bildungsexperten eine bessere Vorbereitung der Lehrkräfte durch Aus- und Weiterbildung, kleinere Klassen, multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften und Erziehern sowie eine durchgehende Doppelbesetzung mit einem Lehrer und einem Sonderpädagogen.

Baustelle 3: Längeres gemeinsames Lernen

Was die PISA-Siegerländer Finnland, Kanada und Japan von Deutschland unterscheidet? Unter anderem das längere gemeinsame Lernen aller Kinder. Frühestens nach der 8. Klasse werden die Kinder dort leistungsmäßig auf verschiedene Schulformen aufgeteilt. In Deutschland ist das in 14 Bundesländern bereits nach der 4. Klasse der Fall.

Für die Kinder bedeute dieser frühe Übergang von der Grund- in die weiterführende Schule oft eine hohe soziale und psychische Belastung, warnen Bildungsforscher. Außerdem wirkt es sich negativ auf die Chancengleichheit aus. „Ein hierarchisch gegliedertes Schulsystem ist immer auch ein Instrument der sozialen Auslese“, sagt Tillmann. „Je früher die Aufteilung stattfindet, desto stärker greift die Benachteiligung, da der Grundschule weniger Zeit bleibt, um herkunftsbedingte Bildungsnachteile auszugleichen.“

Viele Experten sehen ein gemeinsames Lernen bis zur Klasse 10 als sinnvoll an. Und auch die Eltern in Deutschland sprechen sich klar dafür aus, möglichst lange zusammen zu lernen. Laut der 4. JAKO-O Bildungsstudie sind 54 % dafür, dass die Kinder erst nach der 6. Klasse auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden (2010: 58 %). 13 % wollen den Übergang in die Sekundarstufe sogar erst nach der 9. Klasse (2010: 15 %). Für eine Trennung nach der 4. Klasse sind 31 % der Befragten (2010: 26 %). „Die Wünsche der Eltern stehen damit im klaren Widerspruch zur derzeitigen Praxis in den meisten Bundesländern“, betont Tillmann.

Baustelle 4: Heterogenität besser begegnen

Nicht nur bei den notwendigen qualitativen Verbesserungen der Ganztagsschulen mahnen die Eltern eine bessere individuelle Förderung der Schüler an. Auch bei der insgesamt sehr positiven Bewertung der Lehrkräfte durch die befragten Eltern wird deutlich: Gerade die beruflichen Kompetenzen, die für einen angemessenen und produktiven Umgang mit Heterogenität unerlässlich sind, schätzen die Eltern am schlechtesten ein. Nur 56 % meinen, dass die Lehrkräfte moderne Unterrichtsmethoden einsetzen. Jeweils knapp über 60 % geben an, dass die Lehrkräfte leistungsschwächere Schüler ausreichen fördern (62 %) und mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen gut umgehen (63 %). Die Absprache zwischen den Kollegen halten 64 % der Eltern für gut. „Obwohl die Heterogenität der Schülerschaft insgesamt zunimmt, gelingt es in der Wahrnehmung der Eltern den Lehrkräften offenbar noch nicht immer hinreichend, darauf didaktisch zu reagieren“, sagt Killus.

Baustelle 5: Lehrpläne modernisieren

Schule soll Kinder fit für ihre Zukunft machen und sie auf das Arbeitsleben vorbereiten. Klar ist: Die (Arbeits-)Welt verändert sich rasant. Das Schulsystem muss sich auf diese Veränderungen einstellen. Aus Elternsicht wäre es schon ein großer Schritt in die richtige Richtung, wenn die Lehrpläne stärker der Lebenswirklichkeit angeglichen würden. Vermisst werden praktische Inhalte, etwa zur Verbraucherbildung. 59 % der befragten Eltern gaben in der 4. JAKO-O Bildungsstudie an, dass der Bereich „wirtschaftliches Denken und Handeln“ in der Schule zu kurz kommt. Als weitere vernachlässigte Bereiche sehen Eltern „Ernährung und Gesundheit“ (48 %), „Computer- und Internetkenntnisse“ (41 %) und „Berufsorientierung“ (31 %) an.

Aus Sicht vieler Experten reicht die Veränderung der Lehrpläne jedoch bei weitem nicht aus. Sie fordern einen radikalen Umbau des Bildungssystems und sehen zum Beispiel Schulfächer als überholt an. Ein Vorbild könnte hier PISA-Spitzenreiter Finnland sein: Statt Fächern soll es hier bis zum Jahr 2020 nur noch Themen geben, die aus verschiedenen Perspektiven behandelt werden. Konkret bedeutet das, dass zum Beispiel beim Thema Klimawandel die Kosten berechnet werden, auf Englisch über den Klimawandel debattiert wird und in Geografie auf der Landkarte nachgeforscht wird. Die Lerninhalte lassen sich so wesentlich aktueller und flexibler gestalten als im herkömmlichen System. Zudem findet eine Vernetzung quer durch die verschiedenen Bereiche statt – Schüler können so komplexe Zusammenhänge leichter erkennen.

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