Gastbeitrag

„In Ländern mit einem stabilen System ist die Entwicklung positiv.“

Bei mehr als 37.000 Neuntklässlern aus 1.700 Schulen hat das Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) geprüft, inwieweit sie bereits die Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss in den Fächern Deutsch und Englisch erreichen. Stefany Krath sprach mit Prof. Dr. Petra Stanat über Erfolge, Misserfolge und mögliche Ursachen.

09.10.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG
  • © www.pixabay.de

Frau Prof. Dr. Stanat, was sind die wichtigsten Ergebnisse des aktuellen IQB-Bildungstrends?
In unserer aktuellen Studie können wir erstmals Trends beschreiben. Das IQB hat im Jahr 2009 das erste Mal die sprachlichen Fächer Deutsch und Englisch in der 9. Jahrgangsstufe getestet und im Jahr 2015 erneut. Daher können wir jetzt berichten, inwieweit sich die von den Schülern erreichten Kompetenzen innerhalb der Bundesländer verändert haben, und vor allem auch, inwieweit die erreichten Kompetenzen den Bildungsstandards der KMK entsprechen.

© IQB

Seit 2010 ist Prof. Dr. Petra Stanat Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin.

In welcher Hinsicht haben sich die Ergebnisse seit dem letzten Ländervergleich verändert?
Im Fach Deutsch gab es bundesweit betrachtet kaum substanzielle Veränderungen. Einzelne Länder haben sich allerdings in allen drei Kompetenzbereichen, Lesen, Zuhören und Orthografie, sehr positiv entwickelt, allen voran Brandenburg und Schleswig-Holstein. Baden-Württemberg ist das einzige Land, das im Fach Deutsch in mehreren Kompetenzbereichen eine ungünstige Entwicklung genommen hat. Im Fach Englisch ist der erfreuliche Befund, dass in allen Ländern das erreichte Kompetenzniveau gesteigert werden konnte: Die Schüler sind zwischen 2009 und 2015 sowohl im Leseverstehen als auch im Hörverstehen besser geworden. Eine Ausnahme ist wiederum Baden-Württemberg, wo die Veränderung in der Tendenz zwar auch positiv, statistisch aber nicht signifikant ist. Sprechen wir über die einzelnen Länder. Die Leistungen in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern haben sich kontinuierlich verbessert. Auch Sachsen liegt im Ranking in einigen Bereichen sogar vor Spitzenreiter Bayern. Was machen die ostdeutschen Bundesländer besser? Wir können in unseren Studien eigentlich nur beschreiben, was gelegentlich kritisiert wird. Dann heißt es: ‚Eure Ergebnisse bieten ja nur eine Bestandsaufnahme, lassen aber keine Schlussfolgerung darüber zu, worauf Veränderungen zurückzuführen sind.‘ Das stimmt, denn zwischen 2009 und 2015 hat sich vieles in den einzelnen Bundesländern getan, und es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, welche Maßnahmen genau dazu geführt haben, dass sich zum Beispiel in Schleswig-Holstein die Leistungen insgesamt günstig entwickelt haben. Ursachenforschung können wir nur gemeinsam im direkten Austausch mit den Ländern betreiben. Es gibt allerdings einige Faktoren, die wir als Ursache von Länderunterschieden in den erreichten Kompetenzen ausschließen können, wie etwa die Schulstruktur. Auf der einen Seite haben wir Länder mit zweigliedrigen Systemen, die sich sehr gut entwickelt haben. Zum Teil haben diese Länder sogar erst vor Kurzem auf ein zweigliedriges System umgestellt, wie etwa Schleswig-Holstein. Auf der anderen Seite haben wir das klassische dreigliedrige Schulsystem in Bayern, das eben auch immer sehr gut abschneidet. Die Befundlage der großen Schulleistungsstudien und der Bildungsforschung weist schon länger darauf hin, dass nicht die Schulstruktur für die Kompetenzentwicklung der Schüler entscheidend ist. Diese Erkenntnis ist jetzt auch bei der Politik angekommen.

Was sind denn mögliche Erfolgsfaktoren?
Bei der Veröffentlichung der Ergebnisse saßen die Bildungsminister Susanne Eisenmann aus Baden-Württemberg, Ludwig Spaenle aus Bayern und Ties Rabe aus Hamburg mit mir auf dem Podium. Alle drei waren sich einig: An der Schulstruktur liegt es nicht, sondern entscheidend ist die Unterrichtsqualität. Jetzt kann man natürlich fragen, wieso sich die Unterrichtsqualität in den Ländern offenbar unterschiedlich gut entwickelt hat. Eins fällt dabei auf: Länder mit einem stabilen Bildungssystem, in dem keine grundlegenden Veränderungen in der Schulstruktur umgesetzt wurden, erzielen recht konsistent gute Ergebnisse. Das sind neben Bayern beispielsweise auch die ostdeutschen Länder. In einzelnen ostdeutschen Bundesländern sind zwar neue Schularten dazugekommen, aber insgesamt waren die Systeme vergleichsweise stabil. Ich denke, es ist keine ganz abwegige Hypothese, dass eine solche Stabilität den Lehrkräften besser ermöglicht, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, nämlich guten Unterricht zu machen. Unter den westdeutschen Ländern hat Schleswig-Holstein das Thema Unterrichtsqualität schon sehr lange und intensiv auf der Agenda, ebenso wie Hamburg, das sich unter den Stadtstaaten wirklich gut entwickelt hat. Diese beiden Bundesländer waren auch schon früh federführend bei der Entwicklung hin zu einer stärkeren Kompetenzorientierung und bei der Einführung eines Bildungsmonitorings.

Hat das schlechte Abschneiden einiger Länder Ihrer Meinung nach etwas mit einer zu geringen Leistungsorientierung der Schüler zu tun?
Möglicherweise ist es die Leistungsorientierung der Schüler, möglicherweise aber auch die des gesamten Systems. Diese Hypothese wird – oft hinter vorgehaltener Hand – immer wieder diskutiert, vor allem für Bremen, aber auch für Berlin. Dabei wird die Frage aufgeworfen, inwieweit hier ähnliche Leistungserwartungen bestehen wie in anderen Bundesländern. Für Baden-Württemberg beispielsweise sind die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends völlig unakzeptabel, dabei liegt das Land trotz der ungünstigen Entwicklung in den meisten Kompetenzbereichen im bundesweiten Durchschnitt. Dennoch hat in Baden-Württemberg eine breite, sehr intensiv geführte Diskussion über die Frage eingesetzt, wie die Unterrichtsqualität verbessert werden kann. In Bremen und Berlin kann ich eine ähnlich breite und intensive Diskussion nicht erkennen. Hier wäre zum Beispiel über die Frage zu sprechen, wie der Anteil der Schüler reduziert werden könnte, die nicht die Mindeststandards erreichen. Eine solche Diskussion wäre dringend nötig.

Die Schüler in Baden-Württemberg haben sich in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch über alle Schularten hinweg verschlechtert. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Anhand unserer Daten können wir das nicht genau sagen, aber in Baden-Württemberg ist in den letzten 15 Jahren einiges verändert worden. Unter anderem hat das Land schon sehr früh, noch bevor die Bildungsstandards der KMK verabschiedet worden waren, neue Bildungspläne eingeführt, die sehr viel allgemeiner waren als die vorherigen Lehrpläne. Damit verbunden war, dass die Schulen eigene Schulcurricula schreiben sollten. Das habe zu erheblichen Verunsicherungen geführt, ist eine der Hypothesen, die im Land diskutiert werden. Später kamen unter verschiedenen Ministern weitere, zum Teil sehr umstrittene Reformmaßnahmen dazu, die ebenfalls Unruhe ins System gebracht haben. Für mich ist aber weniger interessant, was die ungünstige Entwicklung in Baden-Württemberg verursacht haben könnte, als vielmehr die Frage, was getan werden kann, um die Unterrichtsqualität weiterzuentwickeln. Darüber denkt man im Land derzeit mit vereinten Kräften nach.

Laut IQB erreichen 66 Prozent der Schüler am Ende der 9. Klasse die Regelstandards für den Mittleren Schulabschluss im Bereich Orthografie. Trotzdem beklagen sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker, dass die Rechtschreibleistungen der Schüler seit den 70er Jahren rapide nachgelassen haben. Wie bewerten Sie die Situation?
Belastbare empirische Daten aus den 70er Jahren liegen nicht vor. Für den Zeitraum zwischen 2009 und 2015 haben wir jedenfalls keine Evidenz dafür, dass die Rechtschreibleistungen schwächer geworden sind. Man muss sich bei solchen Aussagen auch vor Augen halten, dass wir in den 70er Jahren ein sehr viel schmaleres Gymnasium hatten – nur etwa 20 Prozent der Schüler haben damals ein Gymnasium besucht. Inzwischen gehen, je nach Bundesland, bis zu mehr als 40 Prozent der Schüler auf ein Gymnasium. Das beeinflusst die Heterogenität der Leistungen in dieser Schulart und mag eine Ursache für den Eindruck sein, dass die orthografischen Kompetenzen heute geringer sind als früher.

Das bedeutet, da werden Äpfel mit Birnen verglichen?
Letztlich ist es doch eigentlich so, dass die älteren Generationen darüber klagen, es werde alles immer schlimmer. Dabei wird häufig übersehen, dass die Schüler heute viele Dinge sicher besser können als in den 70er Jahren, beispielsweise Englisch. Ich will nicht sagen, dass das eine durch das andere kompensiert werden kann, und natürlich muss sichergestellt werden, dass Schüler gute Orthografiekenntnisse erwerben. Aber ich bezweifle, dass insgesamt betrachtet alles schlechter wird.

Gab es ein Ergebnis, das Sie besonders überrascht hat?
Baden-Württembergs Ergebnisse haben mich schon überrascht, obwohl sich das in Mathematik und den Naturwissenschaften im IQB-Ländervergleich 2012 schon abzeichnete. Auch die besonders gute Entwicklung in Schleswig-Holstein und Brandenburg habe ich so nicht unbedingt vorhergesehen. Allerdings muss man sagen, dass Brandenburg im Bereich Englisch viel unternommen hat. Das Land hat die Ergebnisse des IQB-Ländervergleichs 2009 sehr ernst genommen und seine Lehrkräfte intensiv nachqualifiziert. Was mich sehr gefreut, wenn auch nicht überrascht hat, sind die Ergebnisse Hamburgs. Hamburg hat wirklich viel in Qualitätsentwicklung investiert und sich dabei vor allem auf den Unterricht konzentriert. Das hat sich ausgezahlt. Für mich ist dies ein Beleg dafür, dass auch in einem Stadtstaat, in dem relativ viele Kinder aus zugewanderten und sozial schwachen Familien stammen, Verbesserungen möglich sind – Hamburg hat ja einen ähnlich hohen Migrantenanteil wie Berlin. Das Gute an unseren Bildungstrends, in denen wir den Fokus auf Veränderungen über die Zeit legen, ist: Alle können sich verbessern – und einigen Ländern ist das zwischen den Jahren 2009 und 2015 bereits gelungen.

IQB-Bildungstrend:
Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) ist ein wissenschaftliches Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin, das die Länder bei der Weiterentwicklung des Schulsystems unterstützt. Grundlage sind Bildungsstandards, die von der Kultusministerkonferenz der Länder beschlossen wurden. Diese Bildungsstandards definieren, welche Kompetenzen Schüler bis zu einem bestimmten Zeitpunkt entwickelt haben sollen. Das IQB hat den Auftrag, regelmäßig zu prüfen, inwieweit diese Standards in deutschen Schulen erreicht werden. Das geschieht unter anderem in Form des „IQB-Bildungstrend“. An der Studie 2015 nahmen Schüler der 9. Jahrgangsstufe in den Fächern Deutsch und Englisch teil. In einigen Bundesländern wurde außerdem der Kompetenzstand im Fach Französisch getestet. 2016 führte das IQB zudem eine Erhebung in der Primarstufe durch. Die Daten werden derzeit ausgewertet und im Oktober 2017 präsentiert. 2018 startet das Institut eine Erhebung in der Sekundarstufe I in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften. Diese Ergebnisse werden 2019 veröffentlicht.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 2-2017 veröffentlicht.


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden