Stellungnahme

Übertritt ohne Noten? Sozial Benachteiligte wären die Verlierer

Angesichts der heutigen Ausgabe der Übertrittszeugnisse macht Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands, deutlich: „Meldungen, nach denen sich heute entscheidet, ob ein Kind das Gymnasium besuchen und damit einmal studieren kann oder nicht, müssen entschieden zurückgewiesen werden."

02.05.2019 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)
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Michael Schwägerl: "Beim Übertrittszeugnis handelt es sich um eine Einschätzung, an welcher weiterführenden Schulart ein Kind seinen Begabungen, seinen Interessen und seiner Motivation entsprechend zunächst am besten gefördert werden kann.“ Über die aus der Berichterstattung deutlich werdende Geringschätzung der anderen Schularten muss sich Schwägerl wundern: „Einerseits wird der hohe Stellenwert der beruflichen Bildung in den letzten Jahren zu Recht wieder mehr betont, andererseits wird der Übertritt an eine andere Schulart als das Gymnasium medial als Katastrophe dargestellt.“ Schwägerl stellt klar: „Für ein Studium ist es nicht unabdingbar, von der vierten Jahrgangsstufe nahtlos ins Gymnasium zu wechseln. Wer studieren möchte, kann es von jeder Schulart an die Hochschule schaffen.“ Mehr als jeder fünfte Studienanfänger hat seine deutsche Hochschulzugangsberechtigung nicht am Gymnasium erworben, die Zahl der Studierenden ohne Abitur hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht.

Schwägerl befürwortet das Übertrittsverfahren in seiner bestehenden Form. Lediglich zu der 2009 erfolgten Festlegung auf den Richtwert von 22 Proben, aus denen die Übertrittsnote gebildet werden soll, hält Schwägerl eine Evaluierung für sinnvoll. „Hier sollte man prüfen, ob der Richtwert sein Ziel einer besseren bayernweiten Vergleichbarkeit sowie Planbarkeit für Schüler und Lehrkräfte tatsächlich erfüllt.“

Nicht unterstützen kann Schwägerl Forderungen nach einer Abschaffung des notenbasierten Übertrittsverfahren und weiß dabei die Wissenschaft auf seiner Seite: „Seit Jahren wird in Studien darauf hingewiesen, dass bei Freigabe des Elternwillens insbesondere Akademikereltern ihre Kinder auf das Gymnasium schicken, auch wenn diese vielleicht an einer anderen Schulart besser aufgehoben wären. Umgekehrt scheuen Eltern aus bildungsfernen Familien das vermeintlich (zu) schwere Gymnasium – der Elternwille öffnet also die soziale Schere, anstatt sie zu schließen! Die Durchschnittsnote abzuschaffen und stattdessen auf die Eignungsempfehlung der Grundschullehrkraft zu setzen, ist ebenfalls höchst problematisch: Mit dem Schulwesen vertraute Akademikereltern, die mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein in der Schule auftreten, könnten starken Druck auf die Grundschullehrkräfte für eine entsprechende Empfehlung ausüben – und womit sollen diese ihre Eignungsempfehlung juristisch wasserdicht belegen, wenn nicht mit Noten?“ 


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