Gastbeitrag

„Wir zehren von unserem guten Ruf“

Schweden gilt als Vorbild für schulische Inklusion: Bereits seit 1962 soll eine neunjährige Grundschule ein gemeinsames Lernen ermöglichen. Für Dr. Thomas Barow, deutscher Sonderpädagoge an der Universität Göteborg, besteht trotzdem dringend Handlungsbedarf.

27.07.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Pia Behme
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Herr Dr. Barow, hat Schweden das perfekte Inklusionssystem?

Sicherlich nicht. Dazu gibt es zu viele Hindernisse und Erschwernisse bei der praktischen Umsetzung. Wir haben in Schweden beispielsweise eine Sonderschule, die „särskola“ für Schüler mit geistiger Behinderung, die seit fünf Jahren auch wieder nach einem eigenen Lehrplan unterrichtet. Daneben gibt es im Schulgesetz auch die Möglichkeit einer „individuellen Integration“ dieser Schüler in die Grundschule. Leider geht der Trend wieder in Richtung Sonderschule: 2005 besuchten noch 16 Prozent der Schüler mit geistiger Behinderung eine allgemeine Grundschule, 2015 waren es nur noch 11 Prozent. Wir gehen also rückwärts in der Entwicklung. Ich bezeichne Schweden nicht als Vorbild für Inklusion, wenngleich wir hier zweifellos sehr positive Ansätze haben. Aber wir zehren doch sehr von unserem guten Ruf.

Warum galt Schweden lange als Inklusionsvorbild?

Das ist historisch bedingt. Schweden hat schon 1962 eine Grundschule eingeführt, in der alle Kinder von Klasse 1 bis 9 gemeinsam lernen sollen. Parallel dazu gab es eine ganze Reihe sozialer Reformen. Man hat zum Beispiel in den 60er Jahren begonnen, Heime für Menschen mit geistiger Behinderung aufzulösen und durch kleinere Wohneinheiten zu ersetzen. Diese Reformpolitik der Nachkriegszeit wirkt stark nach und hat das Schwedenbild in Deutschland nachhaltig beeinflusst. Schweden hat sich seit Anfang der 90er Jahre aber massiv gewandelt. Wir haben mittlerweile sehr viele private Schulen. Es gibt Konzerne, die Schulen betreiben und Gewinne abschöpfen. Es hat eine extreme Liberalisierung des Schulwesens stattgefunden, die mittlerweile von vielen bereut wird.

Nach einem Sonderpädagogikstudium an der Universität zu Köln arbeitete Dr. Thomas Barow zehn Jahre als Sonderschullehrer in Deutschland. Er promovierte 2007 an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über die sogenannte „Schwachsinnigenfürsorge“ in Schweden von 1916 bis 1945. Seit 2008 lehrt er Sonderpädagogik in Schweden, aktuell an der Universität Göteborg.

Der Begriff „Inklusion“ kommt im schwedischen Schulgesetz und in den Lehrplänen überhaupt nicht vor. Das Ziel ist natürlich, alle Kinder gemeinsam in der Grundschule zu unterrichten, aber es gibt Einschränkungen: Die Sonderschule oder „särskola“ besuchen Schüler, bei denen eine geistige Behinderung diagnostiziert wurde. Ansonsten gibt es Fördergruppen für Kinder mit Verhaltensschwierigkeiten, zum Beispiel für Kinder mit einer ADHS-Diagnose. Wenn es allerdings „nur“ um die Leistungen geht, wenn jemand aus welchem Grund auch immer nicht gut lesen, schreiben, rechnen kann, dann bleibt er eher im allgemeinen Klassenverband, wo die sonderpädagogische Förderung erfolgen soll. Die Schulpflicht endet nach dem 9. Schuljahr. Die meisten Jugendlichen besuchen jedoch weiter die gymnasiale Oberstufe, um dort einen Abschluss zu machen. Allerdings schaffen sehr viele Schüler den Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule nicht, weil ihre Noten nicht ausreichen. Zurzeit erfüllt etwa jeder Neunte noch nicht die Anforderungen und absolviert im Gymnasium zunächst ein „Einführungsprogramm“, das jedoch eine hohe Abbruchquote aufweist. Das ist ein großes Problem, sowohl für den Einzelnen als auch für das Bildungssystem im Ganzen.

Ist Inklusion ein Thema im öffentlichen Diskurs?

Von Einzelinitiativen abgesehen, kaum. Ich erlebe einen Stillstand bis langsamen Rückschritt in Fragen inklusiver Bildung. Vor etwa 15 Jahren gab es das sogenannte „Carlbeck-Komitee“, das im staatlichen Auftrag untersuchte, wie Grund- und Sonderschule besser zusammenarbeiten können, damit die Sonderschule eines Tages möglicherweise überflüssig wird. 2006 gab es einen Regierungswechsel: Der bis 2014 amtierende Schulminister Jan Björklund von den Liberalen sagte damals in einem Interview, er habe den Komitee-Bericht über die Zusammenarbeit von Grund- und Sonderschule in den Papierkorb geworfen. Wir haben zwar mittlerweile eine neue Regierung, aber das Thema Inklusion steht nicht im Vordergrund. Seit einigen Jahren ist die Diskussion über sinkende Schulleistungen stärker, also das, was man in Deutschland als PISA-Schock bezeichnet hat.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf in Schweden?

Es gibt Handlungsbedarf in unterschiedlichen Bereichen: Wir müssen massiv daran arbeiten, dass wir bei der Inklusion von Schülern mit geistiger Behinderung nicht den Anschluss an internationale Entwicklungen verlieren. Ein anderer Punkt ist, dass die sonderpädagogische Förderung noch stärker als bisher in den allgemeinen Schulen vorgenommen werden muss. Es gibt zum Beispiel Sonderklassen, die formal Teil allgemeinbildender Schulen sind, aber in einem Gebäude einen Kilometer von der eigentlichen Schule entfernt unterrichtet werden. Das entspricht in der Realität einer Sonderschule, heißt aber nicht so. Der Ausgangspunkt ist dabei vor allem die Entwicklung der allgemeinen Schule.

Wie sieht die sonderpädagogische Förderung aus?

Bis 2014 wurden Schüler, bei denen die Gefahr bestand, die Lernziele nicht zu erreichen, sonderpädagogisch nach einem Förderplan unterstützt. Das waren bis dahin 12 bis 13 Prozent aller Schüler. Inzwischen erhalten infolge einer Reform nur noch Kinder mit umfassendem Förderbedarf einen Förderplan, das sind etwa sechs Prozent. Für alle anderen – die ebenfalls die Lernziele zumindest teilweise verfehlen – wurde ein neuer Begriff ins Schulgesetz eingeführt, die sogenannten „besonderen Anpassungen“. Das sind Fördermaßnahmen im Rahmen des allgemeinen Unterrichts, beispielsweise eine spezielle Leseunterstützung. Die schwedische Schulinspektion, die für die Qualitätssicherung verantwortlich ist, kritisiert allerdings, dass nur unzureichend evaluiert wird, welche Auswirkungen diese besonderen Anpassungen haben. Untersuchungen zeigen, dass Kinder eher sonderpädagogisch gefördert werden, wenn eine konkrete medizinische Diagnose vorliegt. Das führt in den letzten Jahren zu einem Anstieg von Diagnosen, etwa im Autismus-Spektrum. Nach meinem Verständnis von inklusiver Bildung möchte man zwar wegkommen vom Denken „wir Normalen“ versus „die Anderen“, stattdessen verstärkt sich eher die Tendenz, zwei Schülergruppen zu unterscheiden: die mit und die ohne Behinderung.

Wie unterscheidet sich der deutsche Inklusionsansatz vom schwedischen?

Der Grundgedanke ist derselbe: dass man Kinder und Jugendliche unabhängig von ihren Voraussetzungen – sei es sozialer Hintergrund, Behinderung, Ethnizität usw. – gemeinsam unterrichtet. Dazu wird auf den Ebenen Schule und Schulsystem, Schulklasse und Individuum ein pädagogisches Gesamtkonzept benötigt. Insbesondere die Kompetenz der Lehrkräfte, auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen einzugehen, muss gestärkt werden. Was Schweden stark von Deutschland unterscheidet, ist die Tatsache, dass in den meisten deutschen Bundesländern die Kinder nach der 4. Klasse in verschiedene Schulformen kommen. Diese frühzeitige Aufteilung verläuft völlig konträr zum Gedanken inklusiver Bildung.

Was kann Deutschland von Schweden lernen?

Als ich zwischen 1999 und 2008 als Sonderschullehrer in Deutschland gearbeitet habe, gab es immer einen Legitimationsdruck: Warum sollen Kinder mit Behinderungen jetzt auch in reguläre Klassen gehen? Mich beeindruckt immer wieder, dass es in Schweden eine große Offenheit für Inklusion gibt. Wenn ich mit meinen Studenten diskutiere, geht es weniger um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Aber auch in Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren vieles verändert: bildungspolitische Reformen, Schließung zahlreicher Förderschulen, neue Professuren für inklusive Bildung etc.

Der Inklusionsbegriff wird meist in Bezug auf Menschen mit Behinderungen verwendet. Internationalen Abkommen zufolge umfasst er aber weit mehr. Die UNESCO forderte in der Salamanca-Erklärung bereits 1994, „dass Schulen alle Kinder, unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten, aufnehmen sollen. Das soll behinderte und begabte Kinder einschließen, Straßen- sowie arbeitende Kinder, Kinder von entlegenen oder nomadischen Völkern, von sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Minoritäten sowie Kinder anders benachteiligter Randgruppen oder -gebiete.“

Kann Schweden auch etwas von Deutschland lernen?

Absolut. In Schweden muss ein Lehrer erst seit Kurzem die entsprechende Ausbildung haben, um weiter unterrichten und benoten zu können. In den Sonderschulen ist nicht einmal jede zweite Lehrkraft sonderpädagogisch qualifiziert. An den Hochschulen werden Sonderpädagogen im berufsbegleitenden Teilzeitstudium ausgebildet. Meine Studenten arbeiten fast alle schon in diesem Bereich, obwohl sie sich noch in der Ausbildung befinden. Diesbezüglich haben die Schweden ein Qualitätsproblem. Die Qualität der Lehrerausbildung in Deutschland ist nicht zu unterschätzen.

In Deutschland spricht man häufig über die Überforderung von Lehrkräften. Gibt es diese Debatte auch in Schweden?

Im Grunde ja, es wird vielleicht nicht so offen ausgesprochen. Aber wenn man sich mit den Studenten unterhält, dann ist Überforderung schon ein Thema. Lehrkräfte müssen vernünftig vorbereitet und ausgebildet werden, das heißt, sie müssen Kompetenzen mitbringen und weiterentwickeln können. Zum Beispiel: Wie gehe ich mit einem Kind um, das ein herausforderndes Verhalten zeigt? Wie kann Heterogenität als Ressource genutzt werden? Da kann man sowohl in Schweden als auch in Deutschland vieles verbessern.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 1-2017 veröffentlicht. 


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