Sprachförderung

Wenn Geschichten viele Sprachen sprechen

Immer weniger Kinder verfügen über ausreichende Sprach- und Lesekompetenzen – gleichzeitig wächst die sprachliche Vielfalt in Kitas. Wie dialogisches und mehrsprachiges Vorlesen Sprache fördern kann und welche Fragen Kinder unterstützen können. Von Franziska Schuberl

27.10.2026 Bundesweit Artikel Meine Kita
  • Junge Frau liest einer Gruppe Kinder etwas vor. © www.pexels.com Wenn Kinder Bücher auch in ihrer Familiensprache erleben, fühlen sie sich mit ihrer Identität ernst genommen.

32 Prozent der ein- bis achtjährigen Kinder in Deutschland wird zu Hause selten oder nie vorgelesen. Das zeigt der Vorlesemonitor 2024 der Stiftung Lesen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Studien wie IGLU und der IQB-Bildungstrend zeigen, dass die Lesekompetenzen von Kindern in den vergangenen Jahren zurückgegangen sind. Frühe Sprachbildung gewinnt deshalb umso mehr an Bedeutung – und Kitas spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Rund jedes vierte betreute Kind in Deutschland wächst nach der Kinder- und Jugendhilfestatistik in einer Familie auf, die überwiegend nicht Deutsch spricht. Lange wurde Mehrsprachigkeit vor allem als Herausforderung betrachtet. Heute zeichnet die Forschung jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache fasst den aktuellen Forschungsstand so zusammen: Kinder lernen Sprachen nicht gegeneinander. Vielmehr baut der Erwerb weiterer Sprachen auf bereits vorhandenen sprachlichen Kompetenzen auf. Eine gut entwickelte Erstsprache unterstützt somit auch das Lernen einer weiteren Sprache. Entscheidend ist daher nicht, welche Sprache ein Kind spricht, sondern dass es vielfältige Gelegenheiten erhält, Sprache aktiv zu erleben und zu nutzen.

Fakten zur Lesekompetenz

  • Jedes vierte Kind in Deutschland verfehlt am Ende der Grundschule die Mindeststandards im Lesen.
  • 39 Prozent der 15-Jährigen aus den sozial am stärksten benachteiligten Familien erreichen im Lesen nur die unterste Kompetenzstufe, in Mathematik sind es 47 Prozent.
  • Jedem dritten Kind in Deutschland wird selten oder nie vorgelesen.
  • Jede zweite Familie verfügt über höchstens zehn Kinderbücher.
  • Jedes fünfte Kind liest ungern.
  • Die Zahl der Buchkäuferinnen und -käufer im Alter von 10 bis 15 Jahren sank 2025 gegen über 2024 um 30,6 Prozent.

Quellen: IGLU 2021; PISA 2022; Vorlesemonitor 2023/2024; McElvany et al. 2023; Börsenverein des Deutschen Buchhandels 2026.

Genau hier setzt gemeinsames Lesen an. „Lange bevor die Schule beginnt, passiert ganz viel, was sich positiv darauf auswirken kann, ob Kinder später lesen und gerne lesen“, betont Sigrid Scherer, Geschäftsführerin von coach@school e. V., einem gemeinnützigen Verein, der Programme zur Sprach- und Leseförderung für Kinder in Kitas und Grundschulen entwickelt und begleitet. Sie ist überzeugt: Wem regelmäßig Geschichten vorgelesen werden, erweitert seinen Wortschatz, entwickelt ein Sprachgefühl und entdeckt die Freude an Büchern. Gleichzeitig entstehen intensive Beziehungs- und Gesprächsmomente zwischen Kind und Erwachsenem.

Besonders wirksam ist das dialogische Lesen. Das ursprünglich vom US-amerikanischen Entwicklungspsychologen Grover J. Whitehurst entwickelte Konzept versteht Vorlesen nicht als Einbahnstraße. Erwachsene lesen nicht einfach vor, sondern beziehen Kinder aktiv in die Geschichte ein: Sie stellen offene Fragen, greifen Äußerungen der Kinder auf, lassen Raum für Vermutungen und regen die Kinder dazu an, die Geschichte weiterzuerzählen oder Gefühle und Handlungen der Figuren einzuordnen. Zahlreiche internationale Studien zeigen, dass dialogisches Lesen Wortschatz, Sprachverständnis und Erzählkompetenz wirksam fördert – insbesondere bei Kindern mit sprachlichem Förderbedarf oder beim Erwerb einer Zweitsprache.

Gerade in mehrsprachigen Kitas gewinnt dieser Ansatz zusätzlich an Bedeutung. Wenn Kinder Bücher auch in ihrer Familiensprache erleben, fühlen sie sich mit ihrer Identität ernst genommen. „‚Meine Sprache ist auch Teil der Kultur in der Kita‘ – das ist für die Kinder und Familien eine große Anerkennung“, beschreibt Scherer diesen Effekt. Werden Familiensprachen im Kita-Alltag sichtbar, stärkt das nicht nur das Selbstwertgefühl der Kinder, sondern erleichtert auch die Zusammenarbeit mit den Familien.

Wie sich dieser Ansatz praktisch umsetzen lässt, zeigt beispielsweise das Bücherkofferprogramm für die Kita von coach@school. Mehrsprachige Bilderbücher, Elternmaterialien in verschiedenen Sprachen und Impulse für das dialogische Lesen unterstützen Fachkräfte dabei, Sprachbildung selbstverständlich in den Kita-Alltag einzubinden. Entscheidend ist dabei weniger das Material als die Haltung. „Wir wünschen uns, dass das kein Zusatzthema ist, sondern das Vorlesen und die Sprachen der Kinder im Alltag in der Kita Raum bekommen“, erklärt Scherer. Mehrsprachigkeit beginnt für sie nicht mit einem besonderen Projekt, sondern mit einer einfachen Frage: Welche Sprachen bringen die Kinder mit in die Kita? Denn wenn ihre Familiensprachen wertgeschätzt und selbstverständlich in den Kita-Alltag einbezogen werden, erfahren Kinder, dass ihre Herkunft, ihre Sprache und damit auch sie selbst willkommen sind.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Magazin Meine Kita, Ausgabe 03/2026, S. 24-25. Passende Praxistipps sind auf S. 26-27 zu finden. www.meinekita.de



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