Studierte Erzieherinnen
Puppenecke, Bastelteppich, Sandkasten - dieses Bild vom Kindergarten ist nicht bloß heillos überholt - es trifft selbst auf die Anfänge dieser Einrichtung kaum zu. Schon Friedrich Fröbel, der 1840 den ersten "Allgemeinen Deutschen Kindergarten" in Blankenburg gründete, wollte Kindern zu "selbstgefundenen Wahrheiten" verhelfen und ließ deswegen auch die Kindergärtnerinnen speziell schulen. Doch 164 Jahre später mahnt die OECD in ihrer Studie Starting Strong II ausgerechnet in dem Land, in dem der Kindergarten erfunden wurde, dringend eine bessere Ausbildung der Erzieherinnen an.
18.12.2006 Artikel„Obwohl die Ausstattung der Gebäude, der Innen- und Außenräumlichkeiten und Materialien im Allgemeinen gut ist, müssen die Investitionen in die Erstausbildung der Beschäftigten und die Gehälter gründlich überdacht werden, wenn die Kindergärten an Qualität gewinnen und als Grundlage für lebenslanges Lernen gelten sollen“, heißt es im OECD-Länderbericht „Die Politik der frühkindlichen Betreung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland“ vom November 2004.
Die Experten, die im Sommer desselben Jahres Deutschland besucht hatten, wurden noch deutlicher: „Gemessen an europäischen Standards findet die Ausbildung der deutschen Beschäftigten in der FBBE (Frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung) auf niedrigem Niveau statt. Deutschland und Österreich sind die einzigen Länder Westeuropas, in denen keine nennenswerte Präsenz von Beschäftigten in der Kindertagesbetreuung mit einergrundlegenden Hochschulausbildung zu verzeichnen ist.“ Beschäftigte, die eine formellere Ausbildung und ein spezialisierteres Training im frühkindlichen Bereich genossen hätten, böten „den Kindern stimulierendere, warme und unterstützende Interaktionen, nicht zuletzt im sprachlichen Bereich.“
Diese Erkenntnisse und Empfehlungen waren nicht neu. Schon seit langem forderten Experten wie der international renommierte Frühpädagoge Professor Wassilios Fthenakis von der Universität Bozen eine Hochschulausbildung für Erzieherinnen. Denn, so Fthenakis, „wir brauchen die am besten ausgebildeten Pädagogen für den Kindergartenbereich und für den Grundschulbereich.“
Und die soll es jetzt geben. "Der Anfang ist gemacht" resümierte jüngst die GEW, die bereits seit Jahrzehnten immer wieder die bessere Qualifizierung der Erzieherinnen thematisiert. Und der Anfang sieht gar nicht mal so schlecht aus. Denn immerhin bieten bereits fünfzehn Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland derzeit eine Erzieherinnenausbildung auf Hochschulniveau an. Allerdings sind Zugangsvoraussetzungen, Studieninhalte und schließlich auch die Kosten für ein solches Studium sehr unterschiedlich. Neben Vollzeitstudiengängen gibt es auch berufsbegleitende Angebote. Das macht Studieninteressierten eine Orientierung nicht gerade leicht.
Bildungspläne
Alle 16 Bundesländer haben in den letzten Jahren Bildungspläne für Kindergärten verabschiedet. Denn spätestens seit der heftigen Diskussion über die PISA-Ergebnisse stand auch die frühkindliche Bildung ganz oben auf der Agenda. Doch mit Bildungsplänen allein ist es nicht getan. Für die erste Stufe des Bildungssystems werden Profis gebraucht. Denn die müssen einiges stemmen. So sollen die Erzieherinnen die sprachliche Entwicklung der Kinder ebenso fördern wie deren musisch-kreative Fähigkeiten. Sie sollen Kinder darin unterstützen, selbst Antworten auf ihre vielen Fragen zu Natur und Technik zu finden. Sie sollen den Übergangsprozess zur Grundschule mit pädagogischer Kompetenz gestalten und Eltern professionell beraten.
Vernetzte Hochschulen
Da reicht die dreijährige Fachschulausbildung nicht mehr aus, zumal sie ohnehin ein Breitbandausbildung für die Kinder- und Jugendhilfe war, meint Dr. Monika Lütke-Entrup: "Die Absolventen dort sind qualifiziert für die Arbeit mit Kindern bis zu 16 Jahren. Sie sind keine speziell ausgebildeten Frühpädagogen, sondern Fachkräfte für die Kinder- und Jugendhilfe mit sozialpädagogischer Ausrichtung. Und die sozialpädagogische Ausrichtung hat bisher immer auch den Charakter gehabt, dass Defizite in Familien oder bei Entwicklungsprozessen aufgefangen werden sollen." Für den Kindergarten aber braucht es andere Qualifikationen. "Hier muss man eher von einem chancenorientierten Ansatz ausgehen, man muss jedes individuelle Talent heben."
Lütke-Entrup ist Projektleiterin von PiK - Profis in Kitas. Das Projekt wurde von der Robert-Bosch-Stiftung vor einem Jahr gestartet, um "einen Beitrag zur Etablierung der Frühpädagogik im Bildungssystem zu leisten". Fünf Hochschulen entwickeln hier Bildungsinhalte für ihre frühpädagogischen Studiengänge. Dabei ist das Stichwort Vernetzung entscheidend. Das trifft nämlich sowohl für die Hochschulen untereinander zu als auch für eine enge Verzahnung mit der pädagogischen Arbeit in den Kindertageseinrichtungen. Denn was man nicht will, sind frühpädagogische Experten, die weitestgehend jenseits der Praxis ausgebildet werden.
Wichtig: berufsbegleitende Bachelor-Ausbildungen
20 bis 40 Studierende nehmen die Hochschulen für dieses Studium auf, während Fachschulen durchaus bis zu 1000 Schüler zählen. Grundständige Studiengänge in dieser Größenordnung reichen nicht aus, um die Erzieherausbildung in absehbarer Zeit grundlegend zu verändern. "Es wird nicht ausreichen, Erzieherinnen auf Hochschulniveau auszubilden und speziell die Leiterinnen und Kolleginnen und Kollegen, die in den letzten Jahrzehnten die Arbeit in den Tageseinrichtungen geleistet haben, nicht zu berücksichtigen", rechnet Norbert Hocke vom GEW Hauptvorstand vor. "Wir brauchen mehr berufsbegleitende Bachelor-Ausbildungen für Erzieherinnen, die bereits in der Praxis tätig sind." Einen solchen Studiengang will die GEW jetzt in Schleswig Holstein mitentwickeln.
Die Fachschulen werden also weiter Bestand haben, das bestätigt auch Monika Lütke-Entrup, allerdings sollte diese Ausbildung an neue Rahmenbedingungen angepasst werden. Das heißt, die Curricula, die jetzt an den Hochschulen entstehen, müssen mit dem Lehrplan der Fachschulen abgestimmt werden. "Denn das Ziel ist, dass eine kompetente Erzieherin mit einem Fachschul-Abschluss dann auch die Chance hat, sich über ein Bachelor- und Masterstudium weiter zu qualifizieren."
Die ersten Absolventinnen
Der Anfang ist gemacht - auch wenn noch viele Fragen ungelöst sind. Etwa, wo die zukünftigen Absolventen – die ersten werden im Sommer 2007 die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin mit einem Bachelor-Abschluss verlassen – unterkommen.
Ein erste Hürde könnten die anstehenden Tarifverhandlungen im nächsten Jahr sein, meint Norbert Hocke: "Da beweist sich dann, ob die ganzen Sonntagsreden, die auf jedem Gipfel gesungen werden, wirklich Hand und Fuß haben." Sonst könnte passieren, dass die gut ausbildeten Frühpädagogen sich doch andere - besser bezahlte - Berufsfelder suchen, und die Kindergärten leer ausgehen.
Das Thema auf der didacta
Auf der größten Bildungsmesse Europas ist die Aus- und Fortbildung der Erzieherinnen ein zentrales Thema im Kongress- wie Ausstellungsbereich. So werden sich rund 3000 Erzieherinnen in den Kiga-Seminaren der didacta 2007 fortbilden. Dabei geht es unter anderem um elementare mathematische Bildung, um Ergebnisse der Hirnforschung, um Schuleingangsdiagnostik und um Sprachförderung. In diesem Rahmen organisiert der Landschaftsverband Rheinland am Donnerstag, 1. März 2007, eine Tagesveranstaltung für mehrere hunderte Leiterinnen von Kindertageseinrichtungen zum Thema "Stark im Netzwerk - Familienzentren NRW, der Anfang ist gemacht". Ein weiteres Highlight ist das Symposium „Kompetenzen in Kingergarten und Grundschule – gewinnen ohne zu verlieren?!“, das den Übergang von der Vorschule in die Grundschule thematisiert und Erzieherinnen wie Grundschullehrerinnen gleichermaßen anspricht. Universitäten und Fachhochschulen stellen ihre frühpädagogischen Studiengänge vor, Experten diskutieren unter anderem über gemeinsame Ausbildungskonzepte für alle Pädagogen und Verlage zeigen ihre aktuellen Angebote zur Aus- und Fortbildung und die modernsten Bildungsmaterialien für die Kindergärten.
Weiterführende Links
- Übersicht Bachelor-Studienangebote (Elementar-/Frühpädagogik; Bildung und Erziehung im Kindesalter)
- Die GEW zur Erzieherinnenausbildung
- Homepage Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis
- Programm der KiGA-Seminare
- Robert Bosch Stiftung: Profis in Kitas
- Programmflyer des Symposions "Kompetenzen in Kindergarten und Grundschule"
- OECD Länderbericht „Die Politik der frühkindlichen Betreung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland“
- Kurzfassung des Länderberichts
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