Taten statt Worte, Herr Minister!
Zum Schuljahresbeginn ist die Liste der am dringendsten zu erledigenden Aufgaben für den Bayerischen Kultusminister nach wie vor lang. Die heutige Pressekonferenz des Ministeriums zeigt wenig konkrete Umsetzungsschritte. Die GEW fordert aus diesem Anlass erneut: den Ausbau der möglichst frühen Förderung aller Kinder, eine durchgehende individuelle Förderung, die deutliche Reduzierung der Schüler ohne jeglichen Abschluss und mehr Freiräume und Ergebnisverantwortung für alle Schularten.
08.09.2006 Bayern Pressemeldung GEW BayernDie Mängel im bayerischen Schulsystem sind unübersehbar. In keinem anderen Bundesland entscheidet beispielsweise die soziale Herkunft so nachhaltig über den Schulerfolg wie in Bayern. Der Freistaat "leistet" sich darüber hinaus die zweithöchste Wiederholerquote und fördert vor allem Migrantenkinder unzulänglich. Die geringste Abiturientenquote und einer der letzten Plätze bei der Anzahl von Studienberechtigten komplettieren die Negativliste. Oskar Brückner, Vorsitzender der GEW Bayern: "Dem hoch selektiven bayerischen Schulsystem gelingt es nicht, selbst Schüler mit guten und überdurchschnittlichen Kompetenzen zu den entsprechend hohen – ihnen eigentlich möglichen – Schulabschlüssen zu führen."
Die GEW sieht im streng gegliederten Schulsystem einen der Hauptgründe der Fehlleistungen bayerischer Schulpolitik. Im Interesse der Schüler, Eltern und Lehrer muss unmittelbar ein konsequentes Angehen gegen diese Missstände einsetzen. Der Erfolg einer zukunftsfähigen Schulpolitik misst sich nach Ansicht der GEW in folgenden Indikatoren: Reduzierung um jährlich 15 – 20% …
- der Rückstellungen bei Einschulung durch individuelle Förderung im Kindergarten.
- der Wiederholerquote, stattdessen gezielte Förderung. Die Wiederholer kosten Bayern jährlich fast 250 Mio. €.
- der Überweisungsquote an Förderschulen, stattdessen ausreichende sonderpädagogische Betreuung in den Regelklassen.
- der Quote der Schulabgänger ohne Schulabschluss durch gezielte Förderprogramme und konsequente individuelle Förderung.
der Quote der "Abschulungen" (Verweisung auf eine "niedere" Schulart). Im Sinne einer Ergebnisverantwortung der Schulen müssten die als geeignet aufgenommen Schüler durch entsprechende Förderung behalten werden.
Als bildungspolitisch besonders wichtig sieht die GEW die konsequente Förderung von Migrantenkindern. Oskar Brückner: "Migranten müssen die gleichen Chancen erhalten wie deutsche Kinder. Durch gezielte Unterstützung kann und muss ihr Anteil an Förder- und Hauptschulen reduziert werden – im Gegenzug deren Quote an Realschulen und Gymnasium steigen. Gleichzeitig muss mit flächendeckenden Ganztagsschulen ernst gemacht werden. Notwendig sind Ganztagsschulen, die über ein tatsächliches pädagogisches Konzept verfügen. Der Schwerpunkt ist auf Grund-, Haupt- und Förderschulen zu legen."
Scharf kritisiert Brückner die fortschreitende Politik der Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen. "Aggressive" Schüler sollen künftig verschärft mit Sanktionen belegt, d.h. vom Unterricht ausgeschlossen werden.
Zum Schuljahresbeginn fordert die GEW Bayern Kultusminister Schneider auf, gegenüber der Bayerischen Staatsregierung vehement für eine spürbare und konsequente Verbesserung der finanziellen und personellen Ausstattung der Schulen zu kämpfen. Bildungsausgaben sind Investitionen in die Zukunft der Kinder und Jugendlichen und damit in die Gesellschaft. Die im nächsten Doppelhaushalt vorgesehenen zusätzlichen Mittel sieht die GEW als wahltaktisches Manöver. Dieses Geld stammt aus Privatisierungserlösen und steht nur einmalig zur Verfügung. Notwendig wäre eine dauerhafte Aufstockung des Bildungsetats. In diesem Zusammenhang sieht die GEW zwar ihre Forderung nach deutlich mehr Stellen an Grundschulen noch immer nicht erfüllt, bewertet die Beschäftigung von arbeitslosen Grundschullehrern an Gymnasien als tendenziell sinnvollen Schritt. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass mit diesem Lehrerpersonal zusätzliche Fördermöglichkeiten an den betreffenden Gymnasien angeboten werden. Außerdem sind diese Kollegen entsprechend ihrer Tätigkeit zu bezahlen. Priorität muss aber weiterhin der personelle Ausbau an Grund- und Hauptschulen haben.
Wenn Minister Schneider außerdem betont, dass die Unterrichtsversorgung im kommenden Schuljahr auf bisherigem Niveau gesichert sei, bedeutet das im Klartext, dass sich die Verwaltung des Mangels an ausreichender pädagogischer Versorgung unverändert fortsetzen wird. Schließlich bemängelt die GEW den schleppenden Ausbau der Schulsozialarbeit. Oskar Brückner: "Wenn das Bayerische Kultusministerium im bisherigen Tempo entsprechende Stellen schafft, wird es über 200 Jahre dauern, bis alle staatlichen Schulen in Bayern wenigstens einen Schulsozialarbeiter bekommen. In Anbetracht der Bedeutung dieses Arbeitsfeldes eine fatale Perspektive."
Die GEW ist überzeugt, dass nennenswerte Verbesserungen im bayerischen Schulsystem nur durch einen Paradigmenwechsel möglich sind. Die rigide Auslese ist bis dahin eine Hauptursache für dessen Fehlleistungen. PISA-Spitzenländer zeigen, dass nur "Eine Schule für alle bis zum mittleren Abschluss" breite Spitzenleistungen und eine weitgehende Entkoppelung des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft ermöglicht.
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