Bildungspolitische Leitsätze
- Gegen Einheitsschulen und Privatisierung - Für frühzeitige begabungsgerechte Förderung - Das Gymnasium als soziale Leistungsschule
23.11.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)- Der Bayerische Philologenverband wendet sich energisch gegen alle Versuche, das gegliederte Schulwesen in Bayern abzuschaffen bzw. einzelne Schularten zu Verbundschulen oder Regionalschulen zusammenzulegen.
Mit seinem sehr differenzierten allgemeinbildenden und beruflichen Schulwesen hat es Bayern nicht nur geschafft, Kinder aus bildungsferneren Schichten besonders zu fördern, sondern auch bei PISA 2003 in die internationale Spitzengruppe vorzustoßen. - Eine frühzeitige begabungsgerechte Förderung gehört zu den besonderen Qualitätsmerkmalen des bayerischen Schulwesens. Nur durch eine intensive Förderung seiner Schülerinnen und Schüler ab der 5. Jahrgangsstufe kann das bayerische Gymnasium seine internationale Spitzenstellung behaupten und die Qualität des bayerischen Abiturs sichern. Gerade die moderne Hirnforschung und neueste amerikanische Untersuchungen haben wiederum bestätigt, dass Begabungen sehr früh erkennbar und förderungswürdig sind.
Die oft wiederholte Behauptung, dass heterogene Lerngruppen bessere Leistungsergebnisse zeigen als homogene, wird durch die internationale Lernforschung in keiner Weise bestätigt. - Alle Versuche, den Eltern die Möglichkeit zu nehmen, nach der vierten Grundschulklasse ihre Kinder bei Eignung und Interesse auf verschiedene weiterführende Schularten zu schicken, stellen eine Entmündigung der Eltern dar. Wer gegen den Willen der Eltern Schularten abschafft, leistet einer Flucht vermögender Eltern in teuere Privatschulen Vorschub, was zu einem Bildungswesen führen würde, in dem die Schulbildung vom Geldbeutel abhängig ist. Das werden wir nicht dulden. Weder eine Verlängerung der Grundschule noch die zwangsweise Einführung einer Einheitsschule entsprechen im Übrigen dem Willen der bayerischen Bevölkerung, wie eine aktuelle Umfrage des Bayerischen Philologenverbandes eindeutig gezeigt hat.
- Schule hat einen staatlichen Bildungsauftrag, der weitaus mehr umfasst als allein der Wirtschaft genügend passenden Nachwuchs zu liefern. Überdies ist es Aufgabe des staatlichen Schulwesens, für eine gerechte Ausstattung der Schulen und eine gleichmäßige Versorgung mit Lehrern zu sorgen. Die Bildung unserer Kinder darf nicht von der Wirtschaftkraft einzelner Regionen, Schulen oder von Sponsoringpartnern abhängen.
Deshalb lehnt der Bayerische Philologenverband eine weitgehende Privatisierung der staatlichen Schulen, wie sie Teile der bayerischen Wirtschaft und der Aktionsrat Bildung wiederholt gefordert haben; vehement ab. Trotz aller Offenheit gegenüber sinnvollen Reformen: Schule ist kein Wirtschaftsbetrieb, sondern eine verfassungsrechtlich legitimierte, verpflichtende Aufgabe des Staates. - Der Bayerische Philologenverband bekennt sich zum Auftrag von Schule, einerseits Jugendliche in Bezug auf Wissenserwerb und Sozialkompetenzen zu fordern und zu fördern, andererseits aber auch Leistungen zu bewerten, Noten zu vergeben und Qualifikationen und Abschlüsse zuzuerkennen. Wer mithilfe des Vorwurfs der "Selektion" Noten abschaffen, differenzierte Abschlüsse aufgeben und letztendlich eine Nivellierung der Schulen und des Bildungsniveaus will, bietet den Schulabgängern nicht bessere, sondern schlechtere Startchancen, entwertet schulische Abschlüsse generell und überlässt die Bewerbungsauswahl den Hochschulen und Unternehmen mit intransparenten und sicher ungerechteren Auswahlkriterien.
- Das bayerische Gymnasium war und ist eine Schule für sozialen Aufstieg, in der nicht Herkunft oder Vermögen, sondern vorrangig Begabung und Leistung über den Bildungserfolg entscheiden.
Zahllose individuelle Lebenswege bestätigen dies. Laut PISA-Forscher Prof. Prenzel ist das Gymnasium die "sozial heterogenste Schulart" Deutschlands. Wer versucht, das Gymnasium zugunsten einer Einheitsschule abzuschaffen, nimmt geeigneten Jugendlichen die Chance zum sozialen Aufstieg durch Leistung. - Bildungserfolg und soziale Herkunft stehen in einem unabweisbaren statistischen Zusammenhang in allen Ländern der Welt, auch in Deutschland.
Es muss auch in Bayern unser Anliegen sein, diesen Zusammenhang, soweit er nicht durch unterschiedliche kognitive Fähigkeiten begründet ist, stärker zu entkoppeln. Es ist aber völlig falsch, diesen Zusammenhang dem gegliederten Schulwesen als solchem anzulasten. Neuere Untersuchungen haben etwa gezeigt, dass beim Aufnahmeverfahren auf das Gymnasium Kinder mit Migrationshintergrund in keiner Weise benachteiligt werden. Dennoch können Kinder, denen es zum Übertrittszeitpunkt an den geforderten Sprachkompetenzen mangelt, durch zuvor unterlassene Förderung benachteiligt worden sein. Dem gilt es durch folgende Maßnahmen abzuhelfen: - eine umfassende Frühförderung mit vorschulischen Sprachstandstests und anschließende Sprachförderung
- ein verstärktes, bedarfsorientiertes Angebot an Ganztagsschulen, um auch Kindern eine bessere Lernumgebung zu bieten, deren Eltern sich nicht ausreichend um sie kümmern können
- Bewusstsein schaffen bei Eltern bildungsfernerer Schichten, dass Bildung der Schlüssel für die Zukunft ihrer Kinder ist
- eine Integrationspolitik, die diesen Namen verdient. In der mangelnden schulischen Integration von Kindern, die Deutsch nicht als Muttersprache erlernt haben, spiegelt sich in erster Linie ein Versagen staatlicher Integrationspolitik und nicht ein Versagen der Schule. - Der Bayerische Philologenverband warnt vor aktuellen Bestrebungen, das Abitur als Bildungsziel für alle zu propagieren und in einem massiven Anstieg der Abiturientenzahlen ein erstrebenswertes Ziel zu sehen. Ziel des Abiturs ist immer noch die allgemeine Studierfähigkeit und nicht ein multivariabler, allgemeinbildend-beruflicher Schulabschluss für alle. Der bpv wehrt sich nicht gegen einen maßvollen Anstieg von Abiturientenzahlen unter Beachtung der Qualitätsstandards. Wer aber die Hochschulabsolventenzahlen steigern will, sollte stärker auf eine Erhöhung der Studierendenquote nach dem Abitur (bislang nur 70 %) und eine Senkung der Studienabbrecherquoten setzen.
- Durch die trotz größter Bedenken und trotz Widerstands des Bayerischen Philologenverbands durchgesetzte Schulzeitverkürzung am Gymnasium ist auch die Schulart Gymnasium in ein unruhiges Fahrwasser geraten.
Sollten die inhaltliche und pädagogische Qualität des Gymnasium nicht leiden, müssen erhebliche Ressourcen in das G8 gesteckt werden, um diese Reform nicht zu einer dauerhaften schweren Belastung des bayerischen Gymnasiums werden zu lassen.
Im Einzelnen fordern wir: - die Zuweisung zusätzlichen Personals für Betreuungs- und Aufsichtsaufgaben
- keine weiteren Stundenkürzungen, um das ohnehin im internationalen Vergleich zu geringe Unterrichtsvolumen nicht noch weiter abzusenken
- verstärkte Anstrengungen, um die für den teilweisen Ganztagsbetrieb notwendige Infrastruktur (z.B. Busversorgung) sicherzustellen - Mehr Selbstständigkeit von Schulen ist dann erstrebenswert und sinnvoll, wenn dieser erweiterte Gestaltungsspielraum der einzelnen Schule tatsächlich die Möglichkeit gibt, eigene Ressourcen zur Verbesserung der Schul- und Bildungsqualität einzusetzen. Soweit allerdings größere Selbstständigkeit lediglich bedeutet, die Mangelverwaltung von oben nach unten zu verlagern, ist sie abzulehnen. Die Autonomie der Schulen muss außerdem dort ihre Grenzen finden, wo Mobilität von Familien und Vergleichbarkeit von Schulen sowie die Kontinuität von Bildungsgängen nicht mehr gewährleistet sind.
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