Die bessere Schule ist schon Realität …
Während einer einwöchigen Studienreise nach Finnland konnte sich Oskar Brückner, Vorsitzende der GEW Bayern, ein umfassendes Bild vom vorbildlichen Bildungssystem beim mehrmaligen PISA-Sieger machen.
09.03.2006 Bayern Pressemeldung GEW Bayern"Ein wesentlicher Unterschied zum bayerischen System liegt vor allem im Prinzip ´Eine Schule für alle´, das in Finnland konsequent und erfolgreich von der ersten bis zur neunten Klasse umgesetzt wird. Die GEW fordert seit vielen Jahren eine Abkehr vom gegliederten und sozial ungerechten Schulsystem. Das erfolgreiche Bildungssystem bei unserem skandinavischen Nachbarn ist darüber hinaus aber auch durch eine durchgehende Vertrauensbasis zwischen allen beteiligten Personen und Institutionen geprägt", so Oskar Brückner.
Staat uneingeschränkt in der Verantwortung für Bildung
Das überdurchschnittlich gute Abschneiden Finnlands bei internationalen Bildungsstudien begründet sich vor allem auch auf ein umfassendes und flächendeckendes Betreuungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebot, das Kommunen und Staat finanzieren. Brückner: "Frühförderung wird zwar endlich auch hierzulande als wichtig erkannt – die konsequente Umsetzung lässt aber weiter auf sich warten. So hat Bayern zwar einen guten Bildungs- und Erziehungsplan für die Kindergärten eingeführt, ist aber nicht bereit, die erforderliche Personalausstattung für eine optimale Umsetzung zu finanzieren. In Finnland beginnt diese Förderung bereits während der Schwangerschaft. Der Familie wird ein Netzwerk an kooperierenden Institutionen aus Jugend-, Sozial- und Gesundheitsamt zur Seite gestellt, das immer dem Wohl des einzelnen Kindes verpflichtet ist. Den Kern bildet die "Neuvola", eine kommunale Familienberatungsstelle, die von Geburt an zu Kind und Familie einen sehr persönlichen Betreuungs- und Beratungskontakt hält. Entwicklungsstörungen oder -verzögerungen wird dadurch frühzeitig präventiv begegnet."
Im Gegensatz zu Deutschland ist der finnischen Gesellschaft und dem Staat Bildung nicht nur ein Anliegen, das in Sonntagsreden vertreten wird – dort wird Bildung parteiübergreifend als gesamtgesellschaftliche Aufgabe erkannt und umgesetzt.
Grundrecht auf gleiche Bildungschancen
Ministerium, Kommunen, alle Ämter, Schulen und Kindergärten nehmen den Verfassungsgrundsatz, dass jedes Kind - unabhängig vom sozialen und wirtschaftlichen Status der Eltern, vom Wohnort und von der Muttersprache - die gleichen Bildungsmöglichkeiten bekommen muss außerordentlich ernst. Dabei gibt der finnische Staat pro Kopf und gemessen am Bruttosozialprodukt nicht sehr viel mehr Geld für Bildung aus als Deutschland.
"Die Investitionen in Bildung fließen in Finnland stärker in präventive Maßnahmen und individuelle Förderung. In Bayern dagegen wird enorm viel Geld für spätere Reparaturversuche von Fehlentwicklungen in der Bildungsbiografie aufgewandt, die durch die Selektivität und strukturelle Benachteiligungen entstanden sind", so Brückner. Und weiter: "Allein die pädagogisch völlig unsinnigen Klassenwiederholungen kosten Bayern jedes Jahr rund 250 Millionen Euro."
Vielfältige individuelle Förderung
In Finnland gibt es an jeder Schule neben der Klassen- oder Fachlehrkraft auch einen Psychologen, eine Krankenschwester, eine/n Sozialarbeiter/in oder Sozialpädagoge/in, eine Sonderpädagogin und eine/n Schullaufbahn- oder Lernberater/in. Hat ein Schüler ein Problem, berät dieses Team in Abstimmung mit den Eltern Fördermaßnahmen. Das kann im Einzelfall auch zu einem individuellen Lehrplan führen bis dieser Schüler wieder den Anschluss schafft.
Lehrerberuf aufwerten
Die besondere Verantwortung, die Pädagoginnen und Pädagogen mit ihrer Arbeit übernehmen, spiegelt sich in Finnland in einem deutlich höheren Sozialprestige wieder. Bildung heißt in Finnland auch Vertrauen zwischen Eltern, Schule, Kommune und Bildungsministerium. Dass 1990 die komplette Schulaufsicht ersatzlos abgeschafft wurde, ist ein deutlicher Beleg dafür.
Aus den vielfältigen Unterstützungssystemen, der absoluten Selbstständigkeit von Schulen und dem hohen Maß an Vertrauen folgt eine deutliche stärkere Motivierung, Zufriedenheit und Gelassenheit der Lehrkräfte. Schulentwicklung erfolgt durch Teamarbeit, interne Evaluation und Zusammenarbeit mit wissenschaftlicher Bildungsforschung. Auch hier sollte Finnland für Bayern als Vorbild dienen. Der bayerische Weg der "Selbständigkeit der Schulen in Abhängigkeit" kombiniert mit "Schulinspektionen" zeigt das Misstrauen in die fachliche Kompetenz der Lehrkräfte und Schulen.
Oskar Brückner: "Wir müssen in unserer Gesellschaft zu einem breiten Konsens darüber kommen, dass wirklich alles getan werden muss, um jedem Kind den best möglichen Bildungsweg zu eröffnen. Die frühe Selektion nach der vierten Klasse, die zu der großen sozialen Ungerechtigkeit unseres Systems führt, muss fallen. Die Ausgaben für Bildung müssen deutlich erhöht, vor allem für die Frühförderung und individuelle Förder- und Unterstützungssysteme in der Schule verwendet werden. Frühzeitige Investitionen entlasten nicht nur langfristig den Staat, sondern sind humanistische Verpflichtung, die auch bei uns in den Verfassungen nachzulesen ist".
Keine Kommentare vorhanden