Erdsiek-Rave im Landtag zu PISA 2003

Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave sagte heute im Schleswig-Holsteinischen Landtag anlässlich der Debatte über die internationale Schulleistungsstudie PISA 2003:

15.12.2004 Pressemeldung Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung

"Sehr geehrte Damen und Herren,

wer erwartet hatte, die zweite deutsche PISA-Debatte würde sachlicher, unaufgeregter, auch ein Stück optimistischer geführt als beim ersten Mal, sah sich spätestens bei der Vorabveröffentlichung drei Wochen vor der Vorstellung von PISA II getäuscht. Die Liste der Schlagzeilen der letzten Wochen - von "Aufgerückt ins Mittelmaß" bis "PISA-Schock: warum sind die Asiaten soviel schlauer als wir" (BILD) - liest sich wie ein einziges Katastrophenszenario und passt zu dem, was andere Europäer die "deutsche Krankheit" nennen, die negative Befindlichkeit und gelegentlich fast depressive Grundstimmung.

Eine erste Analyse der PISA-Ergebnisse gibt diese gänzlich negative Einordnung nicht her. Die Ergebnisse sind komplex und ambivalent. Es gibt Licht und Schatten, positive Entwicklungen und alarmierende Befunde.

Zu den positiven Entwicklungen zählen die deutlich besseren Ergebnisse in den mathematischen Kompetenzen und die ebenfalls besseren in den naturwissenschaftlichen Aufgaben. Hier scheint sich auszuzahlen, was sich im Mathematik-Unterricht - vor allem in den Gymnasien, Realschulen, Gesamtschulen - schon vor PISA entwickelt hat und was sich vor allem auf die schwächeren Schüler in diesen Schularten (und nur in diesen) ausgewirkt hat.

Leider kann man das bei der Lesekompetenz nicht feststellen. Besonders hier wird deutlich, dass eineinhalb Jahre - also die Zeit zwischen dem Ergebnis der ersten und der Erhebung zur zweiten Studie - zu kurz sind, um zu messbaren Verbesserungen zu kommen.

Zum ersten Mal wurden unsere Schüler auch auf ihre allgemeine Fähigkeit zum Problemlösen getestet - und siehe da: sie schnitten weit überdurchschnittlich ab, besser als in den mathematischen Leistungen. Die PISA-Forscher nennen dies ein ungenutztes Potenzial, vor allem, weil Mädchen hier erheblich besser sind als ihr Interesse und ihre Leistungen in Mathematik vermuten lassen. Gerade aus diesem Befund müssen wir für den Unterricht und für die Motivation Schlüsse ziehen.

PISA beschreibt aber nicht nur Kompetenzen, sondern auch die Lernbedingungen (Klassengrößen, Stundenzahlen, Umfang von Hausaufgaben, Nachhilfe, Wiederholungen - bis hin zu den Lehrergehältern und -arbeitszeiten), also die formalen und materiellen Voraussetzungen, die das Zustandekommen dieser Kompetenzen erklären können.

Und die Studie beschreibt die Verteilung der Leistungen auf Kompetenzstufen, also Leistungsstreuungen. Wir haben in Deutschland nach wie vor - im internationalen Vergleich - eine relativ kleine Elite, aber viele Schülerinnen und Schüler, die zur sogenannten Risikogruppe gehören und entsprechend ungünstige Ausbildungs- und Berufsvoraussetzungen haben. Die Differenz zwischen den Starken und den Schwachen ist noch größer geworden. Verbessert haben sich gegenüber PISA 2000 vor allem die Leistungsstärkeren - und sie sind auch dafür verantwortlich, dass der Gesamtdurchschnitt leicht gestiegen ist.

PISA untersucht darüber hinaus die sozialen Hintergründe von Bildung. Da steht Deutschland nicht gut da. In keinem anderen Land sind der Bildungserfolg und die Bildungsbeteiligung so stark von der sozialen Situation und vom Bildungshintergrund der Eltern abhängig. Das ist das eigentliche Armutszeugnis (im wortwörtlichen und im übertragenen Sinn!). D.h. im Klartext: wenn bei einem überdurchschnittlich intelligenten Kind die sozialen und familiären Voraussetzungen ungünstig sind, dann hat es deutlich weniger Erfolgschancen in unserem Bildungssystem als ein leistungsschwächeres Kind aus einem bildungsnahen und sozioökonomisch privilegierten Elternhaus. Das ist ein Teufelskreis, den wir aufbrechen müssen, und zwar politisch und pädagogisch!

Die Beschreibung unseres Schulsystems im internationalen Kontext ist also außerordentlich komplex. Mit einem müssen wir uns abfinden: Die PISA-Studie enthält keine monokausalen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Sie ist ein Befund, keine Therapie. Sie darf nicht zurechtgebürstet werden oder auf Einzelaussagen zugespitzt werden, um vielleicht eine althergebrachte und liebgewordene Tradition zu verfestigen - wie das gegliederte Schulwesen. Sie ist aber auch kein eindeutiger Beweis für die Überlegenheit integrativer Systeme. Solche Systeme gibt es zwar mehrheitlich unter den Siegerländern, doch ebenso am unteren Ende der Leistungsskala.

Und: PISA ist kein Gesamtbild von Schule und Bildung. Sie sagt nichts über soziale Kompetenz und Lebenstüchtigkeit, über Teamfähigkeit, über demokratische Verantwortung, über ästhetische und musische Bildung. PISA ist auch deshalb kein Anlass, Schule - Schülerinnen und Schüler ebenso wenig wie Lehrerinnen und Lehrer - in Bausch und Bogen schlecht zu reden oder die üblichen Schuldzuweisungen vorzunehmen!

Also, die Ergebnisse sind komplex. Wie gehen wir damit verantwortlich und differenziert um?

  1. All die Initiativen, die zur Qualitätssicherung von Unterricht und Schule führen - von den Standards zu den Vergleichsarbeiten - und die zur mehr Verlässlichkeit, zu mehr Eigenverantwortung und vor allem zu mehr individuellem Fördern und Fordern führen, bleiben richtig. Sie müssen konsequent und bundesweit fortgeführt werden. Genauso konsequent und früh müssen wir beginnen: mit der vorschulischen Bildung, mit der Sprachförderung vor allem, ebenso mit der Stärkung der Grundschulen. Das ist ein Kurs, den auch die Schulen, die Schulträger, die Kommunen und die Kreise ansteuern, ein Kurs, den die Eltern mittragen - das können Sie allein schon an der beeindruckenden Resonanz auf die Offene Ganztagsschule ablesen.
  2. Wir haben in den letzten Jahren auch die Schulsysteme der Länder geprüft, die besser sind als wir, die weit überdurchschnittliche Leistungen erreichen und die zugleich mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Bildungsgerechtigkeit gewährleisten. Und wir haben festgestellt: Mitverantwortlich an unserem schlechten Abschneiden ist die frühe Auslese der Kinder. Oder, wie es der kluge Jürgen Kaube in der FAZ benannt hat, die Schule ist "der große Ungleichheitsverstärker". Das Prinzip des Auseinanderdividierens überlagert bei uns das Fordern und Fördern. Es ist eben manchmal bequemer, einen Schüler nach unten durchzureichen, statt um ihn zu kämpfen. Denken Sie nun nicht: ich sähe den Wald vor lauter Bäumen nicht und würde jetzt selbst einen einfachen monokausalen Zusammenhang herstellen. Natürlich weiß ich, dass allein die Abschaffung dieser frühen, europaweit einmalig frühen Auslese im Alter von zehn Jahren relativ wenig verändern würde. Natürlich sehe ich die Gefahren und Risiken, die Überforderung aller Beteiligten, wenn man dieses Ziel zu schnell, zu abrupt ansteuert. Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben - und darauf können wir auch setzen: auf ein enorm kreatives und pädagogisches Potenzial, das unsere Lehrerinnen und Lehrer Tag für Tag entfalten. Es ist in allen Schulen vorhanden. Hauptschullehrer arbeiten ebenso engagiert wie ihre Kollegen an den Gymnasien. Aber Hauptschullehrer haben überdurchschnittlich häufig mit ungünstigen Lernmilieus zu tun, ausgerechnet sie kämpfen oft gegen fehlende elterliche Unterstützung, während ihre Gymnasialkollegen meistens auf ein privilegiertes Lernumfeld und auf große elterliche Unterstützung setzen können.

Wir stehen nicht für radikale Zäsuren. Wir stehen für eine Politik der kleinen Schritte und für die Beteiligung aller. Ich rede keine Schule schlecht, auch die Hauptschule nicht. Ich weiß, dass die bloße Abschaffung einer Schulart die Probleme nicht löst. Ich weiß vor allem auch, welch enorme Integrationsleistung die Lehrerinnen und Lehrer insbesondere an den Hauptschulen Tag für Tag zu bewältigen haben. Sie sind es nämlich, die ein Gutteil der sozialen Integration leisten, die an und für sich die Aufgabe von allen Schulen ist!

Von der Opposition habe ich bislang nur ein trotziges "weiter so!" gehört - und ein wenig hilfreiches Polemisieren, das bewusst mit Kampfvokabular operiert: ob "Einheitsbrei" oder "Gleichmacherei". Das soll verunsichern. Das soll abstempeln. Mit diesen Angriffen können Sie aber nicht davon ablenken, dass Sie - bislang jedenfalls - konstruktive Vorschläge schuldig geblieben sind. Wie wollen Sie ausgerechnet innerhalb des dreigliedrigen Schulsystems, also mit der Verschärfung des Ausleseprinzips, bessere Bildungserfolge für alle Kinder und Jugendlichen erreichen? Das haben Sie uns noch nicht erläutert. Dabei sollte Ihnen zu denken geben, dass sich kein anderes PISA-Land - trotz eigener Schwächen - an unserem System orientiert. Sie versuchen es immer noch, im Verein mit einigen Verbänden, mit dem Ideologieverdacht. In Wahrheit hat die ideologische Abrüstung längst begonnen. Sie haben es nur noch nicht bemerkt!"


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