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Landeskunde: „Typisch deutsch“ – was soll das sein?

Wer im Ausland Deutsch als Fremdsprache lernt, eignet sich mehr als Grammatik und Vokabeln an. In der Landeskunde steht auch die Kultur des deutschsprachigen Raums auf dem Lehrplan. Aber wie sieht moderner Landeskundeunterricht aus und was kann er leisten?

18.05.2021 Bundesweit Artikel Martin Stengel
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Deutsche trinken Bier aus Maßkrügen, essen Weißwurst und tragen Trachten. So sieht das Deutschlandbild bis heute in manchen internationalen Filmen und Serien aus. Doch wie es mit Stereotypen häufg ist, treffen auch diese bei Weitem nicht immer zu. Um das zu überprüfen, muss man nicht erst von München nach Hamburg fahren.

Um Klischees zu vermeiden, bildet Landeskunde im Unterricht „Deutsch als Fremdsprache“ (DaF) die regionale Vielfalt Deutschlands im gesamten Themenspektrum ab: Geografie und Kultur, Geschichte, Institutionen, Kulinarisches, Sitten und Bräuche. Das „typisch Deutsche“ zu defnieren ist schwierig, erst recht wenn wir uns dem deutschen Sprachraum zuwenden. Schließlich wird nicht nur zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen Deutsch gesprochen.

Von Deutschland zum deutschen Sprachraum

Lange Zeit standen bei der Landeskunde im DaF-Unterricht die Bundesrepublik Deutschland und die ehemalige DDR inhaltlich im Vordergrund. Doch Staatsgrenzen sind nicht gleich Sprachgrenzen. Ende der 80er Jahre trafen sich Vertreter der Deutschlehrerverbände aus Österreich (A), der Bundesrepublik Deutschland (B), der Schweiz (C) sowie der damaligen DDR (D) und überlegten, wie ihre sprachliche und kulturelle Vielfalt in der Landeskunde abgebildet werden könnte. 1990 legten sie in ihren 22 sogenannten ABCD-Thesen fest, inwiefern sowohl regionale als auch grenzüberschreitende Aspekte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum in den Landeskundeunterricht einfließen sollen.

Die Thesen bilden bis heute „den Grundstein für die Berücksichtigung der Vielfalt des amtlich deutschsprachigen Raums im Deutschunterricht“, so der Internationale Deutschlehrerinnen- und Deutschlehrerverband. Alle Länder sollten demnach berücksichtigt werden, in denen die deutsche Sprache auch Amtssprache ist. Die Thesen lieferten das Fundament für das sogenannte DACH(L)-Prinzip im DaF-Unterricht, das sich in der Folgezeit entwickelte: Deutschland (D), Österreich (A) und die Schweiz (CH) – später auch Liechtenstein (L) – rückten in den Vordergrund. Die Landeskunde sollte vom Begriff der Nation entkoppelt werden. Auch wenn sich ihre Akteure bis heute nicht vollständig vom nationalen Gedanken verabschiedet haben und im Ausland weiterhin staatliche Institutionen Sprachförderung im nationalen Interesse betreiben, gibt es in der Praxis Fortschritte. „Im Arbeitsalltag zeigt sich, dass sprachvermittelnde Einrichtungen den Anspruch erfüllen, sich über nationale Grenzen hinweg mit gesellschaftlichen und kulturellen Fragen auseinanderzusetzen“, sagt Dr. Hannes Schweiger, Assistenzprofessor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Wien.

© Maria Blum

Dr. Hannes Schweiger ist Assistenzprofessor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Wien. Für ihn basiert moderner Landeskundeunterricht auf „einem dynamischen und offenen Kulturbegriff, ist machtund normkritisch, selbstreflexiv und generiert immer neue Fragen“

Kulturvermittlung: Nicht alle Deutschen sind pünktlich

Fortschritte gibt es auch bei der Frage des verwendeten Lehransatzes. In den 90er Jahren hatte noch der interkulturelle Vergleich zwischen eigener und fremder Kultur im Fokus gestanden – und damit die Fragen: „Wie ist es bei uns? Wie ist es bei denen?“ Landeskunde sollte solche vereinfachenden Gegenüberstellungen vermeiden und stattdessen unterschiedliche Perspektiven auf die Gesellschaft eröffnen und im DaF-Unterricht zur Diskussion stellen, meint Schweiger. Aus Sicht des Fachdidaktikers setzte hier im Lauf der Zeit ein Umdenken ein: „Es gibt nicht nur die eine deutsche Kultur. Wir gehen im Unterricht daher von kultureller Vielfalt aus.“

Für Schweiger gibt es vor allem zwei Fallstricke in der Landeskunde im DaF-Unterricht, die es zu umgehen gilt: Lehrkräfte sollten zum einen Pauschalisierungen vermeiden, die vorhandene Unterschiede ausblenden. Aussagen wie „In Deutschland ist man besonders pünktlich“ suggerieren, dass sie auf alle Deutschen zutreffen.

Zum anderen sollten Kulturalisierungen vermieden werden. Sie verstärken die gedankliche Aufteilung in ein „wir“ und „die anderen“. Menschen würden auf eine vermeintlich kollektive Kultur ihrer Herkunftsländer reduziert. Lehrkräfte sollten ihre Schülerinnen und Schüler beispielsweise nicht fragen, wie etwas in deren Heimat oder deren Kultur sei. Solche Fragen können ausschließen, findet Schweiger, der eine individuelle Perspektive vorzieht und stattdessen nach den Gewohnheiten und Wahrnehmungen der Einzelnen fragt. Der Unterricht sollte selbstreflexiv gestaltet sein und Probleme wie Pauschalisierungen und Kulturalisierungen stets thematisieren.

© Prof. Dr. Uwe Koreik

Uwe Koreik ist Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bielefeld. Für ihn ist guter Landeskundeunterricht „regional, nicht langweilig und bezieht die Lernenden aktiv mit ein“

Lebendiger Unterricht statt Fakten pauken

Wie bei jedem Thema stellt sich die wichtige Frage: Wie lassen sich Schülerinnen und Schüler für den Unterricht begeistern? „Um bei Schülern Interesse an deutschsprachiger Kultur zu wecken, ist es unbedingt notwendig, den Landeskundeunterricht spannend zu gestalten“, sagt Prof. Dr. Uwe Koreik, der eine Professur für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bielefeld innehat. Wenn sich das Curriculum auf reine Faktenvermittlung beschränkt, gelinge das kaum. Wie spannend sind schließlich Fragen wie: „Wie heißt die Hauptstadt der Bundesrepublik?“, Wie viele Einwohner hat Deutschland?“ Koreik hat ein klares Urteil zu dieser Form des Unterrichts: „Das Ganze bringt nichts.“

Vorteile verspreche laut Sächsischem Staatsinstitut für Bildung und Schulentwicklung die handlungsorientierte Landeskunde. Der Unterricht wird dabei so aktiv wie möglich gestaltet. Koreik gibt ein Beispiel aus dem eigenen Studienalltag: die Behandlung eines vermeintlich so trockenen Themas wie das deutsche Wahlsystem. Anstatt direkt mit Sachtexten einzusteigen, ließ er seine englischen Studierenden ein fktives Studierendenparlament wählen. Es gab Parteien, einen Wahlkampf mit Debatten und eine Abstimmung. Die Stimmen wurden einmal nach deutschem und einmal nach britischem Wahlrecht ausgezählt. Dabei kamen sehr unterschiedliche Ergebnisse zustande. Erst nachdem das Interesse der Studierenden geweckt war, verteilte Koreik die üblichen Lernunterlagen. So konnten die Deutschlernenden die Fragen selbst beantworten, die während des Projekts aufkamen.

Deutsch medial erleben

DaF-Schülerinnen und -Schüler lernen ihre neue Sprache nicht im deutschsprachigen Raum. Das stellt Lehrkräfte auch im Landeskundeunterricht vor besondere Herausforderungen. Schüler können nicht einfach das Schulgebäude verlassen, um deutsche Alltagskultur zu erleben. In Tokyo kann man nicht üben, einen Passanten auf Deutsch nach dem Weg zu fragen oder eine deutsche Speisekarte zu lesen. Auch der ständige Kontakt zu Muttersprachlern ist eher selten vorhanden.

Digitale Medien nehmen daher eine besondere Rolle in der Landeskunde im DaF-Unterricht ein. Sie können helfen, dem Lernenden den deutschen Sprachraum zu eröffnen. Neben  virtuellen Museumsbesuchen liefern auch Filme und Serien auf Deutsch sowie Podcasts ein authentisches Sprach- und Kulturerlebnis. Der Kartendienst Google Maps bietet mit Street View die Möglichkeit, einen virtuellen Spaziergang durch deutsche Städte zu machen. So wird selbst außerhalb Deutschlands das „Linguistic Landscaping“ möglich, also die Suche nach und die Analyse von geschriebener Sprache im öffentlichen Raum.

Koreik gibt jedoch zu bedenken, dass digitale genauso wie klassische Medien nicht unreflektiert eingesetzt werden sollten. Beobachtungen müssten eingeordnet werden: Welche Menschen sind dort abgebildet? Welcher Arbeit gehen Frauen und Männer nach? Denn solche Dinge vermitteln implizit ein Bild vom deutschsprachigen Raum.

Der Test Deutsch als Fremdsprache (TestDaF) misst die vier Sprachfertigkeiten Leseverstehen, Hörverstehen sowie Schriftlicher und Mündlicher Ausdruck. Für die Entwicklung und den Einsatz der standardisierten Aufgaben ist das TestDaF-Institut verantwortlich. Das Institut arbeitet seit Jahren auch eng mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) zusammen und übernimmt dort die Qualitätssicherung bei den Deutschen Sprachdiplomen

Über den eigenen Tellerrand schauen

Ein wichtiger Gesichtspunkt in der Landeskunde ist das Kulturverständnis der Lehrkräfte. Sie sollten nicht nur den deutschsprachigen Kulturraum kennen, sondern auch möglichst gut die Kultur des Landes, in dem sie Landeskunde vermitteln. Wer mit einer „deutschen Brille“ an die Unterrichtsgestaltung herangeht, kann überdies schnell auf Probleme stoßen, so Koreik: „Beispielsweise erzielte Weißrussland vor einigen Jahren von allen Ländern bei Aufgaben zum Hör- und Leseverstehen die besten TestDaF-Ergebnisse.“

Bei einer Pro- und Kontra-Teilaufgabe zeigten sich jedoch signifkant schlechtere Ergebnisse. Gespräche mit weiß-russischen Lehrkräften lieferten eine Erklärung: Im muttersprachlichen Unterricht war bereits zehn Jahre zuvor der Erörterungsaufsatz abgeschafft worden, wodurch den Schülerinnen und Schülern in diesem Bereich die Übung fehlte. Dies führte auch zu einer anderen Diskussionskultur, als sie an Schulen in Deutschland vermittelt wird – ein Umstand, auf den sich eine DaF-Lehrkraft je nach Einsatzland entsprechend vorbereiten muss, so Koreik.

Sprachliches und Kulturelles im Zusammenspiel

Koreik bemängelt an der Ausbildung von DaF-Lehrkräften, dass häufg am Kulturbereich gespart werde: „Oft heißt es: ‚Das Wissen über Land und Leute kann man sich doch mal eben schnell selbst aneignen, aber schwierige Aspekte der Grammatik? Dafür braucht man ein ganzes Seminar.‘“ Dabei ergänzen sich in der Landeskunde im DaF-Unterricht sprachliches und kulturelles Wissen und bauen aufeinander auf. Nur so können Lehrkräfte ihren Schülerinnen und Schülern helfen, ein differenziertes Bild vom deutschen Sprachraum zu entwickeln.

Auch wenn sich der Blick auf das Thema Landeskunde in den vergangenen 20 Jahren noch einmal geschärft hat, gibt es weiterhin zahlreiche wissenschaftliche Zugänge, Ausbildungsschwerpunkte und Unterrichtsansätze. Die Frage, was Landeskunde kann und soll, wird so auch heute noch unter Fachleuten wie Koreik und Schweiger teils heiß diskutiert. Und eine Frage muss dabei immer wieder aufs Neue gestellt werden: „typisch deutsch“ – was soll das sein?


Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 3-2020 veröffentlicht.



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