Bildung - Bilanz des Schuljahres 2007/2008

- Erhebliche Schwierigkeiten bei der Einrichtung des Schuljahres 2007/08 - Trendwende mit der Ergänzung der neuen Zumessungsrichtlinien unter dem Titel: "Gerechtigkeit und Transparenz" - Stand der Vorbereitungen für das Schuljahr 2008/09 deutlich verbessert gegenüber dem Vorjahreszeitraum - Nachbesserungen in kritischen Schwerpunktbereichen mit Unterstützung aller für Bildung und Zukunft Verantwortlichen notwendig

14.07.2008 Berlin Pressemeldung Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung

Zu Beginn des Schuljahres gab es einige Schwierigkeiten in der Lehrerstellenbesetzung und das hat zu Unterrichtsausfall geführt:

  1. Schwankungen in der Anzahl der von den Schulen gemeldeten Schüler,
  2. in der Anzahl der dauererkrankten Lehrer und Lehrerinnen sowie
  3. in der Anzahl der im Laufe des Schuljahres einzureichenden Anträge auf Frühpensionierung gekoppelt mit der
  4. schlechteren Tariflage für Berufsanfänger im Land Berlin gegenüber anderen Bundesländern.

Hinzu kam die Unsicherheit im Umgang mit der neu eingeführten Personalkostenbudgetierung ("PKB-Mittel"), jenen 3% Personalmitteln, die die Schulen zur Direktfinanzierung von Honorarkräften für Kurzzeitvertretungen erhalten.

Als besondere Belastung für die (gebundenen) Grundschulen sind die fehlenden Erzieherinnenvertretungen im Hortbereich zu werten, sie wurden zwei Jahre zuvor im Zuge der Verlagerung von Hort an Schule eingespart.

Inhaltlich gab es heftige Debatten u.a.

  • um die Zukunftsfähigkeit der Hauptschulen,
  • mit der Einführung der Gemeinschaftsschule auch um die Zukunftsfähigkeit des dreigliedrigen Schulsystems (Abschaffung des Gymnasiums versus verstärkte Angebote zum Übergang nach Klasse vier),
  • um die Ausgestaltung der Sekundarstufe I mit Mittagessen und Blockunterricht im Rahmen der Schulzeitverkürzung,
  • um die gestiegene Schülerbelastung im gleichen Zusammenhang,
  • um die zunehmende Anzahl emotional-sozial gestörter Kinder in der Schulanfangsphase,
  • um den hohen Anteil an Schulabbrechern,
  • um die beruflichen Belastungen des Lehrerberufs (mangelnde soziale Anerkennung, Belastung mit zahlreichen unterrichtsfernen Aufgaben, Rollendefinition),
  • um die Qualität des Berliner Schulsystems (unterschiedliche Bewertung der Ergebnisse der Schulinspektion),
  • um die Übergabe der Horte an freie Träger,
  • um den Umgang mit Gewalt (auch rechter Gewalt, Gewalt von Schülern gegenüber Lehrern ebenso wie die inhaltlich zwar richtige, hier aber populistisch angezettelte Diskussion um Aspekte der Lehrergewalt gegen Schüler)
  • und um die zunehmenden Schwierigkeiten vieler Familien bei der Erziehung ihrer Kinder (mangelnde Deutschkenntnisse bei Schuleintritt, nicht ausreichende Gesundheitsfürsorge, fehlende Konsequenzen bei Schuldistanz, fehlende finanzielle Mittel für außerschulische Bildungsangebote, Alkohol- und Suchtprobleme).

Durch die vorzeitige Verbreitung von Aufgaben und Lösungen der Mathematikklausur des Mittleren Schulabschlusses an mindestens 95 Schulen war die Wiederholung der Klausur trotz heftiger Proteste leider unvermeidbar. Die Qualität des Mittleren Schulabschlusses stand auf dem Spiel.

Die Summe aller Probleme und Schwierigkeiten führte zu erheblichem Unmut und deutlicher Kritik am Senator für Bildung, Prof. Dr. Jürgen Zöllner.

Unter dem Titel "Gerechtigkeit und Transparenz" wurden am 13. Februar 2008 die Grundzüge der Zumessungsrichtlinien vorgestellt, die die bisher geltenden "Organisationsrichtlinien für die Lehrerzumessung" an den Berliner Schulen ersetzen sollen.

Neu ist im kommenden Schuljahr die Einführung eines sogenannten "Klassenteilers" für die Grundschulen, d.h. auch Klassen, die mit Genehmigung der bezirklichen Schulaufsicht unterhalb der Richtfrequenz von 24 Schülern eingerichtet werden, erhalten die notwendigen Lehrerstunden, um den Unterricht laut Stundentafel durchführen zu können. Nach dem alten Faktorenmodell reichte die Anzahl der Stunden für die Einrichtung unterfrequenter Klassen nicht aus, es mussten Stunden aus anderen Bestimmungsbereichen mit hinzugezogen werden.

Neu ist die verbesserte Grundausstattung der Schulanfangsphase mit zusätzlichen Lehrer- und Erzieherstunden.

Neu ist auch die Unterscheidung zwischen Grund- und Zusatzbedarf. Der Grundbedarf wird nach dem Klassenteilermodell für die Grundschulen und den unterschiedlichen Faktorenmodellen für die Oberschularten berechnet. Der Zusatzbedarf richtet sich nach den Bedarfen an Integrations- und DaZ-Stunden (Deutsch als Zweitsprache), die erstmals auch Schülern ohne Migrationshintergrund mit unzureichenden Sprachkenntnissen und Oberschülern zuerkannt werden. Die Summe beider Bedarfe ergibt die garantierte 100%ige Lehrerausstattung der jeweiligen Schule. Zusätzliche Stunden für genehmigte besondere Profile einer Schule (aus dem Profilpool der Zumessungsrichtlinien) und Stunden über die den Bezirken zugeordneten Dispositionsstellen für den Ausgleich besonderer Härten im Integrationsbedarf können gewährt werden.

Prof. Dr. Zöllner hat damit eine Grundstruktur für gerechtere Verteilung geschaffen, die durch Variablen für den Härtefallausgleich und den Profilbedarf ergänzt wird.

Um das Maß an Transparenz zu erhöhen empfiehlt der Landesschulbeirat klare Regeln für den Umgang mit den Variablen einzuführen, bzw. den Anteil an festen Stunden für den Integrationsbedarf zu erhöhen und den Anteil an Dispositionsstunden zu verringern. Die gerechtere Verteilung kann und darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine noch so klug ausgetüftelte Umverteilung den begrenzten Etat des Schulsenators nur ausreizen, nicht aber aufstocken kann.

Daher fordert der LSB die Politiker aller Parteien auf, endlich den Haushaltsvorbehalt bei der Integration zu streichen. Die Zahl der betroffenen Schüler wächst jährlich, aber die Anzahl der zu Verfügung gestellten Stellen wurde seit über sechs Jahren nicht mehr erhöht.

Besonders wichtig ist die Verdoppelung des verbindlichen Deutschunterrichts für "Vorschulkinder" mit nicht ausreichenden Sprach – bzw. Deutschkenntnissen. Dies wird hoffentlich zu einer Verbesserung der Verständigungsprobleme in der Schulanfangsphase führen.

Der Beschluss von Prof. Dr. Zöllner das Jahrgangsübergreifende Lernen in der Schulanfangsphase an den Schulen nicht für alle verbindlich einzuführen, sondern den Schulen, die es wollen noch Zeit zu geben, hat für mehr Ruhe bei den Betroffenen geführt.

Der LSB geht davon aus, dass die jetzt abgeschlossene Umstrukturierung der Schulaufsicht in Zusammenhang mit der geplanten Qualitätsoffensive zu einer verbesserten Zusammenarbeit zwischen bezirklicher Schulaufsicht und der Senatsverwaltung führen wird. Maßnahmen zur Entbürokratisierung unterstützen diesen Prozess.

Die zweijährige Einführungsphase des unter Senator Klaus Böger für die 5. und 6. Klassen an Grundschulen eingeführte "buddY"-Programms zur Sucht- und Gewaltprophylaxe wurde beendet und soll nun von den Schulen in Eigenregie fortgesetzt werden. Der LSB begrüßt die Zusage von Herrn Prof. Dr. Jürgen Zöllner, die Weiterentwicklung des Programms an den Grundschulen ebenso wie dessen Einführung an den Oberschulen voranzutreiben.

Die Zusage des Schulsenators, die Schnellläuferklassen an Gymnasien vom Modell- in den Regelbetrieb zu überführen hält der LSB für einen wichtigen Schritt im Rahmen der Begabtenförderung.

Im Zusammenhang mit der Vorstellung der Ergebnisse der Schulinspektion wird eine Qualifizierungsoffensive gestartet, die einerseits der Unterstützung und Begleitung "neuer" und "alter" Schulleitungen gilt (Entwicklung von Führungsqualitäten) als auch andererseits dem Coaching einzelner Lehrer und Lehrerinnen sowie ganzer Schulen. Der LSB begrüßt diesen so wichtigen Schritt im Rahmen schulischen Qualitätsmanagements.

Die Einführung von zwei Einstellungsterminen für Lehrer/innen erstmals in diesem Jahr brachte Ruhe in das zweite Halbjahr. Durch die weit voran geschrittene Besetzung von 816 Lehrerstellen ist das kommende Schuljahr 2008/09 im Vergleich zu früheren Jahren gut vorbereitet. Der LSB begrüßt diese Entwicklung ausdrücklich und empfiehlt allen Lehrern und Lehrerinnen, Schülern und Schülerinnen und Eltern dem neuen Schuljahr zuversichtlich entgegen zu blicken, wohl wissend, dass es noch viele ungelöste Fragen, insbesondere die der Integration und die nach der inneren sozialen Gerechtigkeit (im Gegensatz zur mathematischen Gerechtigkeit) des Systems gibt.


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