Die Zukunft der Bildung

(Ralf Oesterreicher) Bis zum Jahr 2007 stellt die Bundesregierung Fördermittel zur Einführung von Ganztagsschulen von insgesamt 4 Milliarden Euro zur Verfügung. Nach dem Pisa-Debakel scheint das Konzept Ganztagsschule die Zukunft im Bildungswesen zu sein. Doch die Umstellung wird nicht reibungslos vonstatten gehen. Die Verteilung der Gelder steckt noch in den Kinderschuhen, in Bayern zum Beispiel wird derzeit nur etwa ein Viertel der Fördergelder genutzt. Lediglich 3,6 Prozent der bayerischen Schüler sind im Ganztagsbetrieb. In anderen Bundesländern ist es ähnlich. Dass es sich dennoch lohnt, diesen Weg zu gehen, zeigt der Erfolg der Nymphenburger Schulen in München, die seit bereits 35 Jahren die Vorteile einer Ganztagsbetreuung an ihre Schüler weitergeben.

15.09.2005 Artikel
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Direktor Zahlhaas sieht seine Schulen selbstbewusst in der Vorbildfunktion: "In Bayern sind wir immer noch das einzige flächendeckende Ganztagsgymnasium." Auch habe man hier den Schulversuch des achtstufigen Gymnasiums entscheidend mitgeprägt und viele Elemente des Nymphenburger Gymnasiums seien von den staatlichen Schulen übernommen worden. Doch auch hier musste erst viel Vorarbeit geleistet werden, um die Schulen als Ganztagsschulen etablieren zu können.

Der Bildungsaufbruch Anfang der 70er Jahre gab den Anstoß, viele Schulen in relativ kurzer Zeit entstehen zu lassen. Erste Versuche mit Gesamtschulen und Ganztagsschulen wurden unternommen. Auch die Nymphenburger Schulen, als Halbtagsschulen gebaut, wurden im Zuge der Reformen umkonzipiert. Noch heute mache sich die nachträgliche Umstellung in vielen Bereichen bemerkbar, erklärt der Schulleiter. Allein die räumlichen Anforderungen an die Klassenräume seien noch nicht optimal. "Es ist einfach ein Unterschied, ob Kinder nur halbtags in der Schule sind oder ob Schüler den ganzen Tag in den Räumen verbringen." Zusätzliche Spinde gehören in die Räume, aber auch deren Anordnung muss den Erfordernissen der Ganztagsschule angepasst sein. "Man kann einfach nicht den ganzen Tag Frontalunterricht praktizieren, das wäre pädagogisch nicht ratsam."

Schule als Lebensraum

Voraussetzungen, um den Schülern ein Wohlfühl-Gefühl vermitteln zu können, seien viel Licht und viel frische Luft, so Zahlhaas. Die bauliche Konzeption der Nymphenburger Schulen ist nach diesem Denken ausgerichtet. Auch langfristige bauliche Veränderungen folgen diesem Weg. Nötig ist auch eine große Küche und eine Mensa, die allen Schülern ausreichend Platz bietet. In den Nymphenburger Schulen beschäftigt man für die Versorgung von täglich bis zu 750 Schülern einen Chefkoch und fünf Angestellte.

Zahlhaas sieht die Ganztagsschule als behütendes Element. Bei vielen Schülern sind beide Eltern berufstätig oder es handelt sich um Alleinerziehende. Wichtig sei für die Eltern der Faktor Verlässlichkeit. Dies sei hier gegeben, erklärt der Direktor. Dank einer durchgehenden Betreuung und Beaufsichtigung bis 16.30 Uhr erfahren beispielsweise Einzelkinder eine bessere Sozialisierung. Schule agiert als erziehungsleistende Einrichtung. Dies stehe immer mehr im Brennpunkt, denn frühere Werte wie etwa die religiöse Behaftung oder enge familiäre Bindung, wie sie etwa in der gemeinsamen Hausmusik gepflegt wurde, treten immer mehr in den Hintergrund. So halte man sich in den Nymphenburger Schulen immer noch an das Credo des Gründers Ernst Adam: "Jede Unterrichtsstunde ist auch eine Erziehungsstunde!" Sozialpädagogen seien in allen Bereichen von Anfang an dabei - als Streitschlichter, Unterrichtsbegleitung oder Tippgeber.

Wer kann sich das leisten?

Trotz der hohen Zuschüsse durch die Bundesregierung nehmen viele Schulen die Fördergelder nicht in Anspruch. Der Grund ist, dass der Eigenanteil beziehungsweise der Trägeranteil von zehn Prozent für viele Einrichtungen einfach nicht zu stemmen ist. Bildungsministerin Bulmahn habe sich zwar beschwert, dass bisher nur ein Viertel der Fördermittel abgerufen worden sei, man müsse aber bedenken, so Zahlhaas, dass Mittel schnell einzusetzen nicht gleichbedeutend sei mit dem effektiven Einsetzen der Fördergelder. Zudem müsse man den Antrag auf die Fördermittel jährlich bis 31. Januar abgeben, was danach komme, müsse ein Jahr warten.

Zur Zeit bekämen die Nymphenburger Schulen etwa 50 Prozent ihrer Aufwendungen vom Staat. Überwiegend lägen diese beim Betriebszuschuss, dem Versorgungszuschuss, einem Sonderzuschuss für Nachmittagsbetreuung und einem kleinen Zuschuss für die Einführung des G 8. Auf diese regelmäßigen Einkünfte stütze sich der Schulbetrieb. Andere Zuschüsse, wie etwa die baulicher Art, seien im Zuge der Haushaltskonsolidierung bis 2006 kompliziert zu handhaben. Notwendige Maßnahmen seien zwar mit 50 Prozent förderfähig, viele Mittel würden aber immer weiter gekürzt oder gestreckt. Man könne also davon ausgehen, dass man die Fördermittel erst sehr viel später bekommt und letztlich auf längere Sicht alles selbst finanzieren muss. "Viele Schulen, die das Konzept Ganztagsschule in ihrer Einrichtung als Versuch gestartet haben, werden aus diesen Gründen ihre Pläne in absehbarer Zeit aufgeben müssen", bedauert Zahlhaas.

Niveau hat seinen Preis

Der Staat trage zwar 80 Prozent der Personalkosten für die Finanzierung der Unterrichtsstunden, die an Halbtagsschulen anfallen würden, nicht jedoch für die Sozialpädagogen und Schulpsychologen, die an einer Ganztagsschule nötig wären, um sie erfolgreich zu betreiben. So fallen für den Träger hohe Kosten an, die sich im Fall der Nymphenburger Schulen im Schulgeld von 499 Euro im Monat bemerkbar machen. "Man muss den Eltern aber klar machen, dass wir durch die Leistungen, die wir anbieten, unseren Preis wert sind", erklärt Zahlhaas. Und der Erfolg gebe ihm recht: Man müsse leider immer noch Schüler abweisen, um das Niveau qualitativ hoch halten zu können. Man wolle in jedem Fall die Maximal-Klassenstärke von 25 Schülern beibehalten. Anders seien auch die Interaktionen zwischen Schülern, Lehrern und Fachpersonal nicht zu gewährleisten.

Das Wunschziel wäre natürlich, allen Kindern einen Platz anbieten zu können. Man arbeite hier mit Stiftungen zusammen wie etwa der Robert-Bosch-Stiftung, die ein Programm für Migrationskinder am Laufen halte, um zusätzliche Gelder frei zu machen. So sei jeder Freiplatz moralisch wertvoll für die Nymphenburger Schulen. In der Realität sei dies leider oft nicht machbar, da das Halten des Qualitätsstandards sehr hohe Personalkosten nach sich ziehe. "Von den 10,5 Millionen Etat pro Jahr verschlingen allein die Personalkosten etwa 8,8 Millionen Euro," erklärt der Schulleiter. Es seien auch mehr Hauptschulen nötig, doch die müssten umsonst sein, da die Eltern der betroffenen Schüler meist aus sozial schwächeren Verhältnissen stammten. Somit gebe es für sie keine Möglichkeit, ihre Kinder auf kostenpflichtige Schulen zu schicken. Doch dadurch sei dieses Projekt für die Ganztagsschule Nymphenburg leider nicht realisierbar.

G 8 - und dann?

Im September 2004 wurde das achtstufige Modell für die Jahrgangsstufen fünf und sechs als Regelschule an Gymnasien eingeführt. "Das war gesamtgesellschaftlich auch nötig, da Deutschland doch in vielen Bereichen den anderen europäischen Ländern und den USA hinterher hinkt," sagt Zahlhaas. Nur könne das G 8 nur als Ganztagsschule funktionieren. Und das mit allen baulichen und personellen Voraussetzungen. Würde nur einfach der Stundenplan aufgestockt, ginge das in jedem Fall schief, so der Direktor. Die Einführung des G 8 sei auch aus dem Grund der richtige Weg, da sich die Strukturen an den Universitäten ändern würden. Man gleiche sie immer mehr an anglo-amerikanische Verhältnisse an. Die TU München biete zum Beispiel seit 1998 Master-Studiengänge an. Gleichzeitig würden bereits die ersten Diplom-Studiengänge abgeschafft.

Enge Kooperationen zwischen Universität und Fachhochschulen seien die Zukunft, so Zahlhaas. Das Abitur sei dann nicht mehr die alleinige Zugangsvoraussetzung zur Uni - und auch keine Garantie mehr. Vielerorts würde bereits heute eine Art Bewerbungsgespräch zur Aufnahme geführt oder ein Test gefordert. Um auf die veränderten Perspektiven zu reagieren, wollen die Nymphenburger Schulen alternativ zum Gymnasium die Kombination Realschule und anschließend Fachoberschule auf einem Gelände anbieten.

Konzept Ganztagsschule - wie kann es funktionieren?

Die quantitative Vorgabe sei klar: Es müsse eine Ganztagsbetreuung an mindestens vier Tagen in der Woche für mindestens zehn Stunden gewährleistet sein, erklärt Zahlhaas. Weiter müsse ein schlüssiges pädagogisches Konzept vorliegen und geeignete Räume zu Verfügung stehen - oder ein Träger, der diese zur Verfügung stellt. Dies sei ein spannendes Thema, das man kreativ ausschöpfen sollte. Etwa mit Kooperationen, die Win-Win-Situationen erzeugten. Zahlhaas kenne beispielsweise eine Schule, in deren unmittelbarer Nähe ein Kloster sei, das seine Räume und seine Küche zur Verfügung stelle und somit seine eigene Auslastung verbessere. Oder das Karls-Gymnasium in München: Nebenan sei eine FH für Sozialwesen. Nun würden Studenten bei der Nachmittagsbetreuung Praxiserfahrungen sammeln können, während die Schule angehende Fachkräfte ohne Zusatzkosten einsetzen könne. Hier gebe es zahllose Möglichkeiten, man müsse nur genau nachforschen, so der Direktor.

Um erfolgreich ein Ganztagskonzept umsetzen zu können, müsse man Schule als Verantwortungseinheiten begreifen. Der Schlüssel sei, individuell auf die Bedürfnisse der Schüler einzugehen. Lehrer dürften sich nicht nur auf ihr Fach beschränken, sondern müssten eine Gesamtverantwortung übernehmen, die sie dann, heruntergebrochen auf ihr Fach, den Schülern vermitteln. Dies sei am Anfang schwierig, da eine solche Vorgehensweise von den Pädagogen schlichtweg nicht gelernt wurde. Aber ein komplexer Umbruch der Verantwortungen und Kompetenzen sei unumgänglich, Prozessfähigkeit, Managementfähigkeit und die Verantwortung für das Ganze seien die Grundpfeiler für die funktionierende Gesamtschule der Zukunft.

An den Nymphenburger Schulen habe man dieses Problem intern gelöst: Seit 25 Jahren gibt es Lehrerfortbildungen - auch zum Thema Schulentwicklung. Eine Lehrkraft hat ein Fernstudium für Schulmanagement absolviert und ist nun verantwortlich für die Schulentwicklung. Sie leitet die Konferenzen, besucht Klausurtagungen und leitet die Fortbildungen im Haus. Als nächsten Schritt hat man sogenannte Lehrerteams gebildet, wobei der Klassenleiter gleichzeitig der Teammanager ist. Er ist auch zuständig für die Unterrichtsorganisation. Die Teams treffen sich dann ein Mal pro Woche und tauschen Ergebnisse aus und wie man weiter vorgehen will. Man müsse individueller und effektiver auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen: "Wenn beispielsweise der Englischlehrer für eine Woche im Skikurs ist, bieten wir keine Vertretung an, sondern intensivieren eben den Englischunterricht in der Woche vor oder nach dem Skikurs. Dafür haben die Schüler in der Woche eben mehr Deutsch oder Mathe. So geht nichts verloren und wird optimal ausgeschöpft!"

Schule von morgen

Hier führt das Direktoratsmitglied zwar, die Lehrer haben jedoch mehr Eigenverantwortung - aber auch mehr Freiheiten. Diese neue Art des Lehrens muss aber auch erst erarbeitet werden. "Man kann zwar Standards vorgeben, was zählt, ist aber einzig das Ergebnis," unterstreicht Zahlhaas. Die Wegbereitung gehe dabei immer vom Schulleiter aus: Wie offen ist er für neue Ideen? Er muss den Blick nach Außen wahren. Wie funktioniert der Schulbetrieb an anderen Schulen, in anderen Ländern? Und dann muss er vergleichen und verbessern oder verändern.

Für die Lehrer sei es wichtig, den Schülern die Zusammenhänge von Schule und beruflichen Werdegang klar zu machen: Was brauchen Schüler, um besser zu werden? "Diese Veränderung muss jedoch langsam passieren. Man darf nichts überstürzen," mahnt Zahlhaas. Prioritäten lägen auch im Management der Schulen. Hier sei Fingerspitzengefühl gefragt. Der Schulleiter sollte nur für strategische Aufgaben zuständig sein und so Signale für die Schulentwicklung setzen können. Frei verfügbare Mittel müssten gezielt zur Verbesserung des Niveaus eingesetzt werden.

Nymphenburger Schulen - ein Erfolgskonzept

Die Nymphenburger Schulen können in vielen Bereichen anderen Einrichtungen, die denselben Weg gehen wollen, als Ideengeber und Vorbild dienen. Hier wird viel getan, sodass man nicht stehen bleibt und sich weiterentwickelt. Ein Punkt ist die Organisation der Unterrichtsstunden. Es gibt hier zusätzlich zu den Fachstunden sogenannte Intensivierungsstunden, die anders organisiert sind. In zwei Gruppen wird individuell auf das Tempo der Schüler eingegangen und so intensiv Schwächen und Stärken gefördert. Das Konzept LDL (Lernen durch Lehren), bei dem die Schüler die Rolle des Lehrers einnehmen, wird zur Erweiterung der Sichtweise des Schülers praktiziert. Bei den Arbeitsstunden herrscht freie Zeiteinteilung anhand eines Wochenplans. Jeder Schüler kann selbst entscheiden, was als nächstes zu tun ist. In den fünften Klassen gibt es eine Hausaufgabenstunde, die sich in Arbeits- und Lerneinheit aufteilt. Wie ein Schüler seinen Stoff lernt, bleibt ihm dabei selbst überlassen. Die Fachkräfte agieren hier nur unterstützend und beratend. So kann die Kreativität der Schüler gefördert werden.

Nach 16.30 Uhr bietet die Schule eine Hausaufgabenbetreuung, eine Fachförderung, aber auch verschiedene Spaß- und Spielangebote. In Projektarbeiten wurde im letzten Jahr beispielsweise ein Buch gemacht - von der Papierherstellung bis hin zum Setzen in der Druckerei. Jeden Sommer findet eine Projektwoche statt, bei der ausgewählte Projekte vorgestellt werden. Weitere Praxiserfahrungen können die Schüler in zwei Praktika erlangen - einem sozialen und einem Wirtschaftspraktikum, die jeweils eine Woche während der Schulzeit und eine Woche in den Ferien geleistet werden. "Die weit entfernteste Stelle war bisher in den USA, nächstes Jahr planen wir Praktikumstellen in China zu bekommen, wo wir auch eine Partnerschule haben," erklärt Zahlhaas. Weitere spezielle Einrichtungen der Ganztagsschule sind die Töpferwerkstatt mit zwei Brennöfen, eine Lernküche sowie verschiedene Handwerksräume. Einzigartig dürfte das Schüler-Lehrer-Büro sein, in dem sich beide Parteien ganz ungezwungen aufhalten und Probleme besprechen können.

Um den Informationsaustausch so unkompliziert und schnell wie möglich zu gestalten, hat man zudem ein Intranet eingerichtet, auf das Schulleitung, Kollegium und Angestellte Zugriff haben. Dadurch wird mehr Transparenz geschaffen und mehr Effektivität erzielt. Stundenpläne, Fehlzeiten, Ergebnisse von Konferenzen und der Küchenplan sind nur einige der Informationen des hauseigenen Netzes.

Durch ein wöchentliches Meeting mit den Sozialpädagogen, den Schulpsychologen und Direktorat sowie Kollegium ist eine Vernetzung der ganzen Schule gewährleistet. Auch zwischen Schülern, Eltern und den Fachkräften werden in sogenannten Netzgesprächen Probleme besprochen und miteinander angegangen.

Es muss also das Gesamtkonzept stimmen, um die kleineren Einheiten erfolgreich weiterentwickeln zu können. Verantwortlich dafür sind kreative und umsichtige Schulleiter, die ihrem Personal den Weg weisen. Dass mehr Freiheit auch mehr Verantwortung bedeutet, sollte dabei kein Hindernis sein.

Mehr zum Thema: "Praxis der Ganztagsbetreuung an Schulen" bei www.forum-verlag.com/gts


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