Große Mehrheit der Bayern sagt: Gemeinschaftsschulen verschlechtern Bildungsqualität

Weniger als ein Drittel der bayerischen Bevölkerung (29 Prozent) erwartet sich von einer "Schule für alle", in der die gemeinsame Schulzeit auf zehn Jahre verlängert wäre, eine höhere Bildungsqualität. Das hat eine repräsentative Umfrage ergeben, die das München–Institut für Marktforschung GmbH (MIFM) im Auftrag des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) bei 950 Befragungspersonen durchgeführt hat. "Dieses Ergebnis ist eine klare Absage an alle politischen Kräfte, die eine Einheitsschule einführen wollen, gleich ob sie nun Gesamt- oder Gemeinschaftsschule heißen soll. Bayerns Bevölkerung möchte offenbar keinen Systemwechsel", kommentierte der Verbandsvorsitzende Max Schmidt die Zahlen.

25.10.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)

Negative Erwartungen gegenüber "Schule für alle" überwiegen

Nur 19 Prozent der Bevölkerung sind der Ansicht, dass leistungsschwache Schüler in einer "Schule für alle" besser gefördert werden könnten. Die negativen Erwartungen überwiegen dagegen deutlich: Rund 40 Prozent denken, dass leistungsstarke Schüler hier unterfordert werden können, weil sie mehr Rücksicht auf schwächere nehmen müssen. Ein gleich großer Prozentsatz glaubt, dass die dort erworbenen Fähigkeiten nicht ausreichend sind, um sich auf das Abitur vorzubereiten.

Grundschuleltern lehnen Verlängerung der Grundschuldauer und eine Schule für alle mit deutlicher Mehrheit ab

Insbesondere Grundschuleltern erwarten von einer auf zehn Jahre verlängerten gemeinsamen Schulzeit eine deutlich verschlechterte Bildungsqualität (55-57 Prozent). "Weil gerade die Kinder dieser Eltern ausgiebig Erfahrungen mit einer ´Schule für alle´ machen, ist die Befürchtung, dass eine längere gemeinsame Beschulung begabungsgerechte Förderung erschwert, wohl nicht aus der Luft gegriffen", resümierte der bpv-Vorsitzende.

Übrigens erwartet auch nur ein Drittel der Gesamtbefragten von einer Verlängerung der Grundschulzeit positive Effekte im Hinblick auf die Verbesserung schulischer Leistungen.

Bayerns Bürger wollen mehr individuelle Förderung, bessere Ausbildung der Lehrkräfte und mehr Ganztagsangebote

Verbesserungen der Bildungsqualität erwarten sich die Eltern eher durch die gezielte Förderung leistungsschwacher Schüler (83 Prozent), eine bessere Lehrerbildung (75 Prozent) sowie durch eine Ganztagsbetreuung der Jugendlichen (59 Prozent).

"Die Ergebnisse belegen eindrucksvoll, dass Bayerns Bevölkerung weitere Reformen wünscht, aber ausdrücklich innerhalb des Systems", bilanzierte Schmidt.

"Vor dem Hintergrund dieser Zahlen bleibt es unverständlich, dass der kommende Doppelhaushalt nicht ein einziges neues Ganztagsgymnasium vorsieht. Selbst für den zwingend not­wendig gewordenen Ganztagsbetrieb an mehreren Tagen stellt die Staatsregierung derzeit nicht ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen bereit. Die Politik lässt das Gymnasium bislang mit einer halbherzig beendeten Reform im Regen stehen."

G8-Reform und Abschaffen des Sitzenbleibens stoßen auf wenig Gegenliebe

Deutliche Kritik üben die Eltern auch weiterhin am G8: Die Verkürzung der gymnasialen Schul­zeit von neun auf acht Jahren halten sie für nicht geeignet, um die Bildungsqualität zu verbessern (62 % Ablehnung, 15 % Zustimmung).

Die jüngst vom BLLV-Vorsitzenden erhobene Forderung nach einer Abschaffung des Sitzenbleibens halten nur 18 Prozent für sinnvoll, eine ganz breite Mehrheit von 60 Prozent lehnt dagegen diese Maßnahme im Hinblick auf Qualitätsverluste ab.

Mehr Gerechtigkeit durch eine qualitätsorientierte Weiterentwicklung

Für den bpv-Vorsitzenden Max Schmidt steht die Mehrheit der bayerischen Bevölkerung klar hin­ter dem gegliederten Schulwesen. "Parallel dazu beobachten wir aber auch eine kontrovers geführte Debatte mit starker Kritik an der Chancengerechtigkeit", erläuterte Schmidt weiter. "Doch wer die Gerechtigkeitsfrage anspricht, muss auch eine überzeugende Antwort auf die Qualitätsfrage geben. Wenn mehr Bildungsgerechtigkeit nicht mit einem Verlust an Bildungsqualität bezahlt werden soll, muss sich das gegliederte Schulwesen weiterentwickeln. Ein Systemwechsel wäre der teurere und schlechtere Weg. Schließlich haben wir in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland bereits durchschlagend erfolglose Erfahrungen mit Gesamtschulen gemacht."

Philologenverband schlägt Intensivierung der vorschulischen Förderung vor mit verpflichtenden Sprachstandstests und intensiver Sprachförderung

Der Bayerische Philologenverband sieht den Schlüssel zur stärkeren Entkoppelung von sozialer Herkunft und Bildungschancen auch in Bayern in einer verstärkten vorschulischen und frühkindlichen Sprachförderung. Max Schmidt betonte: "Auch hier gilt nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr! Deshalb fordern wir von der Bayerischen Staatsregierung eine umfassende Kampagne zur verstärkten vorschulischen Förderung insbesondere sozial benachteiligter Kinder!" Im Einzelnen schlug der bpv-Chef folgende Maßnahmen vor:

  1. Verpflichtende Sprachstandstests bei allen vierjährigen Kindern in Bayern.
    Anschließende verpflichtende vorschulische Förderung mittels regelmäßiger Sprachförderung bei erkannten Sprachdefiziten.
    Diese vorschulische Sprachförderung muss natürlich auf kindgemäßem Niveau erfolgen und sollte langfristig durch speziell dafür ausgebildete Fachkräfte erteilt werden, kurzfristig erscheint auch der Einsatz von Grundschullehrkräften wie in Nordrhein-Westfalen dazu sinnvoll.
  2. Eine flexibilisierte Eingangsphase auf die weiterführende Schulart.
    Übertrittszeitpunkt bleibt der Abschluss der vierten Klasse, jedoch wird die Leistungsfähigkeit bis zum Ende der sechsten Jahrgangsstufe kontinuierlich weiter untersucht. Zu einem Wechsel geeignete Schüler bekommen einen entsprechenden Vermerk ins Zeugnis und müssen über einen Schullaufbahnwechsel verpflichtend beraten werden.
  3. Die Ganztagsangebote sind an allen Schularten, also auch am Gymnasium, auszubauen und mit entsprechenden Sach- und Personalmitteln auszustatten.
  4. Der Grad an individueller Förderung ist weiter auszubauen. Mittelfristig müssen dazu in allen Schularten Klassenstärken von maximal 20 Schülern angestrebt werden, jede Schule braucht einen Stellenpool für die Förderung besonders leistungsschwacher und besonders leistungsstarker Schüler.

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