Lob und Tadel für Schavans Einheitsschulbuch

(bikl.de) Unterschiedliche Reaktionen hat der Vorstoß von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) hervorgerufen, Schulstandards und Schulbücher bundesweit zu vereinheitlichen. Von Zustimmung über Erstaunen bis auf heftige Ablehnung reicht die Skala.

30.07.2007 Artikel

Als einer der ersten hatte sich Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemannn geäußert. "Wir wollen den Schulen doch gerade mehr Freiheiten geben, damit sie ein eigenständiges Profil herausbilden können", sagte der CDU-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Ein einheitliches Deutschbuch etwa für die Klasse Sieben widerspreche der Vielfalt und Wahlfreiheit im Schulwesen, sagte Busemann. "Wir kämpfen doch gemeinsam gegen die Einheitsschule, da brauchen wir doch auch kein Einheitsschulbuch", argumentierte er. Stattdessen solle ein Wirtschaftsgymnasium eher ein Buch mit ökonomischen Schwerpunkten wählen, eine Schule in freier Trägerschaft dagegen die christlich-soziale Werteerziehung betonen können.

Es gebe eine Vielzahl renommierter Schulbuchverlage, deren Ausgaben von den Kultusministerien auf ihre Zulassungsfähigkeit, aber auch auf die jüngst entwickelten Bildungsstandards hin überprüft würden. Einen Zwang zu größerer Harmonisierung sehe er deshalb nicht. "Frau Schavan soll uns da erst einmal ganz präzise den Handlungsbedarf nennen", forderte Busemann. Wenn es tatsächlich Probleme gebe, könnten diese zudem die zuständigen Länderminister in der Kultusministerkonferenz lösen. Busemann erinnerte daran, dass sich Schavan als baden-württembergische Ministerin selbst gegen solche Vorstöße von Bundesebene verwahrt habe.

Unterstützung erhielt Busemann vom Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Patrick Meinhardt. "Schule ist und bleibt Ländersache", erklärte der Abgeordnete. "Wir brauchen in der Bildung nicht mehr Zentralismus sondern weniger, nicht mehr Bürokratie, sondern weniger, nicht mehr Einfluss Berlins, sondern mehr Bildungsfreiheit vor Ort. Wenn Frau Schavan vorhaben sollte, sich vom Wettbewerbsföderalismus zu verabschieden und einen Weg zu mehr Bildungszentralismus zu beschreiten, dann sollte sie schleunigst diesen Irrweg wieder verlassen. Schavans Einheitslehrbücher verbessern nicht die Qualität der Schulen, sondern begrenzen die Vielfalt der Möglichkeiten für jeden Schüler."

Als wenig hilfreich und rückwärtsgewandt bezeichnte der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die Diskussion um einheitliche Schulbücher. "Die Idee der Einführung von einheitlichen Bildungsstandards bestand ja gerade darin, den Schulen und auch den Ländern klare Vorgaben über die zu erreichenden Leistungsstandards zu machen – also welche Fähigkeiten und welches Wissen am Ende der Grundschule oder am Ende der 10. Klasse vorhanden sein müssen – , aber den Weg dahin den Schulen zu überlassen. Man kann nicht erst die Autonomie der Schule predigen und dies auch im eigenen Bundesland vehement vorantreiben, und dann aber versuchen, die Entwicklung über die Hintertür einheitlicher Schulbücher umzukehren", so der DPhV-Vorsitzende.

Auch der Bundesverband Deutscher Privatschulen e.V. (VDP) widersprach dem Ansinnen der Bundesbildungsministerin und warnte vor einem stärkeren Zentralismus im deutschen Bildungswesen. "Wir brauchen gerade nicht mehr Einheitlichkeit, sondern mehr Wettbewerb und Vielfalt im deutschen Schulwesen", sagt VDP-Geschäftsführer Christian Lucas. Natürlich müsse es einheitliche Zielvorgaben geben. Wie diese Zielvorgaben erreicht werden, dürfe aber nicht zentral festgelegt werden, so Lucas: "Unterschiedliche Schüler brauchen unterschiedliche Schulen, und gesunde Konkurrenz fördert die Qualität. Ein einheitliches Schulsystem stünde dem komplett entgegen und würde nur zu einer Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner führen."

Ablehnung auch aus Baden-Württemberg. Der dortige Verband Bildung und Erziehung (VBE) wandte sich gegen eine verordnete "Gleichschaltung" aller Schulen in Deutschland. "Wer auf mehr Eigenständigkeit der Schulen Wert legt, kann sich nicht über einen `Flickenteppich´ beschweren", sagt der VBE-Vorsitzende Rudolf Karg. Es sei Unsinn, auf der einen Seite mehr Autonomie für die Schulen zu fordern und andererseits zu verlangen, dass von der Nordseeküste bis zu den Alpen auf einer Klassenstufe in einer bestimmten Stunde der gleiche Stoff mit dem gleichen Schulbuch möglichst methodengleich durchgenommen werde. Bildungsstandards, Diagnose- und Vergleichsarbeiten, zentral gestellte Klausuren, Prüfungen und Abschlusszeugnisse sorgten dafür, dass schulische Leistungen vergleichbar bleiben, versichert Karg.

Beifall erhielt die CDU-Politikerin hingegen von ihrem Parteikollegen aus Mecklenburg-Vorpommern, Bildungsminister Henry Tesch. "Die Forderung nach einheitlichen Bildungsstandards kann ich nur gut heißen", so Tesch. "Dazu gehören auch einheitliche Schulbücher insbesondere in den Grundfächern, das würde nicht nur den Lehrerinnen und Lehrern die Arbeit erheblich erleichtern, sondern auch zu mehr Transparenz und Vergleichbarkeit der Leistungen zwischen den einzelnen Bundesländern führen. Allerdings bin ich mir auch im Klaren darüber, dass dies heftige und langwierige Auseinandersetzungen mit den Schulbuchverlagen nach sich ziehen könnte."

Auch aus Bayern erhielt die Ministerin Zustimmung - und zwar vom dortigen Elternverband (BEV). "Wenn eine Familie umzieht, sollten die Kinder das nicht mit einem verlorenen Schuljahr bezahlen müssen", sagte Isabell Zacharias, die Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverbands. "Wir freuen uns, dass Frau Schavan, die das als Kultusministerin von Baden-Württemberg noch ganz anders sah, nun ebenfalls zu dieser Erkenntnis gelangt ist."

Der BEV erfahre immer wieder von großen Problemen beim Schulwechsel zwischen den Bundesländern. Das größte Problem seien dabei die unterschiedlichen Lehrpläne für die Fremdsprachen. Besonders hohe Hürden baue Bayern auf: Ohne mehrere Jahre Latein sei der Einstieg in die höheren Klassen eines sprachlichen Gymnasiums praktisch nicht möglich, eine Voraussetzung, die Schüler aus anderen Bundesländern oft nicht mitbrächten. "Noch ist es einfacher, von Niedersachsen nach Frankreich zu wechseln als nach München", sagte Zacharias. "Und Schüler aus dem Saarland, die fließend Französisch sprechen, weil sie die Sprache seit dem Kindergarten lernen, müssen bei uns in die Hauptschule gehen, weil sie für den Realschulabschluss nicht lange genug Englisch gelernt haben."


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