Digitale Bildung

„Der Einsatz digitaler Medien allein macht noch keinen guten Unterricht“

Microlearning, Flipped Classroom und Working out Loud – die Unterrichtsformen in Zeiten der Digitalisierung sind vielfältig. Die Fremdsprachenlehrerin und Bloggerin Monika Heusinger erklärt, wie digitale Medien schulische Lernprozesse unterstützen können.

06.12.2017 Bundesweit Artikel Lisa-Maria Bosch
  • © privat

Frau Heusinger, wie nutzen Sie digitale Medien im Fremdsprachenunterricht?
Genau so vielfältig. Flipped Classroom, also das selbstständige Erarbeiten von Lerninhalten zu Hause, halte ich als durchgängiges Prinzip im Fremdsprachenunterricht allerdings für weniger geeignet. Denn bei der Sprachbegegnung sowie Auseinandersetzung mit sprachlichen bzw. kulturellen Aspekten sollte es mehr um entdeckendes Lernen als um Instruktion gehen. Flippen kann jedoch sinnvoll sein, wenn z.B. zu einem Sachthemenbereich ein authentisches Videodokument außerhalb des Unterrichts individuell vorbereitet wird, um dann im Unterricht gemeinsam mit Lernpartnern direkt mit der Analyse starten und mit anschließenden Transferaktivitäten fortfahren zu können.

Was verbirgt sich hinter Microlearning?
Microlearning bedeutet Lernen in kleinen Einheiten. Durch digital verfügbare Informationen sowie Lernmaterialien können sich Schülerinnen und Schüler in kurzen Lernsequenzen Handlungskompetenzen aneignen. Die kurzen Lerneinheiten überfordern nicht in Bezug auf die Aufmerksamkeitsspanne. Die Gliederung von großen Lerneinheiten in kleine Lernangebote erleichtert die Merkfähigkeit. Oft lassen sich die Lernprozesse  gamifizieren, was die Motivation steigert und ebenfalls zur Nachhaltigkeit beiträgt.

Monika Heusinger ist Studiendirektorin für die Fächer Spanisch und Französisch am Otto Hahn Gymnasium in Saarbrücken. In ihrem Blog „Lernen in der Postkreidezeit“ beschäftigt Sie sich mit digitalen Methoden im Fremdsprachenunterricht.

Welchen Mehrwert hat der Einsatz von Tablets, Smartphones und Apps für die Schüler?
Ich mag die Diskussion um Mehrwert nicht, da sie suggeriert, dass man sich für die Nutzung digitaler Medien im Unterricht rechtfertigen muss und die Nutzung auf den Mehrwert reduziert wird. Wichtig ist, dass Schüler durch die Begleitung in der Schule kompetent im Umgang mit digitalen Medien werden. Der Fokus sollte deshalb weniger auf der Diskussion liegen, wo digitale Arbeitsformen einen Mehrwert im Vergleich zu analogen darstellen, sondern auf der Überlegung, wo digitale Medien Lehr-Lern-Prozesse sinnvoll unterstützen können und durch welche Lernangebote der Erwerb von Medienkompetenz gefördert werden kann. Dadurch entstehen ein Wert sowie eine didaktische Begründung für die Nutzung digitaler Medien, jedoch aufgrund der Überlegung, welches Medium für welches Lernsetting geeignet ist statt einer krampfhaften Suche nach Mehrwert.

Wie können digitale Medien die Unterrichtsgestaltung erleichtern?
Das Potenzial digitaler Medien liegt in den Möglichkeiten für individualisiertes, kollaboratives bzw. kooperatives, gamifiziertes sowie immersives Lernen mit Virtual und Augmented Reality. Darüber hinaus erleichtern digitale Medien inklusives Lernen, da viele Hilfen zur Verfügung stehen, die gemeinsames Lernen ermöglichen. Entsprechende Spracheinstellungen sowie Übersetzungshilfen erleichtern Schülern ohne Deutschkenntnisse die Teilnahme am Unterricht. Die Diktierfunktion kann von der Lehrperson genutzt werden, um Schülern mit Hördefiziten Informationen sichtbar zu machen. Bei Beeinträchtigung der Sehfähigkeit kann die Diktierfunktion von Schülern genutzt werden, um Beiträge weiterzugeben. In diesem Fall erleichtern auch Screen Reader, das Einblenden von Untertiteln z.B. bei Youtube-Videos sowie der Anschluss einer Braille-Tastatur die Teilnahme am Unterrichtsgeschehen. Durch einen digitalen Workflow können Arbeitsabläufe zeitökonomischer gestaltet werden, wodurch die Unterrichtszeit effektiver genutzt wird. Arbeitsergebnisse können orts- sowie zeitunabhängig zugänglich gemacht werden.

Wie kann die Nutzung digitaler Medien Lehrkräften noch die Arbeit erleichtern?
Unterrichtsvorbereitung in digitaler Form ermöglicht schnelle Änderungen sowie Aktualisierungen. Auch kann man keine Unterlagen mehr zu Hause vergessen, da man von Schulgeräten Zugriff auf seine Cloud hat, was Stress verringert. Durch die Nutzung eines digitalen Lernmanagementsystems spart man sich Kosten und Zeit für Kopien. Die Materialien sind übersichtlich archiviert und stehen zur Nacharbeit zur Verfügung. Der Austausch bzw. die Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften kann durch die Nutzung von kollaborativen Anwendungen und Gruppenchats ebenfalls vereinfacht werden. Bei sinnvoller Nutzung können somit die Unterrichtsqualität erhöht und der Arbeitsalltag erleichtert werden.

Mit welchen Apps arbeiten Jugendliche im Unterricht am liebsten und warum?
Jugendliche arbeiten gerne mit Anwendungen, die sie auch privat nutzen wie Snapchat, Instagram oder Minecraft. Sie sind aber auch interessiert, neue Anwendungen kennenzulernen, wenn diese so eingesetzt werden, dass das Potenzial mobiler Geräte genutzt wird und sie selbstständig sowie kreativ mit Lerninhalten umgehen können. Das können Apps sein zum Erstellen eines Stop-Motion-Films oder zur Arbeit mit Green Screen, zur Umsetzung von Hörspielen oder Podcasts, zum Anfertigen von digitalen Sketchnotes, zur Konzeption einer digitalen Präsentation oder interaktiven Karte, zur Gestaltung von Lernspielen oder 3D-Lernwelten, zur gemeinsamen Arbeit mit Blogs oder in Wikis, und vieles mehr.

Wann sollte man auf digitale Mittel verzichten?
Auf digitale Medien sollte man verzichten, wenn sie nur um ihrer selbst willen eingesetzt werden und nicht themen- sowie lerngruppenspezifisch. Der Einsatz digitaler Medien allein macht noch keinen guten Unterricht.


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