Interview

„Der Umgang mit digitalen Medien im Schulalltag ist essenziell“

Sascha Lobo arbeitet als Autor und Berater mit den Schwerpunkten Internet und Markenkommunikation. Er hält Vorträge über Themen wie Social Media und digitale Arbeitsprozesse für Unternehmen.

02.08.2016 Bundesweit Artikel Anika Wacker
  • © Retoklar

Auf der Bildungsmesse didacta 2016 hat die bildungsklick-Redaktion mit ihm über die Bedeutung von digitalem Lernen und den Bildungsstandort Deutschland gesprochen.

 

Herr Lobo, wie beurteilen Sie den Einsatz digitaler Medien im Schulunterricht?

Natürlich sind digitale Medien für den Schulalltag nicht nur wichtig, sondern so essenziell, wie sie auch in der normalen Welt essenziell sind. Wir leben in einer Gesellschaft des digitalen Wandels. Man kann heute praktisch keinen Beruf mehr ergreifen ohne eine gewisse digitale Expertise mitzubringen. Ausnahmen bestätigen da eher die Regel. Und wenn die Schule die Aufgabe hat, die Schüler auf das Leben vorzubereiten, dann muss sie die Schüler auch auf eine sehr viel digitalere Welt vorbereiten, als das vor fünf Jahren der Fall war – denn die Entwicklung wird intensiver und geht weiter. Die Art und Weise, wie das passiert, ist essenziell und da gibt es zwei gegenläufige Fraktionen in Deutschland, die sich gegenseitig aufhalten: Diejenigen, die ein bisschen zugespitzt sagen, das Smartphone darf man eigentlich erst mit 21 benutzen, weil man sonst quasi sofort an einem Hirntod stirbt. Und die anderen, die sagen, man muss nur ein iPad in ein Klassenzimmer werfen, dann wird von alleine alles gut. Beides ist natürlich Unfug. Was funktioniert und was die richtige Herangehensweise ist, muss noch individuell herausgefunden werden.

Welche zusätzlichen Fähigkeiten erwerben Schüler heute im Gegensatz zu früher?

Das ist gar nicht so weit entfernt von dem, was man als erwachsene Person auch lernen muss. Denn natürlich bildet die Schule auch nur einen Ausschnitt der jungen Gesellschaft ab. Das heißt zum Beispiel, dass ein absolut selbstverständlicher Teil des Lebens die digitale soziale Vernetzung geworden ist. Und große Teile des eigenen Lebens werden über mobile digitale soziale Anwendungen organisiert. Das ist bei Erwachsenen interessanter Weise ganz ähnlich so – nur nicht unbedingt in der gleichen Intensität wie bei Kindern. Wir reden ja immer über das „digitale Klassenzimmer“, aber dabei wird schnell vergessen, dass das Klassenzimmer vor allem ein sozialer Raum ist. Und die Frage, wie ein solcher digitaler sozialer Lernraum aussehen soll, muss aus meiner Sicht noch geklärt werden. Aktuell stellen beispielsweise WhatsApp-Gruppen und Snapchat-Stories eine Vielzahl informeller sozialer digitaler Räume dar, wo auch Lernergänzungen stattfinden können. Das muss man aber noch ein bisschen formalisieren und institutionalisieren, damit es auch auf Plattformen stattfindet, die besser für das Lernen geeignet sind.

Denken Sie, die heutigen „Digital Natives“ haben einen anderen Lernansatz?

Ich mag das Wort „Digital Natives“ überhaupt nicht. Ich halte die junge Generation einfach für wahnsinnig gewitzt und für im Zweifel sehr viel intelligenter im Umgang mit diesen technischen Dingen, als die Erwachsenen es vermuten. Unter anderem, weil das Verbergen des eigenen sozialen digitalen Lebens vor den Eltern und vor den Lehrern in diesem jungen Alter oft eine gewisse Lebensaufgabe ist. Das ökonomische Verständnis des Hintergrunds, was mit der digitalen Vernetzung passieren kann, ist aber auch sehr wichtig zu lernen und das wird den jungen Leuten eben nicht automatisch mit der Nutzung des mobilen Endgeräts mitgeliefert. Das müssen Erwachsene ihnen beibringen.

Beim Thema digitales Lernen scheiden sich ja die Geister zwischen absoluter Ablehnung und Befürwortung. Wie ist die deutsche Bildungslandschaft Ihrer Meinung nach derzeit aufgestellt. Steht uns ein großer Umbruch bevor?

Das Tolle ist, wenn man auf die Bildungslandschaft guckt, dann kann man ständig von einem riesigen Versagen von praktisch allen Akteuren und ebenfalls von einem großartigen Durchbruch sprechen – je nachdem, aus welcher Perspektive man das betrachtet. Global gesehen würde ich aber sagen, dass das Land sehr unter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Das hängt ein bisschen mit einer strukturkonservativen Herangehensweise zusammen. Dazu kommt, das in einigen Bundesländern recht hohe Durchschnittsalter von Lehrern, das in dem Zusammenhang sicherlich auch eine Rolle spielt. Wie man in der digitalen Sphäre Wissen vermittelt, ist eine Frage, die man in Deutschland sehr viel schneller, sehr viel klüger und mit sehr viel mehr Geld beantworten müsste. Und warum? Weil wir hier auch von Infrastrukturen sprechen und wenn ich mir die digitale Infrastruktur angucke, dann ist Deutschland tatsächlich ein Land des Versagens. Da muss sehr viel schneller und kostenintensiver nachgearbeitet werden. Erst dann können wir auch anfangen, uns über die zweifellos bestehenden Vorteile in der deutschen Bildungslandschaft neu zu unterhalten.

Gibt es ein Land, das uns beim Ausbau von digitalem Lernen als Vorbild dienen kann?

Es gibt sehr viele andere Länder, wo die Bildungssysteme digitaler sind. Ob man sich im Zweifel eine Scheibe davon abschneiden kann, ist eine andere Frage. Wir diskutieren ja in Deutschland auf einem hohen Niveau. Wir haben viele „Luxusprobleme“, die aber schnell kippen können – und zwar vom Luxusproblem in die existenzielle Bedrohung, um es ein wenig apokalyptischer auszudrücken. Wir diskutieren also derzeit noch auf einer Ebene, wo viel Gestaltungsraum möglich ist, drohen aber demnächst in einen Bereich zu kippen, wo man gar keine andere Wahl mehr hat, als schnell vorankommen zu müssen. Insofern möchte ich lieber jetzt ein bisschen Druck geben, damit man mehr Spielraum hat und sich ändern kann.


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