Gastbeitrag

Die freie Grundschulwahl steht der staatlichen Verpflichtung zu sozialer Inklusion in Schule und Gesellschaft entgegen

Das Modellvorhaben der Landesregierung von NRW und der Bertelsmann Stiftung "Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor" wird vom Zentrum für Interdisziplinäre Regionalforschung an der Ruhruniversität Bochum (ZEFIR) begleitet. Wissenschaftlich erforscht werden Möglichkeiten, wie die Prävention entlang der Bildungsbiographie von Kindern und Jugendlichen mit Armutsrisiken optimiert werden kann. In seinem soeben veröffentlichten 5. Werkstattbericht "Gleich und gleich gesellt sich gern" stellt ZEFIR die sozialen Folgen dar, die sich aus der freien Grundschulwahl ergeben.

18.01.2016 Artikel

Am Beispiel von Mülheim, einer Großstadt im Ruhrgebiet, kann der Autor des Berichts, Thomas Groos, empirisch nachweisen, dass die vorhandene soziale und ethnische Trennung der Grundschulkinder, die in allen Großstädten inzwischen anzutreffen ist, mit der Auflösung der verbindlichen Grundschulbezirke und der freien Schulwahl der Eltern zunimmt. Die entscheidende Frage ist, welche bildungspolitischen Konsequenzen daraus zu ziehen sind.

Freie Schulwahl kommt sozialem Abgrenzungsbedürfnis von Eltern der sozialen Mittelschichten entgegen

Besuchten vor der Freigabe der verbindlichen Schuleinzugsbezirke etwa 10 % der Kinder in Mülheim eine andere als die zuständige Grundschule, so ist mit der freien elterlichen Grundschulwahl durch die schwarz- gelbe Vorgängerregierung seit 2005 der Anteil auf gut 25 % gestiegen. Begründet wurde diese bildungspolitische Entscheidung u.a. damit, dass im Wettbewerb um Schülerinnen und Schüler die Qualität der Grundschulen verbessert würde.

Der Werkstattbericht belegt, dass die Faustregel gilt: "Ist die ehemals zuständige Grundschule sozial benachteiligt, dann steigt mit dem Sozialstatus der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass eine andere Grundschule mit einer sozial günstiger zusammengesetzten Schülerschaft gewählt wird." Dagegen machen Eltern mit niedrigem sozialem Status deutlich weniger von den Wahlmöglichkeiten Gebrauch und orientieren sich eher an der ehemals zuständigen und nahe gelegenen Schule im Wohnquartier. Das gilt auch für Migranteneltern, vor allem dann, "wenn der zu erwartende Migrantenanteil an der ehemals zuständigen Schule hoch ist." Hier ist ein Mangel an Mobilität als Ursache anzunehmen. Wenn ebenfalls sozial privilegierte Eltern ihrer vormals zuständigen Grundschule treu bleiben, dann hat das einen einfachen Grund. Sie wohnen in einem privilegierten Sozialraum und finden dort eine privilegierte Gemeinschaftsgrundschule vor.

Auch wenn das "Fluchtmotiv" der Mittelschichtseltern in der Studie selbst nicht wissenschaftlich aufgeklärt wird, so ist nach vorliegenden soziologischen Erkenntnissen davon auszugehen, dass Eltern nicht nur von der Furcht getrieben sind, ihr Kind würde in einer Schule mit sozial benachteiligten Kindern weniger lernen und Nachteile beim Übergang zum fest eingeplanten Gymnasium haben. Es geht natürlich auch um die Abgrenzung zu den Milieus der Unterschicht. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung hat sehr deutlich gezeigt, dass für Eltern der Mittelschichten das Gymnasium nicht wegen der pädagogischen Arbeit so hoch im Kurs steht. Es wird präferiert wegen der Gewährleistung des sozialen Abstands zu den Unterschichten. Angesichts der vorliegenden Erkenntnisse wirkt der Titel des Werkstattberichts "Gleich und gleich gesellt sich gern" eher verharmlosend.

Der "Exodus" der Mittelschichtskinder verschärft die soziale Entmischung zum Nachteil der "zurückgelassenen" unterprivilegierten Kinder

Groos hat errechnet, dass sich die soziale Segregation durch die freie Grundschulwahl von 35, 6 % auf 36,9 % und die ethnische Segregation von 28,1 % auf 30,4 % erhöht hat. Sein Kommentar dazu lautet: "Die Zunahmen sind nicht gravierend hoch, dies liegt vor allem daran, dass das Ausgangsniveau der Schulsegregation bedingt durch die ungleiche Verteilung der Wohnorte bereits sehr hoch ist. Gleichwohl sorgt die freie elterliche Grundschulwahl dafür, dass sich sowohl Kinder mit und ohne Migrationshintergrund zusätzlich entmischen. Die freie Grundschulwahl sorgt somit für ein noch stärker segregiertes Grundschulsystem mit der Folge, dass sozial benachteiligte Kinder noch stärker unter sich bleiben und von eigenständigen negativen Segregationseffekten betroffen sind." Bezüglich der Folgen für die "zurückgelassenen" Kinder kann der Bericht auf abgesicherte bildungswissenschaftliche Befunde verweisen: "Schulsegregation mindert den Lernerfolg von benachteiligten Schülerinnen und Schülern."

Die freie Schulwahl erschwert die sichere Standortplanung für den Schulträger

Groos zeigt auch, dass die freie Grundschulwahl zu Schulwanderungen mit erheblichen Konsequenzen für die Grundschulen und die kommunale Schulentwicklungsplanung führt. Während einige Grundschulen in ihrer Existenz gefährdet sind, stoßen andere durch die steigende Nachfrage an ihre Kapazitätsgrenzen. "Die Bereitschaft der Kommunen, Ressourcen in den Ausbau oder den Erhalt einer Schule zu investieren, setzt eine langfristige Planbarkeit der Standorte voraus. Dies scheint unter den Bedingungen einer zunehmenden Schulwahl weniger gegeben zu sein ", so der Werkstattbericht.

Was ist das bildungspolitische Fazit?

Im Werkstattbericht lautet die Empfehlung: " Eine Rückkehr zu verbindlichen Grundschulbezirken wird das Problem der Schulsegregation zwar etwas mindern, wäre aber mit dem hohen Preis verbunden, dass eine stark nachgefragte Wahlentscheidung genommen würde. Um den massiven sozialen und ethnischen Ungleichheiten begegnen zu können, erscheint es daher vielmehr ratsam, offen mit den Konsequenzen des elterlichen Schulwahlverhaltens umzugehen und die zum Teil schwierige Situation an einigen Grundschulen darzustellen. Eine transparente Kommunikation und eine transparente soziale Schulstruktur würden es ermöglichen, begründet eine ungleiche Ressourcenverteilung vorzunehmen, um die Benachteiligungen abzubauen."

Nichts spricht gegen eine Privilegierung benachteiligter Schulen bei der Ressourcenversorgung. Im Gegenteil! Das ist ein richtiges und wichtiges Mittel, um Ungleichheitsbedingungen entgegenzuwirken. Dieses Verfahren muss nach landeseinheitlichen Kriterien auf der Basis schulgenauer Daten zur Zusammensetzung der Schülerschaft endlich in NRW und allen Bundesländern zur Praxis werden. Es ist aber nicht das einzige Mittel, wie der Bericht selbst darlegt. Die Rückkehr zu den verbindlichen Schuleinzugsbezirken würde einen weiteren wichtigen Beitrag dazu leisten, die Schulsegregation zu mindern und Benachteiligung abzubauen.

Hier stellt sich der Politik die Gretchenfrage, ob sie die Interessen der Mittelschichtseltern - denn nur diese machen im Wesentlichen von dem Wahlrecht Gebrauch - prioritär behandeln will. Speziell eine Landesregierung, die die Maxime "Kein Kind zurücklassen!" zur Leitlinie ihrer Politik erklärt, muss sich hier selbst beim Wort nehmen und Farbe bekennen. Mit dem Regierungswechsel 2010 hat die rot-grüne Regierung den Kommunen freigestellt, die verbindlichen Schuleinzugsbezirke wiedereinzuführen. Das reicht nicht. Das Abschieben der bildungspolitischen Verantwortung "nach unten" führt nur zu unterschiedlichen Verhältnissen von Kommune zu Kommune, aber nicht zu mehr Bildungsgerechtigkeit im ganzen Land.

Demokratische und menschenrechtliche Grundwerte wie Gerechtigkeit, Solidarität und Inklusion müssen nicht nur symbolisch, sondern aktiv durch konkrete Struktur- und Rahmenbedingungen in allen Politikbereichen unterstützt werden. Der Entwicklung von Parallelgesellschaften, egal ob ethnisch, religiös oder sozial begründet, muss mit der Entwicklung von inklusiven gesellschaftlichen Strukturen ein Riegel vorgeschoben werden. Das ist die Botschaft, die die nordrhein-westfälische Landesregierung als Vorbild für andere Bundesländer kommunizieren und umsetzen sollte.

Weitere Informationen
5. Werkstattbericht "Gleich und gleich gesellt sich gern"

Zur Person
Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden