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„Inklusion ist kein Rosinenpicken“

Kleinere Klassen und mehr Unterstützung für die Lehrkräfte: Gemeinsames Lernen erfordert Ausdauer und Investitionen, sagt Raúl Aguayo-Krauthausen, Gründer des Vereins Sozialhelden.

17.11.2017 Bundesweit Artikel Lisa-Maria Bosch
  • © Andi Weiland 2014 Raúl Aguayo-Krauthausen ist Vorsitzender und Gründer des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden, dessen Projekte Menschen mit Behinderungen den Alltag erleichtern sollen.

    Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung verwendet werden.

Herr Aguayo-Krauthausen, die Kritik an schulischer Inklusion wird immer lauter. Ist die Inklusion an Schulen gescheitert?

Die Schulen wollen entschieden zu früh die Flinte ins Korn werfen. Was momentan passiert, ist, dass die Pädagogen aufschreien, weil sie das Gefühl haben, dass sie immer mehr Arbeit leisten müssen. Das ist ein Phänomen, das wir im Bildungsbereich seit Jahrzehnten haben. Jede Form von zusätzlicher Herausforderung führt zu Abwehrreaktionen. Wir müssen folgende Frage stellen: Wie viel Geld sind Bildungsministerien bereit, pro Kind zu investieren? Da liegt Deutschland innerhalb Europas am hinteren Ende. Darunter leiden am Ende alle Kinder. 

Das eigentliche Problem ist, dass die Schulklassen viel zu groß sind. Und nicht, ob ein oder zwei Behinderte in der Klasse sind. Ohne die Bereitschaft, zu investieren, wurden Kinder mit Einschränkungen in die Regelschulen gesteckt. Das ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Hinzu kommt, dass Pädagogen und Lehrer nicht gelernt haben, im Team zu arbeiten. Das zieldifferente Lernen, von dem auch Nicht-Behinderte profitieren, wird nach wie vor nicht praktiziert, da es sich in heutigen Klassen größtenteils um Frontalunterricht handelt.

Ist es mit dem Inklusionsgedanken vereinbar, Förderschulen langfristig zu erhalten?

Auf keinen Fall. Eltern entscheiden oft in dem Glauben, es sei zum Wohl ihres Kindes, wenn sie es auf eine Förderschule schicken. Sie verbauen dem Kind dadurch aber auch große Chancen. Hinzu kommt, dass durch diese Verunsicherung Eltern gegeneinander ausgespielt werden. Eltern behinderter Kinder wird gesagt, dass ihre Kinder an Regelschulen überfordert wären. Und Eltern nicht behinderter Kinder wird gesagt: Wenn behinderte Kinder in die Klassen kommen, dann lernt Ihr Kind langsamer. Das ist wissenschaftlich nicht belegt. Kinder werden nur dann am Lernen gehindert, wenn die Schulklassen zu groß sind, die Pädagogen überfordert sind und es keine unterstützenden Strukturen gibt.

Wie kann schulische Inklusion gelingen?

Eine Bedingung sind kleinere Schulklassen mit weniger Schülern. Fünfzehn Kinder pro Klasse sind da sicherlich eine Zielmarke, die erfolgsversprechend ist. Und der Unterricht muss moderativer gestaltet werden, sodass Kinder sich auch untereinander unterrichten und der Lehrer eher als Ratgeber zur Seite steht. Wichtig ist auch, dass die Lehrkraft Teamarbeit beherrscht und mit Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen zusammenarbeitet, um individueller auf die Bedürfnisse aller Kinder eingehen zu können. Fred Ziebarth, ehemaliger Psychotherapeut der Fläming-Grundschule, einer inklusiven Schule in Berlin, sagt: „Inklusion ist die Annahme und die Bewältigung von menschlicher Vielfalt.“ Wir müssen ein System schaffen, in dem es einen größeren Anreiz für Regelschulen gibt, Kinder in ihrer Verschiedenheit aufzunehmen. Ein System, in dem die Schule flexibler auf die Kinder reagieren kann. Wir müssen aufhören, Kinder der Schule anzupassen und wir müssen Lehrern die Unterstützung geben, die sie in dem Moment brauchen. 

Jedes Kind ist anders. Das gilt sowohl für Kinder mit als auch ohne Behinderung – ob ein Kind eine Nussallergie oder emotional-soziale Einschränkungen hat oder das linke Unterbein fehlt. So, wie wir hochtalentierte Kinder fördern, müssen wir das auch mit Kindern mit Förderbedarf machen. Inklusion ist kein Rosinenpicken. Es darf nicht sein, dass wir an einer Schule körperlich Behinderte aufnehmen, aber geistig Behinderte nicht. Bildung und Inklusion sind Menschenrechte, und die sind nicht verhandelbar.

Vom 20. bis 24. Februar 2018 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Hannover zusammen. Zu den Referenten gehört auch Raúl Aguayo-Krauthausen. Diese Veranstaltungen könnten Sie interessieren:

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Inklusion in der Schule: Ist sie gescheitert? Wie geht es weiter?

  • Raúl Aguayo-Krauthausen, Inklusions-Aktivist und Autor
  • Dr. Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der GEW, Leiterin Organisationsbereich Schule
  • Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrates

23. Februar 2018
13:30 – 14:30 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Weitere Veranstaltungen zum Thema

Kita-Seminare
Thementag „Inklusion – wie viel Vielfalt steckt darin?“
23. Februar 2018

  • 10:30 Uhr bis 12:00 Uhr
    Auftaktvortrag: Chancen und Anforderungen einer inklusiven Pädagogik
    Referent: Prof. Dr. Timm Albers
  • 13:00 Uhr bis 14:30 Uhr
    Foren und Workshops

Ort: Convention Center (CC)
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Anmeldung erforderlich unter: www.didacta.de 

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Inklusion und Sonderpädagogik: Welche Zukunft hat die Förderschule?

  • Reinhard Fricke, Verband Sonderpädagogik e. V., Vorsitzender Landesverband Niedersachsen
  • Prof. Dr. Bettina Lindmeier, Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik, Hg. v. Schulbegleitung in der inklusiven Schule (2017)
  • Tillmann Nöldeke, Lehrer, Vater, freier Journalist und Autor (zuletzt 2018: Inklusion: Ganz oder gar nicht. Wege aus der Bildungskrise)

21. Februar 2018
14:45 – 15:45 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

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Inklusion und Differenzierung im Englischunterricht!? – Okay, dann zeigt mal, wie das klappen kann!
Gisela Ehlers, Landesfachberaterin Englisch Grund- und Sekundarstufe am IQSH Kronshagen a. D., im Unruhestand ehrenamtlich in der Grundschule jahrgangsübergreifend und als Inklusionsberaterin in der Sekundarstufe I eingesetzt, Leitung Storyline Germany
22. Februar 2018
11:00 – 12:00 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Inklusion am Gymnasium – eine besondere Herausforderung?

  • Jürgen Bock, Koordinator für Inklusion, Otto-Hahn-Gymnasium Springe
  • Dr. Kerstin Prietzel, Schulleiterin, Otto-Hahn-Gymnasium Springe

24. Februar 2018
12:00 – 13:00 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2018 finden Sie unter www.didacta-hannover.de und www.facebook.com/didacta.bildungsmesse.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2018 finden Sie im Dossier auf www.bildungsklick.de


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