Gastbeitrag

Morgenstund’ hat Schlaf im Aug’

Viele Schüler quälen sich morgens früh in die Schule. Ihre Übermüdung kann nicht nur ihre Schulnoten, sondern auch ihre Gesundheit negativ beeinflussen. Aber würde es reichen, Jugendliche einfach früher ins Bett zu schicken? Oder sollte der Unterricht später beginnen? Von Martin Stengel

10.12.2018 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Martin Stengel
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Gähnende Münder, leerer Blick: Nicht nur in der dunklen Jahres zeit fällt es vielen Schülern schwer, die Augen offen zu halten. Nur jeder Fünfte fühlt sich ausgeruht und leistungsfähig. Zu diesem Schluss kommen das Universitätsklinikum Gießen- Marburg und das Dillenburger Institut für Gesundheitsförderung in ihrer Untersuchung zu Medienkonsum und Schlaf bei Jugendlichen von 2017. Im Schnitt schlafen die 15- bis 18-Jährigen unter der Woche 6 Stunden und 47 Minuten. Dabei brauchen sie laut der Empfehlung der amerikanischen National Sleep Foundation  eigentlich 8 bis 10 Stunden Schlaf.

Warum ausschlafen?

Schlafmangel könne schwerwiegende Folgen haben, wie geringere Leistungsfähigkeit, Konzentration und Ausdauer, gibt der Kinderarzt und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung, Dr. Alfred Wiater, zu bedenken. Darunter litten auch die Noten. Zu den gravierenderen möglichen Folgen zählten eine erhöhte Neigung zu Depressionen, Angststörungen und Infekten oder ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Störungen,  Fettleibigkeit und Diabetes.

Was dem Schlaf im Wege steht

Einen Grund sieht der Mediziner im veränderten Schlaf-wachRhythmus vieler Schüler. Dieser verschiebe sich in der Pubertät nach hinten, wodurch sie erst später müde würden. Die Jugendlichen früher ins Bett zu schicken ist laut Wiater keine Lösung. Sie würden nicht früher einschlafen, da ihre innere Uhr bestimme, wann ihnen das überhaupt möglich sei. Hinzu kommt, dass es Menschen mit verschiedenen inneren Rhythmen gibt, sogenannte Chronotypen: Der Frühtyp ist morgens bereits fit. Für den Spättyp ist es um 8 Uhr biologisch noch Nacht.

Einer norwegischen Studie zufolge, die das Schlafverhalten von fast zehntausend 16- bis 19-Jährigen untersucht hat, gibt es weitere Ursachen für Übermüdung: Handy, Tablet und Co. Digitale Medien führen laut Wiater zu einem permanent erhöhten Erregungslevel, der ein entspanntes Ein- und Durchschlafen verhindere, beispielsweise durch das Checken von Nachrichten in der Nacht. Was wäre also eine mögliche Lösung für einen ausreichenden Schlaf?

Krankheitsbedingte Fehlzeiten  im Vergleich zum nationalen Durchschnitt:

Unterrichtsbeginn als Problem

Wiater ist sich sicher: „Ein späterer Schulbeginn für Jugendliche in der Pubertät ist aus schlafmedizinisch-chronobiologischer Sicht absolut geboten, da für die meisten Jugendlichen die derzeitige Situation zu einem sozialen Jetlag führt.“ Eine britische Studie aus dem Jahr 2017 kommt zu dem Schluss, dass ein Unterrichtsstart gegen 10 Uhr nicht nur die Noten, sondern auch die Gesundheit der Schüler verbessern würde.

Davon, den Unterrichtsbeginn zu verlegen, hält der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, nichts. Aus seiner Sicht existieren fast nirgendwo die nötigen Rahmenbedingungen. Als Lehrer ärgert er sich genauso wie viele übermüdete Heranwachsende darüber, dass manche von ihnen vor 6 Uhr aufstehen müssen, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Der Grund liege jedoch in der Unterfinanzierung der Schulbusbeförderung, nicht in einem zu frühen Unterrichtsbeginn.

Aber nicht nur die Infrastruktur müsste angepasst werden, auch Eltern wären gezwungen ihre Arbeitszeiten zu verändern, meint Meidinger. Darüber hinaus müssten alle Schulen einheitlich später beginnen, da sonst Eltern mit Kindern an unterschiedlichen Schulen in Nöte gerieten. Letztlich würde ein späterer Unterrichtsbeginn eine verpflichtende Ganztagsschule bedeuten, weil nach der Mittagspause noch Unterricht anfiele.

Gleitzeit für ein Leben nach der Schule?

Der spätere Schulschluss stößt auch bei einigen Schülern auf Ablehnung, da ihnen so weniger Zeit für Hobbys am Nachmittag bliebe. Zudem ist die Vereinbarkeit von Schule und Sportvereinen problematisch. Dass es jedoch auch einen Zwischenweg geben kann, zeigt das Gymnasium der Stadt Alsdorf bei Aachen, zumindest für die Schüler der Sekundarstufe II. 2015 führte das Gymnasium als eine der ersten deutschen Schulen Gleitzeit ein: zuerst noch als Modellversuch, inzwischen als festen Bestandteil des Schulalltags. Die Oberstufenschüler können selbst entscheiden, ob sie um 8 oder erst um 9 Uhr in der Schule sein möchten. Entscheidend war für Schulleiter Wilfried Bock, wie das Gymnasium einen späteren Unterrichtsbeginn ermöglichen könne, ohne den Unterrichtstag später beenden zu müssen: „Schüler sollen auch noch ein Leben nach der Schule haben. Bei uns endet deshalb der  Unterricht um 15:15 Uhr.“

Möglich macht das eine Pädagogik, die von der amerikanischen Pädagogin Helen Parkhurst entwickelt wurde. In sogenannten Dalton-Stunden können die Schüler Lerninhalte selbst erarbeiten. Dabei werden sie weiterhin von Lehrkräften unterstützt. Wenn die Schüler diese Stunden in spätere planmäßige Freistunden verlagern, erhalten sie Gleitzeit, erklärt Bock. Trotz der Selbstverantwortung habe es durch die Gleitzeit keinen Leistungseinbruch gegeben.

Meidinger kritisiert, dass dieses Modell nicht auf alle Schultypen übertragbar sei, da es in Alsdorf auf die Oberstufenschüler begrenzt bleibe und nur durch die Dalton-Stunden ermöglicht werde. Schlafmediziner Wiater hingegen sieht in der Gleitzeit aus medizinischer Sicht eine gute Alternative zu starren Unterrichtszeiten, da sie den individuellen Chronotypen der Jugendlichen am besten gerecht werde. So bestehe neben der Verschiebung der Schlaf-wach-Zeiten in der Pubertät weiterhin ein Unterschied zwischen einzelnen Jugendlichen, der bis zu drei Stunden ausmache.

Erste Hilfe

Doch es gibt auch andere Möglichkeiten, um Spättypen nicht zu benachteiligen. So empfiehlt beispielsweise der Chronobiologe Till Ronneberger, Prüfungen erst nach 11 Uhr durchzuführen. Auch wenn die biologischen Ursachen für den Schlafmangel sich nicht ändern ließen, könnten so wenigstens negative Folgen  abgemildert werden.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 2-2018 veröffentlicht.


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