Viel Lärm um nichts?
(hei) Die ersten Grundschüler mit zwei Jahren Erfahrung in Englisch kommen nun in die weiterführenden Schulen. Haben die Ängste vor Überforderung oder Sprachverwirrung die Wirklichkeit vorweg genommen? Oder waren sie doch eher "much ado about nothing"?
20.02.2007 ArtikelRund 1,5 Millionen Schüler an 17 000 Schulen lernen Englisch in der Grundschule, den zweiten Platz belegt Französisch. Die meisten Länder beginnen in der dritten Klasse mit dem Fremdsprachenunterricht, in Rheinland- Pfalz und Baden-Württemberg wird dagegen schon in Klasse eins Englisch bzw. Französisch unterrichtet. Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau ist froh über diese Regelung: "Die Entscheidung, mit der Grundschulfremdsprache bereits in der ersten Klasse zu beginnen, war richtig. Studien aus den Neurowissenschaften zeigen: Kinder lernen in frühen Jahren am leichtesten. Am Ende des zweiten Unterrichtsjahrs sind viele Kinder sogar in der Lage, eigenständig Strukturen der Fremdsprache zu erkennen und zu reflektieren."
Es gibt mittlerweilein elf Bundesländern Modellversuche oder Schulprojekte für einen früheren Einstieg in den Fremdsprachenunterricht. Nordrhein-Westfalen will auf Grund der positiven Erfahrungen ab dem Schuljahr 2008/2009 mit dem Englisch- Unterricht im zweiten Halbjahr der ersten Klasse starten.
Wie lernen Grundschüler eine Fremdsprache?
Bei der Einführung des Fremdsprachenunterrichts in der Grundschule wurde eher ein spielerischer Ansatz verwendet, also englische oder französische Lieder, Reime und kurze Geschichten. Mittlerweile geht die Tendenz zu einem systematischen und themenorientierten Lernen: Vorgaben und Ziele wurden in Bildungs- und Lehrplänen verankert. Am Ende der vierten Klasse sollen Schüler klar definierte Ziele erreicht haben: einen bestimmten Wortschatz besitzen, grundlegende grammatische Strukturen kennen oder konkrete Redewendungen beherrschen.
Die Hälfte der Bundesländer benotet die Leistungen der Grundschüler in den Fremdsprachen, diese sind allerdings nicht versetzungsrelevant; in den anderen Bundesländern gibt es eine Bemerkung. In einigen Bundesländern werden auch so genannte Portfolios zur Bewertung eingesetzt: eine Art individueller Rechenschaftsbericht, in dem der Schüler seine Lernfortschritte selbst dokumentiert und seinen Lernstand einschätzt.
In Klasse fünf nochmal von vorne?
Die ersten Grundschüler, die zwei Jahre Englischunterricht hatten, sind seit diesem Schuljahr in den weiterführenden Schulen. Hier waren und sind die Bedenken der Lehrer nach wie vor groß: Die Grundschüler wurden mit verschiedenen Lehrwerken unterrichtet, die Kenntnisse in Wortschatz und Grammatik sind daher unterschiedlich. Die Situation in den einzelnen Bundesländern ist dabei nicht vergleichbar. In manchen Ländern ist es offen, ob sich die Lehrer auf das in der Grundschule Gelernte berufen können, in Baden-Württemberg heißt es dagegen ausdrücklich, dass die weiterführenden Schulen auf den vorhandenen Fähigkeiten aufbauen sollen: "Eines ist klar: die Lehrerinnen und Lehrer können nicht einfach Unterricht machen wie bisher. Sie müssen auf die Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler eingehen. Aber in den meisten Fällen klappt das auch schon ganz gut", beurteilt Helmut Rau die Situation. "In fünf Jahren sind wir dem Ziel, einen guten Übergang zu haben, sicherlich sehr nahe gekommen.
Die Einrichtung von 'Übergangs-Didaktik- Gruppen', in denen Grundschullehrer und Lehrer der weiterführenden Schulen gemeinsam gearbeitet haben, haben viele Vorurteile abgebaut", berichtet Birgit Gegier, Schulleiterin der Scheffel-Grundschule in Rielasingen und Autorin des Englisch-Grundschullehrwerks "Colourland". Die Lehrwerke für Englisch an den weiterführenden Schulen haben sich auf die Heterogenität der Vorkenntnisse eingestellt. So wurde in den neuen Englisch-Lehrwerken "Green Line" und "Red Line" oder im Französisch- Lehrwerk "Tous ensemble junior" darauf geachtet, entsprechende Übungstypen anzubieten, beispielsweise Übungen, mit denen Schüler ihren Mitschülern Wörter erklären können, die sie schon kennen.
"Letzten Endes haben wir in allen Fächern, die bereits in der Grundschule unterrichtet werden, heterogene Lernstände, z.B. in Deutsch oder Mathematik. Das wird sich sicher einspielen", meint Dr. Sibylle Tochtermann, Programmbereichsleiterin "Frühe Fremdsprachen" im Ernst Klett Verlag. Integration von Kindern mit Migrationshintergrund Auch die sprachliche Integration von Kindern, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, bereitete anfangs Kopfzerbrechen. Wenn diese Kinder nicht einmal Deutsch sprechen können, wie sollen sie dann Englisch oder Französisch lernen? Erfahrungen dazu gibt es in mehreren europäischen Ländern: Diese Kinder hatten im Großen und Ganzen keine Probleme mit dem Erlernen ihrer dritten Sprache. "Wenn der Unterricht sehr anschaulich und handlungsorientiert ist, lernen und denken Kinder,die Deutsch nicht als Muttersprache haben, genauso wie deutsche Kinder. Es stellt sich eher die Frage, ob wir nicht den Deutsch-Unterricht für Kinder mit Migrationshintergrund nach denselben Prinzipien wie den Englisch-Unterricht gestalten sollten", bestätigt auch Birgit Gegier. Zwei Gründe werden für die problemlose Integration genannt: Jeder, der neben seiner Muttersprache eine Zweitsprache erlernt, erwirbt gleichzeitig eine Sprachlernkompetenz. Und bei der Grundschulfremdsprache starten alle Kinder auf gleichem Niveau, weil die Sprache für alle gleichermaßen fremd ist. Dies motiviert Kinder, die der deutschen Sprache nicht in vollem Umfang mächtig sind, fördert ihr Selbstvertrauen und wirkt sich positiv auf ihr gesamtes schulisches Lernen aus.
Der Erwerb einer Fremdsprache gehört übrigens in fast allen europäischen Ländern in der Grundschule zum Pflichtprogramm: 50 Prozent aller Schüler erlernten im Jahr 2002 mindestens eine Fremdsprache. Der Anteil ist seit Ende der 90er Jahre dank verschiedenen Schulreformen in mehreren Ländern – vor allem in Mittel- und Osteuropa, Dänemark, Italien und Island – rapide gestiegen.
Hintergrund
Schulbücher und Unterrichtsmaterialien gehen mit der Entwicklung mit. Führten die Unterrichtswerke den Lehrer zu Beginn sehr eng durch den Unterricht, entstehen nun Lehrwerke wie beispielsweise die Neubearbeitungen zu "Playway" und "Colourland" aus dem Ernst Klett Verlag, die Lehrern eine größere Freiheit in der Unterrichtsgestaltung lassen. Ebenfalls mit aufgenommen wurden Prüfungs- und Evaluationsaufgaben, mehr Schreibübungen und multimediale Effekte.
Fazit
"Rund 80 Prozent der Lehrer haben in einer Befragung angegeben, dass sie den Fremdsprachenunterricht als berufliche Bereicherung erleben und weiterhin Englisch oder Französisch unterrichten wollen. Auch die Eltern sind in ihrer großen Mehrheit zufrieden. Viele erkennen, dass Mehrsprachigkeit und interkulturelles Wissen für ihre Kinder die Eintrittskarte in einen globalisierten Arbeitsmarkt bedeuten", so der baden-württembergische Kultusminister Rau. Bei der Einführung des Fremdsprachenunterrichts in der Grundschule überwiegen die positiven Aspekte: "Die Kinder sind mit großer Freude und Spaß dabei, sie sind richtig begeistert und bauen so erst gar keine Berührungsängste mit der Fremdsprache auf", erzählt Sibylle Tochtermann. Die zu Beginn der Einführung des Fremdsprachenunterrichts diskutierten Probleme scheinen sich weitgehend aufgelöst zu haben. Wenn man vor allem Englisch als Weltsprache betrachtet, ist der frühe Fremdsprachenunterricht der einzig richtige Weg.
Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst
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