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Inklusion in Schweden: Vorbild oder Zerrbild?

Deutschland orientiert sich in Bildungsfragen gerne an Schweden – auch bei der schulischen Inklusion gilt das Land als Vorbild. Experten wie der deutsche Sonderpädagoge Dr. Thomas Barow, der seit vielen Jahren in Schweden lehrt, warnen jedoch davor, das schwedische Bildungssystem zu idealisieren.

19.01.2016 Artikel
  • © Torsten Arpi / University of Gothenburg

Herr Dr. Barow, in Schweden ist das gemeinsame Lernen bis zur 9. Klasse die Regel, in Deutschland eher die Ausnahme. Was spricht gegen Schweden als Vorbild?

Schweden hat international einen unglaublich guten Ruf, aber man muss auch hinter die Kulissen gucken. In der Praxis wird in Schweden häufig noch eine sehr traditionelle Form sonderpädagogischer Förderung betrieben, die nach meiner Einschätzung nur begrenzt dem Anspruch einer inklusiven Schule gerecht wird. Das liegt zum Beispiel daran, wie der Förderunterricht organisiert ist: Ein erheblicher Teil der Schülerinnen und Schüler – zwischen zwei und drei Prozent – verbringen mindestens die Hälfte ihrer Unterrichtszeit in Sonderschulen oder Sondergruppen. Diese Fördergruppen können teilweise kilometerweit von der eigentlichen Schule entfernt sein, sodass sie gar keinen Kontakt zur allgemeinen Schule haben. Die sogenannte "särskola", die schwedische Förderschule für geistig Behinderte, wird überhaupt nicht in Frage gestellt. Anders als in Deutschland spielt die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in der schwedischen Schuldebatte nur eine untergeordnete Rolle.

Was können Schweden und Deutschland voneinander lernen?

In Deutschland hört man oft den Ansatz, die Kinder müssen zu jeder Zeit gemeinsam in einer Klasse sein. Schweden versucht, flexible Strukturen zu schaffen. Es gibt durchaus Kinder, die zeitlich begrenzt besser gesondert gefördert werden können. Stellen Sie sich ein Kind vor, das im Klassenverband einfach nur Angst hätte, laut vorzulesen, weil es noch nicht so gut lesen kann. In so einer Situation wäre es angemessen, mit diesem Kind zeitweise einzeln oder in einer Kleingruppe zu arbeiten. Eine Entideologisierung dieser Frage erscheint mir wichtig, wobei eine relationale Perspektive hilfreich ist: Nicht das Kind hat ein Problem, sondern es geht um die Interaktion zwischen Lehrkraft und Schülerin oder Schüler. Die Herausforderung besteht in der Harmonisierung von hohen Leistungserwartungen und Anerkennung von Unterschiedlichkeit. Eine Sache, die mir in Schweden gut gefällt, ist die positive Grundeinstellung: Jeder soll dazugehören. Ich habe das bei meinen Lehramtsstudenten immer wieder festgestellt. In Schweden wird nicht das Ob diskutiert, sondern das Wie. In Deutschland ist das meiner Erfahrung nach noch nicht immer gegeben, auch wenn sich in den letzten Jahren einiges zum Besseren gewandelt hat.

Aber Schweden kann auch von Deutschland lernen. Bei uns im Norden durfte bis vor kurzem jeder unterrichten, der sich dazu berufen fühlte. Nur etwa 80 Prozent der Lehrkräfte an schwedischen Schulen sind fachlich adäquat ausgebildet, in der "särskola" sind es noch deutlich weniger. Viele der Sonderpädagogik-Studenten, die wir in Göteborg in einem Teilzeitstudium ausbilden, arbeiten bereits als Sonderschullehrer – ohne formale Qualifikation. Ich finde es aus Gründen der Qualitätssicherung wichtig, dass man in Deutschland an dieser Qualifikation und an einer langen Ausbildung festhält.

Hat es Schweden angesichts der historischen Entwicklung seines Schulsystems bei der Umsetzung von Inklusion leichter?

Schweden hat natürlich eine längere Tradition der gemeinsamen Schule. Das dreigliedrige System in Deutschland ist immer noch der große Stolperstein, an den sich keiner so richtig traut. Jeder Bildungspolitiker, der die Dreigliedrigkeit ernsthaft in Frage stellt, hat ein großes Problem, wiedergewählt zu werden. Der Gedanke der Schule für alle steckt – abgesehen von der Grundschule – in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Allerdings hat Schweden seit den 90er Jahren ein Schulsystem entwickelt, das von Dezentralisierung und Privatisierung gekennzeichnet ist. Rund 14 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Klasse 1 bis 9 gehen in Privatschulen, im Bereich der gymnasialen Bildung ist es ungefähr ein Viertel. Untersuchungen belegen, dass es dadurch teilweise zu einer sozialen Spaltung kommt. Auch sind die Leistungen schwedischer Schülerinnen und Schüler gesunken. Ich befürchte, dass wir uns auf dem Rückweg in ein mehrgliedriges System befinden mit der Gefahr, dass sich Gegensätze verstärken.

Auf der didacta 2016 in Köln diskutiert Dr. Thomas Barow unter anderem mit NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann über Inklusion aus europäischer Perspektive. Kommen Sie vorbei!

Forum Bildung
Inklusion: Der europäische Blick
19. Februar 2016
Weitere Informationen unter www.bildungsmedien.de/didacta
10:30 - 11:45 Uhr
Forum Bildung: Halle 6, E 50/F 51
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Weitere Veranstaltungen zum Thema:

Forum Unterrichtspraxis
Multiprofessionelle Kooperation in der inklusiven Schule
18. Februar 2016
Weitere Informationen unter www.bildungsmedien.de/didacta
13:00 - 14:00 Uhr
Forum Unterrichtspraxis: Halle 7, B 50/C 51
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Das Plus-Netzwerk der Gesamtschule Oelde
19. Februar 2016
14:00 - 15:00 Uhr
Forum Unterrichtspraxis: Halle 7, B 50/C 51
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Sonderschau
Wege zur Inklusion
16. - 20. Februar 2016
jeweils 9:00 – 18:00 Uhr
Halle 8, Stand E 40/F 45
Veranstalter: Ausschuss Frühe Bildung im Didacta Verband der Bildungswirtschaft


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