didacta-Themendienst

„Warum haben wir kein Schulfach Gesundheit?“

Seit vielen Jahren setzte sich Arzt und Komiker Dr. Eckart von Hirschhausen für mehr Gesundheitsbildung in der Schule ein. Dabei hat er zwar den Glauben an die Sinnhaftigkeit von Lehrplänen verloren, aber nicht den an die Wirkung von Lehrkräften.

14.02.2019 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © Tim Ilskens Dr. Eckart von Hirschhausen ist als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf allen großen Bühnen Deutschlands unterwegs.

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Herr von Hirschhausen, Bildungspolitik genießt in Deutschland einen eher ernsten Ruf. Könnten wir hierzulande beim Thema Schule & Bildung ein bisschen mehr Humor vertragen?
Auf jeden Fall! Ich erinnere mich selbst noch gut an einige meiner Lehrer, obwohl meine Grundschulzeit ja schon über 40 Jahre her ist. Kaum zu glauben, denn sie sind mir immer noch sehr präsent, nicht so sehr mit dem, was sie mir beigebracht haben, sondern durch ihre Persönlichkeit. Und von jedem Lehrer weiß ich noch, ob er Humor hatte oder nicht. Die wichtigste Unterrichtsvorbereitung für Lehrer ist also, sich kurz vor dem Betreten des Klassenraums klar zu machen: Ich präge gerade Herzen und Hirne für ein Leben und ich freue mich, meine Begeisterung für mein Fach zu multiplizieren. Und wer bei dem Gedanken nicht anfängt zu lächeln, sollte gleich wieder ins Lehrerzimmer zurück!

Als Schirmherr von „Klasse 2000“, dem Programm gegen Tabakabhängigkeit „Be smart, Don´t start“, „Gemeinsam  Leben Lernen“  und mit dem „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ fördern Sie schon lange Bildungsinitiativen zum Thema Gesundheit. Was kann Bildung hier leisten?
Bildung und Gesundheit hängen eng zusammen, gesundheitliche Aufklärung und Bildung sind der größte Hebel für die Lebenserwartung. Aber wenn man etwa Berlin anschaut, liegen zwischen Neukölln und Zehlendorf zehn Kilometer – und zehn Jahre Lebenszeit – das ist unglaublich ungerecht. Deshalb engagiere ich mich für mehr Gesundheitskompetenz und ein gesundes Aufwachsen. Das geht im Mutterleib schon los. 10.000 Kinder werden jedes Jahr mit fetalem Alkoholsyndrom geboren und haben ein Leben lang verminderte Bildungschancen. Klare Botschaft: in der Schwangerschaft keinen Tropfen Alkohol. Warum steht das nicht deutlich sichtbar auf jeder Flasche? Dann geht es weiter über die frühkindliche Bildung. Jeder Euro, der in Leseförderung im Vorschulalter investiert wird, kommt 25-fach für die Gesellschaft zurück, sagt eine Studie der Stiftung Lesen. Wenn die Schulpflicht greift, ist der Unterschied zwischen den geförderten und den abgehängten Kindern schon nahezu zementiert. Warum haben wir kein Schulfach Gesundheit? Oder lernen zumindest in jedem Fach lebenspraktische Dinge und das quervernetzte Denken? Wir sind so stolz darauf, das Land der Dichter und Denker zu sein, aber die Hälfte der Bevölkerung weiß nicht, wann ein Fieber anfängt, wie man im Netz Sinn und Unsinn unterscheiden kann oder wie man einen Beipackzettel liest. Das müssen wir ändern.

Sie unterstützen neuerdings auch die Stiftung Gesundheitswissen mit dem Projekt „Pausenlos Gesund“ – wozu braucht es denn wieder noch ein neues Material-Set?
Das Besondere an „Pausenlos Gesund“: Es geht endlich mal nicht um „mehr Gemüse undweniger Zucker“, sondern die „Systemkompetenz“. Auf gut deutsch: Was ist ein Notfall und was nicht? Wann rufe ich 112, wann reicht der kassenärztliche Notfalldienst mit 116117 und was geht von alleine weg? Was macht ein Arzt eigentlich genau? Was ist der Unterschied zwischen einem Psychologen und einem Psychiater. Warum reden die da alle so komisch, und habe ich als Patient ein Recht auf eine verständliche Kommunikation? Ich habe das Material selbst in einer Berliner Schule ausprobiert – es hat unglaublich viel Spaß gemacht und schließt eine Lücke. Ich wünsche mir, dass viele Ärzte sich trauen, selber in Projektwochen oder in den Klassenlehrerstunden aus der Praxis zu erzählen, denn wenn eine Gynäkologin etwas über Sex und Verhütung erzählt, hören die Schüler anders zu, als wenn der Biolehrer das tut.  

Sie haben im Vorfeld der didacta gesagt: „Lehrkräfte sind für mich mindestens so wichtig wie Ärzte.“ Wie haben Sie das gemeint?
Wir vertrauen Lehrern das Wichtigste an, das wir haben: unsere Kinder. Ein guter und motivierter Lehrer kann für Kinder ungeheuer prägend sein. Und jeder Lehrer der einem Schüler dabei hilft, ein gutes Verständnis für seinen Körper zu entwickeln und gar nicht erst mit dem Rauchen anzufangen, hat für dessen Lebenserwartung mehr getan als jeder Herzchirurg, der 50 Jahre später einen vermeidbaren Herzinfarkt behandelt. Deshalb liebe Lehrer: Passt gut auf euch auf, wir brauchen euch! 

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. 

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12:00 Uhr - 12:45 Uhr
Halle 8, B051
Veranstalter: Stiftung HUMOR HILFT HEILEN/Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2019 finden Sie im Dossier auf www.bildungsklick.de


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