Jahrgangsgemischter Unterricht in der Eingangsstufe der Grundschule auf freiwilliger Basis

"Es ist eine der zentralen bildungspolitischen Herausforderungen, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzubrechen. Herkunft darf nicht über Zukunftschancen entscheiden", sagte Kultusminister Helmut Rau MdL bei der traditionellen Pressekonferenz zum Schuljahresbeginn am Mittwoch (13. September) in Stuttgart.

13.09.2006 Baden-Württemberg Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Als "Schlüssel zum Erfolg" bezeichnete Rau dabei die individuelle Förderung leistungsschwächerer und sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher. Er verwies auf den Start neuer Maßnahmen. Dazu zählen das Projekt "Schulreifes Kind" sowie das "Berufseinstiegsjahr" (BEJ). "Vom Kindergarten bis zum Übergang in den Beruf greifen Fördermöglichkeiten nahtlos ineinander, betonte Rau. "Doch auch die Förderung Hochbegabter treiben wir weiter voran. Mit Beginn dieses Schuljahres werden Hochbegabte an vier Standorten im Rahmen speziell entwickelter Konzepte gefördert", erklärte Rau weiter.

Mit Blick auf die Gerechtigkeitsdebatte in der Bildungspolitik warnte der Kultusminister ausdrücklich vor falschen Zielsetzungen und überzogenen Erwartungen. "Mehr Chancengerechtigkeit entsteht nicht durch ideologisch eingefärbte Gleichmacherei in Form von Einheitsschulen. Jeder junge Mensch muss vielmehr die Chance erhalten, seine Talente und Begabungen entfalten zu können." Ein Höchstmaß an individueller Förderung und eine größtmögliche Vielfalt der Bildungswege sei der Weg der Landesregierung, um allen jungen Menschen gute Voraussetzungen für den Start in ein selbst bestimmtes Leben zu ermöglichen. Gezielte Förderung von Kleinkindern durch das Projekt "Schulreifes Kind" "Die Zeit im Kindergarten und der Grundschule sind die Jahre, in denen die Weichen für eine erfolgreiche Bildungsbiografie gestellt werden", sagte Kultusminister Rau. Die Landesregierung habe ein ineinander verzahntes Förderkonzept für Kindergarten und Grundschule entwickelt. Der neue Orientierungsplan für Kindergärten und der Bildungsplan für die Grundschulen seien aufeinander abgestimmt. Wo der Förderbedarf eines Kindes über die Möglichkeiten des Orientierungsplans hinausginge, setze das Projekt "Schulreifes Kind" an. Ziel ist es, dass alle Kinder gleiche Startvoraussetzungen für den Schulanfang erhalten. Zu den Fördermaßnahmen gehören beispielsweise Sprachförderung, Schulung der Feinmotorik und Übungen zur Förderung der Konzentrationsfähigkeit. Die Förderung im Umfang von bis zu 18 Wochenstunden kann durch Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher oder in Zusammenarbeit beider pädagogischer Fachkräfte erfolgen. Zu Beginn der Erprobungsphase im Schuljahr 2006/07 sind 61 Grundschulen und 153 Kindergärten beteiligt. Im Endausbau stehen ab dem Jahr 2011 Landesmittel in Höhe von 45 Millionen Euro jährlich zur Verfügung.

Jahrgangsübergreifender Unterricht in der Grundschule soll gestärkt werden

Die Arbeit in der Eingangsstufe der Grundschule ist geprägt durch eine starke Heterogenität der Kinder. Gerade hier ist es aus pädagogischer Sicht sinnvoll, jahrgangsübergreifenden Unterricht anzubieten, da Kinder verstärkt voneinander lernen. Auch die Kontingentstundentafel ermöglicht unterschiedliche Formen des jahrgangsgemischten Unterrichts. "Viele Schulen haben bereits auf dieser Basis im Rahmen des Konzepts ,Schulanfang auf neuen Wegen' jahrgangsgemischte Lerngruppen eingerichtet", sagte Kultusminister Rau.

Die Eingangsstufe der Grundschule soll in Zukunft als pädagogische und organisatorische Einheit behandelt werden, in der Kinder entsprechend ihrem individuell unterschiedlichen Lernzeitbedarf unterschiedlich lange verbleiben können. Deshalb wird der Ausbau von jahrgangsgemischten Lerngruppen auf freiwilliger Basis in den kommenden Jahren ausdrücklich begrüßt und unterstützt. Schulen, die sich für jahrgangsgemischten Unterricht entscheiden, erhalten Lehrerzuweisungen entsprechend dem Klassenteiler 28 (auf die jahrgangsgemischte Eingangsstufe bezogen) sowie je nach Gruppengröße zwei bis vier zusätzliche Lehrerwochenstunden für Differenzierungsmaßnahmen. Für diejenigen Grundschulen, die die alte Organisationsform beibehalten, bleibt weiterhin der Klassenteiler 31 bestehen.

Ganztagsschulen: Ausbauschwerpunkt liegt bei Grund- und Hauptschulen - Förderung von Baumaßnahmen für ganztägige Schulangebote läuft an

"Der Ausbau und die Weiterentwicklung der Ganztagsschulen ist ein zentrales Anliegen der Landesregierung in der laufenden Legislaturperiode", betonte Kultusminister Rau. Ziel ist es, ein bedarfsorientiertes und flächendeckendes Netz an Ganztagsschulen zu schaffen. Etwa 40 Prozent der öffentlichen allgemein bildenden Schulen (Grundschule und Sekundarbereich) sollen innerhalb von neun Jahren als Ganztagsschulen eingerichtet sein. Das Ganztagsschulprogramm der Landesregierung umfasst vier Säulen: Ganztagsschulen in offener Angebotsform, Ganztagsschulen mit besonderer pädagogischer und sozialer Aufgabenstellung, das Jugendbegleiterprogramm und das Bauförderprogramm "Chancen durch Bildung - Investitionsoffensive Ganztagsschule".

Dieses Bauförderprogramm - ein auf neun Jahre angelegtes gemeinsames Programm von Land und Kommunen - soll die Schaffung der erforderlichen Räume für den Ganztagsbetrieb durch die kommunalen Schulträger unterstützen. Derzeit liegen 177 Anträge vor, die sich auf ein Zuschussvolumen von rund 50,1 Millionen Euro belaufen. Die Regierungspräsidien prüfen die Anträge der kommunalen Schulträger zur Förderung der Baumaßnahmen. Für das Jahr 2006 stehen zur Finanzierung von Baumaßnahmen ganztägiger schulischer Einrichtungen Fördermittel des Landes in Höhe von 50 Millionen Euro zur Verfügung.

Derzeit gibt es im Land 616 Ganztagsschulen, davon 465 öffentliche Ganztagsschulen (Anlage1). In dieser Legislaturperiode sollen 200 weitere Hauptschulen und insgesamt 350 Grundschulen mit besonderer pädagogischer und sozialer AufgabensteIlung als Ganz¬tagsschulen eingerichtet werden.

Erwerb beruflicher Vorqualifikationen im neuen Berufseinstiegsjahr

"Die Landesregierung wird zum neuen Schuljahr den Übergangsbereich zwischen Schule und Beruf neu ordnen. Ziel ist es, die Effizienz der Fördermaßnahmen weiter zu steigern", sagte Kultusminister Rau. Junge Menschen mit Schulabschluss, die keinen Ausbildungsplatz finden und keine weiterführende Schule besuchen können, erhalten zukünftig eine andere Förderung als solche ohne Abschluss. Das neue Berufseinstiegsjahr (BEJ) ermöglicht Jugendlichen mit Hauptschulabschluss den gezielten Erwerb beruflicher Vorqualifikationen. In einem ausgewählten Berufsfeld werden bereits Inhalte aus dem ersten Ausbildungsjahr vermittelt. In einer Variante des BEJ soll es zudem möglich sein, eine von den Kammern zertifizierte Teilqualifikation zu erwerben. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf die Verbesserung in Deutsch, Mathematik und den Sozialkompetenzen gelegt. Zu Beginn des BEJ soll mit Hilfe einer Kompetenzanalyse die Stärken und Schwächen der Jugendlichen festgestellt werden, um sie zielgerichtet fördern zu können, auch im Hinblick auf ein Berufsfeld, das zu den Talenten des Jugendlichen passt. Das BEJ wird mit Beginn des neuen Schuljahres an 42 Standorten erprobt.

Im zurückliegenden Schuljahr 2005/06 hat sich nach den Angaben Raus der Trend hin zu den Beruflichen Vollzeitschulen weiter fortgesetzt (Anlage2). Insgesamt 165.384 junge Menschen besuchten einen vollzeitschulischen Bildungsgang an öffentlichen Schulen. Das ist ein Plus von 1,5 Prozent. Gleichzeitig sanken die Schülerzahlen in der Teilzeitberufsschule nochmals leicht um 0,1 Prozent. Insgesamt 194.429 Jugendliche gingen auf eine berufliche Schule im Rahmen des dualen Ausbildungssystems. Diese Entwicklung wird sich voraussichtlich im Schuljahr 2006/07 fortsetzen. Eine endgültige Bilanz für 2006 kann allerdings erst im Oktober gezogen werden. Die Landesregierung habe ihren Beitrag geleistet und von 2001 bis 2006 insgesamt 1.500 zusätzliche LehrersteIlen im beruflichen Vollzeitbereich geschaffen, hob der Kultusminister hervor. "Wir können die Verantwortung für die berufliche Zukunft junger Menschen nicht alleine schultern. Was wir brauchen, sind mehr Ausbildungsplätze", sagte Rau. Er appellierte an die Unternehmen, im Schlussspurt die Anstrengungen für eine positive Lehrstellenbilanz nochmals zu verstärken. Die Vorzüge der dualen Ausbildung lägen auf der Hand, so Rau. Es reiche nicht aus, nur über sie sprechen, sondern man müsse auf die Worte auch Taten folgen lassen. "Wer einem jungen Menschen eine Möglichkeit bieten kann, einen Beruf zu erlernen, soll sich dieser Aufgabe nicht entziehen", sagte Rau.

Hochbegabtenförderung an vier Standorten - weiterer Ausbau geplant

Mit diesem Schuljahr beginnt an den Gymnasien in Lahr, Pforzheim, Stuttgart und Ulm der Unterricht für 75 hochbegabte Fünftklässler in den neu eingerichteten Hochbegabtenzügen. Neben dem Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd können ausgewiesen hochbegabte Kinder und Jugendliche zukünftig auch wohnortnah am Gymnasium besonders gefördert werden.

Nicht nur fachliche Exzellenz, sondern auch soziale Fähigkeiten werden in den Hochbegabtenklassen gefördert und eingefordert. "Wir brauchen junge Menschen, die ihre besonderen Begabungen mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden", betonte Kultusminister Helmut Rau. Alle Hochbegabtenzüge folgen einem gemeinsamen Strukturmodell, das durch ein gesteigertes Lerntempo Freiräume für ein erweitertes Unterrichtsangebot schafft. Diese so genannten Enrichment-Programme werden von den Schulen selbst gestaltet, ausgerichtet am Schulprofil und am Schulcurriculum. Dabei ist eine Zusammenarbeit mit schon bestehenden Seminaren, Kinder- und Jugendakademien ebenso möglich wie mit außerschulischen Partnern, etwa Fachhochschulen oder Pädagogischen Hochschulen, Universitäten oder Unternehmen. Weitere Standorte für Hochbegabtenzüge werden folgen.


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