Wissenschaftsminister Thomas Goppel zu Beginn des Wintersemesters 2004/2005

Bayerns Hochschulen melden zu Beginn des Wintersemesters 2004/2005 mit rund 46.500 Studienanfängern das dritte Jahr in Folge einen Rekord. Die Studentenzahlen insgesamt belaufen sich auf rund 251.000 und steigen damit auf hohem Niveau um 2,5 Prozent. Diese Entwicklung ist keine vorübergehende Erscheinung, sondern ein Trend, der sich in den nächsten zehn Jahren weiter fortsetzen wird.

22.10.2004 Bayern Pressemeldung Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst

Der Anstieg der Studierendenzahlen stellt Hochschulen und Hochschulpolitik in einer Zeit vor enorme Herausforderungen, in der sich die Hochschulen im Fokus zweier bedeutender Zukunftsaufgaben befinden: Forschung und Bildung sind gleichermaßen die Zukunftsfragen für Deutschland. Man kann nicht deutlich genug machen, dass wir in der Zukunft nur dann eine Chance haben werden, wenn wir unsere jungen Leute heute so gut ausbilden, dass sie morgen auf einem globalisierten Arbeitsmarkt erfolgreich bestehen können - und wenn wir heute ein forschungsfreundliches Klima schaffen, damit Deutschland an der Weltspitze steht. Mit hochwertiger Bildung bekommen wir die besten Köpfe, die dann die besten Ideen für die besten Produkte haben. Und nur mit den besten Produkten bleibt unser Land mit seinem hohen Lohnniveau auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig. Man kann es auch noch weiter fassen: Wir werden die Wirtschaftskraft unseres Landes und damit unseren Lebensstandard nur dann halten können, wenn es uns gelingt, die Bevölkerung optimal auszubilden. Dies ist so, weil wir beim Faktor Arbeit durch die offenen Grenzen in einen direkten Wettbewerb mit Ländern geraten, die billigere Arbeitskräfte anbieten können. Wir werden nicht billiger produzieren können, also müssen wir besser sein. Wissen und Informationen werden zudem inzwischen durch vernetzte moderne Technik global verfügbar. Hochwertige Bildung war deshalb noch nie so wichtig wie heute.

Die Universitäten und Fachhochschulen Bayerns sind für diesen Wettbewerb gut aufgestellt; dies belegen alle bisherigen Rankings, besonders etwa

  • das DFG-Förderranking 2003, nach dem mit der Universität München, der Technischen Universität München, der Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Würzburg vier bayerische Universitäten unter den besten zehn deutschen Einrichtungen rangieren, oder

 

  • das aktuelle Ranking des Wochenmagazins Focus, nach dem die Technische Universität München und die Universität München mit weitem Abstand zu den anderen deutschen Hochschulen auf Platz 1 und 2 in Deutschland liegen.

Diese hervorragende Stellung wäre langfristig bedroht, wenn wir uns nicht bereits heute auf die Notwendigkeit von Veränderungen einstellen würden. Der internationale Druck im Bereich Hochschulen, Wissenschaft und Forschung wächst ständig. Dabei gilt selbst für die "ganz Großen" im internationalen Hochschulvergleich, wie Harvard und Stanford, schon heute, dass nicht mehr "jeder alles machen" kann und dass in gewissen Bereichen eine Konzentration auf die eigenen Stärken unumgänglich ist. Aufgrund der Globalisierung werden wir einen weltweiten Bildungsmarkt bekommen, auf dem um die besten Professoren und Studenten sowie den qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs hart gekämpft wird. Die Studenten werden in Zukunft - gerade wenn sie Studienbeiträge entrichten müssen - viel stärker als in der Vergangenheit prüfen, an welcher Hochschule sie das beste Bildungsangebot bekommen; Professoren werden prüfen, wo sich die besten Studierenden, das beste Umfeld und die besten Rahmenbedingungen für ihre Arbeit befinden. Die bayerischen Hochschulen müssen sich auf diesen unausweichlichen Prozess einstellen und auf die Veränderungen reagieren. Ziel ist dabei, für den internationalen Wettbewerb Zentren von hoher Qualität und Attraktivität zu bilden.

Das vergangene Studienjahr stand im Zeichen der Veränderung. Wir haben eine ganze Reihe von Initiativen auf den Weg gebracht. An unseren Hochschulen ist vieles in Bewegung geraten und gemeinsam haben wir - unter den gegebenen finanziell schwierigen Rahmenbedingungen - viel erreicht. Die Ergebnisse der Klausurtagung von Banz, in der wir uns auf Planungssicherheit und ein Innovationsbündnis für unsere Hochschulen verständigt haben, will ich noch näher beleuchten. Zu den Schwerpunkten der Arbeit des kommenden Jahres zählen eine aktive Strukturpolitik für unsere Hochschulen, die verstärkte Zusammenarbeit von Wirtschaft und Hochschulen, die Fortsetzung des Bologna-Prozesses und die Erarbeitung einer umfassenden Hochschulreform. Wir treten jetzt in die entscheidende Phase der Modernisierung unserer Hochschullandschaft. Im kommenden Studienjahr kommt es darauf an, die eingeleiteten Maßnahmen konsequent weiterzuverfolgen und neue Impulse zu setzen. Auch hierauf werde ich im Einzelnen noch zu sprechen kommen. Dabei steht fest, dass kein Minister, kein Ministerium allein eine so komplexe Aufgabe wie die Modernisierung der bayerischen Hochschullandschaft bewältigen kann. Viel Unterstützung bei den Weichenstellungen zugunsten der Hochschulen haben wir in den vergangenen Monaten vom bayerischen Ministerpräsidenten, vom gesamten Kabinett sowie von der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag erfahren. Die politisch Verantwortlichen wissen um die Schlüsselstellung von Forschung und Bildung für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und ziehen an einem Strang. Hervorheben möchte ich das hohe Maß an Gemeinsamkeiten mit den Hochschulen. Natürlich erleben wir und werden wir auch im kommenden Jahr erleben, dass aktuelle Entwicklungen in den Hochschulen und auch in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert werden. Das hat den Vorteil, dass vor einer sorgfältigen Abwägung alle Argumente auf dem Tisch liegen. Zu einer sachlich geführten Debatte möchte ich alle einladen.

Zu den Schwerpunkten der bayerischen Hochschulpolitik im Einzelnen:

Bei der Klausurtagung der CSU-Fraktion in Banz haben wir vor einem Monat die Weichen für eine nachhaltige Haushaltspolitik und verlässliche Grundlagen für die Hochschulen gestellt. Mit den Ergebnissen der Tagung - den Eckpunkten eines Haushaltes für die Jahre 2005 und 2006, eines Innovationsbündnisses, das auf Planungssicherheit bis 2008 abzielt, und den Leitlinien für eine Novellierung des Hochschulgesetzes - machen Bayerns Hochschulen einen kräftigen Sprung nach vorne. Wir schaffen damit gute Rahmenbedingungen für eine starke, mit der Wirtschaft verzahnte Wissenschaftslandschaft und rüsten die Hochschulen für die Herausforderungen, die vor allem die in den nächsten Jahren stark steigenden Studentenzahlen mit sich bringen. In den Jahren 2005 bis 2008 sollen die Hochschulen nicht mit weiteren Einsparungen belastet werden. Der Entwurf des kommenden Doppelhaushalts 2005/2006 für das Wissenschaftsressort sieht eine Steigerung der Hochschulhaushalte von 4,1 Prozent in 2005 und 3 Prozent in 2006 vor. Von den Privatisierungserlösen, die sich in den kommenden beiden Jahren auf 300 Mio. Euro belaufen sollen, fließen 180 Mio. Euro oder 60 Prozent in die Hochschulen. Kern eines künftigen Innovationsbündnisses zwischen Landtag, Staatsregierung und allen Hochschulen in Bayern soll eine Haushaltsgarantie für die Hochschulen und Planungssicherheit über den Doppelhaushalt 2005/06 hinaus bis zum Jahr 2008 sein. Damit werden die Hochschulen - das ist ein Novum in der Geschichte der bayerischen Hochschulen - eine gesicherte langfristige finanzielle Grundlage für die derzeit laufende Optimierung und Neustrukturierung der bayerischen Hochschullandschaft erhalten. Bundesweit gesehen - das möchte ich betonten - wäre damit erstmals ein solches Bündnis nicht von staatlicher Seite mit Einsparungsverpflichtungen verknüpft. Als Gegenleistung erwarten Gesetzgeber und Staat eine Mitwirkung der Hochschulen besonders bei der Optimierung der bayerischen Hochschullandschaft, bei der Anpassung ihrer Ausbildungskapazitäten an die steigenden Studentenzahlen, bei der Reduzierung der Studienabbrecherquote, bei der Verstärkung der Kooperationen, der Forschungsverbünde und Clusterbildung und bei der Umstrukturierung ihres Studienangebotes im Rahmen des Bologna-Prozesses. Nach den Verhandlungen mit dem Finanzministerium über die konkrete Ausgestaltung des Innovationsbündnisses werden wir - vor einer Beteiligung des Bayerischen Landtags - Gespräche mit den Hochschulen führen. Zur Umsetzung der im Innovationsbündnis festgeschriebenen hochschulpolitischen Ziele werden wir in einem zweiten Schritt mit den einzelnen Hochschulen individuelle Zielvereinbarungen schließen.

Ein weiterer Schwerpunkt der kommenden Monate ist die umfassende Novellierung unseres Bayerischen Hochschulgesetzes. Kernpunkte sind die Erweiterung der Autonomie und Eigenverantwortung der Hochschulen sowie die Neuregelung der Hochschulorganisationsstruktur. Um einige Beispiele zu nennen: Die Hochschulen brauchen ein professionelles Management, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können. Wir werden den Hochschulen weitgehende Autonomie einräumen und die Hochschulleitungen sowie die Dekane stärken. Entscheidungen über die hochschulinterne Organisation werden vom Staat auf die Hochschulen übertragen. Entsprechendes gilt für Zuständigkeiten des Staates im Bereich von Prüfungen und Studium, die auf die Vorsitzenden des Leitungsgremiums übergehen sollen. Die Stärkung der Eigenverantwortung der Hochschulen im Personalbereich wird beispielsweise durch die Übertragung der Zuständigkeit für die Ernennung von Professoren sowie die Übertragung der Zuständigkeit als Dienstvorgesetzter der Professoren auf den Vorsitzenden des Leitungsgremiums fortgesetzt. Die Letztentscheidung bei den Berufungen wird auch in Zukunft dem Wissenschaftsminister vorbehalten bleiben.

Ein weiteres zentrales Element der derzeitigen hochschulpolitischen Entwicklungen ist die aktive Strukturpolitik für Bayerns Hochschulen. Die Hochschulen stehen vor einer einschneidenden Umstrukturierung. In die Strukturplanungen ist in diesem Sommer Bewegung, Dynamik und hier und dort auch eine - am Ende hoffentlich heilsame - Unruhe gekommen. Zum ersten Mal in der Geschichte der bayerischen Hochschulpolitik haben die bayerischen Universitäten im Juli ein gemeinsames Konzept zur Optimierung ihres Fächerspektrums vorgelegt. Auch die Fachhochschulen haben erstmals ihre Vorstellungen gemeinsam in einem Strukturpapier formuliert. In den letzten Monaten waren wir intensiv im Gespräch mit vielen Beteiligten. Wir haben großen Zuspruch dafür erhalten, dass wir die Umstrukturierung umfassend angehen und einen längerfristigen Zeitrahmen von 15 Jahren im Blick haben. Ziel ist, durch konsequente Schwerpunktbildung in leistungsstarken Bereichen und Konzentration der Ressourcen das Profil der Hochschulen zu schärfen. Es geht dabei nicht um ein Sparprogramm. Frei werdende Ressourcen bleiben im System und sollen dem Wachstums- und Innovationspotential der Wissenschaft zugute kommen. Insofern sind Vergleiche der vergangenen Wochen mit der Situation bei Zusammenschlüssen in der Wirtschaft oder mit der Berliner Hochschulpolitik falsch. Entscheidend für die Zukunft Bayerns wird nicht sein, dass an allen Hochschulen alles angeboten wird, sondern dass wir in allen Fachrichtungen in Bayern Spitzenqualität haben. Jetzt geht es darum, die Vorstellungen und Planungen der Universitäten und Fachhochschulen weiter zu entwickeln und zu einem bayernweiten Gesamtkonzept zusammenzuführen. Zu diesem Zweck habe ich eine international und hochkarätig besetzte Expertenkommission, die "Expertenkommission Wissenschaftsland Bayern 2020" unter Vorsitz des Konstanzer Philosophieprofessors Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß, eingesetzt. Ziel der Arbeit der Expertenkommission ist, auf der Grundlage der Vorschläge der Hochschulen Empfehlungen für eine zukunftsorientierte Neuentwicklung der bayerischen Hochschullandschaft zu unterbreiten. Die Empfehlungen der Expertenkommission sollen im 1. Quartal 2005 vorliegen. Die Strukturmaßnahmen für Bayerns Hochschulen werden wir anschließend im Ministerrat und mit dem Landtag beraten.

Eines unserer Ziele ist es, das Wissen der Hochschulen in die Wirtschaft zu transferieren. Wir brauchen eine starke, mit der Wirtschaft verzahnte Wissenschaftslandschaft. Zentrale gemeinsame Aufgabe der Forschungs- und Wirtschaftspolitik der kommenden Jahre wird es sein, den Transfer von Erkenntnissen aus der wissenschaftlichen Forschung in die Wirtschaft zu beschleunigen. Die Zukunft des Standorts Deutschland liegt in forschungsintensiven, hier produzierten Produkten. Bayern fördert diesen Transfer seit Jahren gezielt. Als Beispiele möchte ich nur unsere Projekte Bayern Patent, die Datenbank baydat online oder die Clusterinitiative nennen. Derzeit analysiert die Staatsregierung gezielt die in Bayern im Wissenschafts- und Wirtschaftsbereich vorhandenen Cluster und erarbeitet entsprechende Handlungsempfehlungen für den weiteren Ausbau und die Verstärkung von Clustern in allen bayerischen Regionen. Die bayerischen Universitäten werden sich in diese Cluster beispielsweise mit den Schwerpunkten Biotechnologie, Medizintechnik, Nanowissenschaften, den Materialwissenschaften/Neue Werkstoffe sowie der Informations- und Kommunikationstechnologie einbringen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, die Hochschulen nur noch nach "Marktkriterien" zu fördern. Fester Bestandteil unseres Zukunftsbildes von der Bildungs- und Hochschullandschaft ist, dass Aufgaben der reinen Grundlagenforschung und insbesondere auch die Geisteswissenschaften, die sich schwerer mit der Einwerbung von Drittmitteln und der von Ökonomen geforderten "Markttauglichkeit" tun, nicht vernachlässigt werden. Auch wenn sich alle Fächer der Frage nach ihrem konkreten "Nutzen" stellen müssen, darf nicht alles über einen rein ökonomischen Kamm geschoren werden. Geisteswissenschaftliche Fächer sind notwendig, um unseren kulturellen, intellektuellen und zivilisatorischen Diskurs permanent weiterzuführen und dabei Antworten zu geben, die von den produktorientierten Fächern nicht gegeben werden können. Wie fest die Geisteswissenschaften im universitären Fächerkanon Bayerns verankert sind, zeigt die Konzeption des Elitenetzwerks Bayern, bei dem die geisteswissenschaftlichen Fächer die gleichen Chancen wie die Naturwissenschaften haben. In der ersten Tranche des Elitenetzwerks fördern wir drei hervorragende, mit andern Bereichen vernetzte Projekte aus den Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Die ersten Elitestudiengänge und Internationalen Doktorandenkollegs des Elitenetzwerks Bayern laufen derzeit an. Bayern setzt damit ein Gegengewicht zu Spitzenangeboten im Ausland und ein klares Signal für den Wissenschaftsstandort Bayern. Weitere Elitestudiengänge und Internationale Doktorandenkollegs, um deren Förderung sich die bayerischen Universitäten mit neuen Konzepten beworben haben, befinden sich derzeit im Auswahlverfahren. Wir haben mit dem Elitenetzwerk eine klare Priorität für die akademische Spitzenausbildung gesetzt und 223 hochwertige, zusätzliche Stellen bereitgestellt. Auch die bayerische Wirtschaft ist von unserem Konzept überzeugt und fördert über die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft das Elitenetzwerk mit 7 Mio. Euro in den ersten vier Jahren. Dafür herzlichen Dank.

Spitzenförderung darf nicht zu Lasten der allgemeinen Ausbildung gehen. Gerade mit Blick auf die weiter stark steigenden Studentenzahlen ist die Verbesserung der Lehre ein hochschulpolitisches Hauptanliegen. Besonders in den Studiengängen mit einer ungünstigen Betreuungsrelation müssen wir die Ausbildungssituation weiter verbessern; dabei ist der Einsatz von Tutorien, den wir jährlich mit über 2,65 Mio. Euro unterstützen, besonders wichtig. Die Studienzeiten an unseren Universitäten liegen mit 11,9 Hochschulsemestern im Schnitt zwar deutlich niedriger als im Bundesdurchschnitt (13,4 Semester), sind aber im internationalen Vergleich immer noch zu lang. Eine weitere Verkürzung der Studienzeiten ist zu erwarten von einer gezielten Studienberatung, der Einführung von Bachelorstudiengängen, die von der Wirtschaft als berufsqualifizierender Abschluss anerkannt werden, oder einer Erweiterung des Rechts der Hochschulen, ihre Studierenden selbst auszuwählen.

Einem neuen, positiven Grundverständnis der Rolle von Studierenden und Hochschule werden zudem Studienbeiträge dienen, die wir - vorausgesetzt, das Bundesverfassungsgericht hebt das bundesrechtliche Verbot der Erhebung von Studiengebühren auf - einführen werden. Die Studenten würden dann an der Finanzierung ihres Studiums mitwirken und wären damit Kunden ihrer Hochschulen. Die Einnahmen aus Studienbeiträgen müssen als zusätzliche Mittel in vollem Umfang den Hochschulen zur Verfügung stehen und zur gezielten Verbesserung der Lehre eingesetzt werden, wie etwa für mehr Kleingruppenveranstaltungen, intensivere Studienberatung, studentische Tutorien oder Studienliteratur. Die Mittel aus Studienbeiträgen würden sich auf bis zu 200 Millionen Euro im Jahr belaufen. Das entspräche etwa sieben Prozent des jährlichen Hochschuletats von 2,8 Milliarden Euro. Gemessen an den verfügbaren Mitteln für die Lehre ist das ein ordentlicher Betrag. Wir werden für eine leistungsorientierte und sozialverträgliche Erhebung von Studienbeiträgen eintreten und dafür sorgen, dass bedürftige Studierende mit guten Leistungen etwa durch Stipendien gefördert werden.

Das Thema "Studienbeiträge" möchte ich zum Anlass nehmen, die mit der Hochschulpolitik des Bundes verbundenen Probleme zu skizzieren. Die Haltung der Bundesforschungsministerin zu Studienbeiträgen ist nicht mehr nachvollziehbar. Die Diskussion um das Für und Wider von Studienbeiträgen hat sich in den letzten Jahren versachlicht; inzwischen zeichnet sich ein zunehmender Konsens für eine Beitragserhebung ab, die natürlich an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sein muss - wie die sozialverträgliche Ausgestaltung und der Verbleib der Erträge an den Hochschulen. Selbst der Bundeskanzler wollte die Einführung von Studienbeiträgen nicht mehr ausschließen. Umso unverständlicher ist, dass es die Bundesforschungsministerin trotz des Urteils vom vergangenen Juli zur Juniorprofessur auf eine weitere Entscheidung aus Karlsruhe ankommen lassen will. Sie wäre besser beraten, wenn sie unverzüglich und noch vor der mündlichen Verhandlung des Bundesverfassungsgerichts am 9. November ihre Haltung korrigieren und eine Beseitigung des Studiengebührenverbots im Hochschulrahmengesetz in die Wege leiten würde. So könnte Frau Bulmahn zeigen, dass sie den Weg der Kooperation mit den Ländern wieder aufnimmt. Mit dem verfassungswidrigen Bundesgesetz zur Juniorprofessur, dem 5. Hochschulrahmenänderungsgesetz, hat die Bundesregierung schon mehr als genügend Porzellan zerschlagen und Unsicherheiten für den Wissenschaftsstandort verursacht. Betroffen sind bundesweit über 20.000 befristete Verträge und mehr als 900 Juniorprofessuren. Der Bund hat die Pflicht, umgehend, nämlich spätestens bis Ende des Jahres, Regelungen zur Befristung von Arbeitsverhältnissen zu treffen. Bezüglich der Hochschulpersonalstruktur einschließlich der Qualifikationsanforderungen für Hochschullehrer wäre der Bund nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes gut beraten, auf eine eigene Rahmengesetzgebung zu verzichten und den Ländern das Recht zuzugestehen, diese Materie künftig ausschließlich durch eigene Landesgesetze zu regeln.

Zu dem Haushalt, den Bundesministerin Bulmahn für 2005 vorgelegt hat, möchte ich nur anmerken, dass die Bundesregierung einmal mehr mit Zahlentricks arbeitet. Sie rechnet etwa die Abschaffung der Eigenheimzulage mit 63 Mio. Euro zugunsten des Bundesforschungshaushalts ein. Die Abschaffung der Eigenheimzulage ist nun wirklich keine Entscheidung, die die Bundesregierung via Haushaltsentwurf treffen könnte. Darauf, dass einer solchen Maßnahme zulasten der Familien der Bundesrat zustimmt, durfte und darf die Bundesregierung nicht bauen. Ähnlich undurchsichtig handelt die Bundesregierung, wenn der Bundeskanzler in diesen Tagen verkündet, dass er die 50 Millionen Euro für den Umbau der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder zu einer Stiftungsuniversität nun doch zugesagt habe. Noch im Juli hatte Bundesforschungsministerin Bulmahn die Zusage des Bundeskanzlers abgestritten und dem Bundestag gesagt, sie habe lediglich 1,514 Millionen Euro veranschlagt. Dieses System einer angeblichen Wissenschaftsförderung widerspricht sämtlichen Vorgaben für ein ausgewogenes, allein an wissenschaftlicher Exzellenz orientiertes Beurteilungssystem für die Universitäten. Die Bundesregierung wird zunehmend zur Belastung für den Wissenschaftsstandort Deutschland.

Noch zu einigen aktuellen Entwicklungen und Zahlen an Bayerns Hochschulen:

Zu den Studierendenzahlen haben wir bereits vor einer Woche berichtet. Auch wenn die Zahlen, die die Hochschulen zu Beginn des Semesters melden, noch nicht auf einer vollständig gesicherten Datenbasis beruhen, machen sie deutlich, dass wir bei den Studienanfängerzahlen in diesem Wintersemester das dritte Jahr in Folge einen neuen Rekordstand verzeichnen werden. An den bayerischen Hochschulen haben sich in diesem Wintersemester 46.625 Studienanfängerinnen und Studienanfänger oder 0,4 Prozent mehr als im Vorjahr eingeschrieben; damit stabilisiert sich diese Zahl nach der gewaltigen Steigerung der Vorjahrs um über 6 Prozent auf sehr hohem Niveau. Insgesamt 251.000 Studentinnen und Studenten bilden Bayerns Hochschulen aus. Das sind 2,5 Prozent mehr als im letzten Wintersemester. Im kommenden Jahr rechnen wir mit einer weiteren Steigerung um 4,4 Prozent auf knapp 262.000; dann wird die Zahl der Studierenden auf einem historischen Höchststand sein. Demographisch bedingt werden die Studierendenzahlen bis 2010 immer neue Rekordstände erreichen, um dann auf einem hohen Plateau einige Jahre konstant zu bleiben. In Folge der Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre kommt ab 2011 der doppelte Abiturjahrgang an die Hochschulen. Dann werden voraussichtlich 317.000 Studentinnen und Studenten an Bayerns Hochschulen ausgebildet; das sind rund 40 Prozent mehr als im Jahr 2002. Zur optimalen Ausbildung dieser letzten zahlenmäßig starken jungen Generation müssen die Hochschulen vor allem auch personell angemessen ausgestattet werden. Die derzeit noch steigenden Schülerzahlen werden demographisch bedingt bis dahin wieder sinken. Ein Teil der Stellen des Schulressorts, das für steigende Schülerzahlen in den letzten Jahren mehrere tausend zusätzliche Stellen erhalten hat, sollte konsequenterweise für die Ausbildung an den Hochschulen eingesetzt werden.

Sorge macht uns bei dieser Entwicklung die Wohnraumsituation der Studierenden, vor allem in München. Obwohl die Wartezeiten auf einen Studentenwohnheimplatz in den letzten Jahren an den meisten Hochschulstandorten zurückgegangen sind, bleibt die Förderung des Studentenwohnraumbaus ein wichtiges bildungs- und sozialpolitisches Anliegen. Wir haben in den vergangenen Jahren beträchtliche Anstrengungen unternommen: Es ist gelungen, in der Zeit von 1981 bis 2004 rund 10.699 Wohnheimplätze neu zu schaffen. In den anderen Ländern ist - nach dem Rückzug des Bundes aus der Studentenwohnraumförderung - der Neubau von Studentenwohnheimen in der gleichen Zeit nahezu zum Erliegen gekommen. Die Zahl der Studentenwohnheimplätze in der Trägerschaft der Studentenwerke sowie anderer Träger betrug im Wintersemester 2003/2004 in Bayern 31.770. Dies entspricht einer Unterbringungsquote von ca. 13,3 %. Allein das Studentenwerk München beabsichtigt, im Großraum München bis zum Jahre 2006/2007 durch Neubau- und Verdichtungsmaßnahmen rund 1.237 neue Wohnheimplätze mit einem Gesamtkostenvolumen von rund 63,5 Mio. ? zu schaffen.

Thema Frauenförderung: Hier besteht Nachholbedarf. Die erfolgreiche Frauenförderung ist ein wichtiger Gradmesser für die Reformfähigkeit einer Hochschulen. Genauso viele Männer wie Frauen nehmen ein Studium auf. Trotzdem ist der Frauenanteil bei höheren akademischen Qualifikationsstufen - von der Promotion (2002: rund 36,2 Prozent) über die Habilitation (2001: 15 Prozent; 2002: 19 Prozent) bis zur Professur (2002: 8,3 Prozent) - nach wie bei weitem zu gering. Auf Berufungslisten tauchen qualifizierte Frauen viel zu selten auf. Es bleibt eine große und wichtige Aufgabe, den weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs besonders zu fördern und den Anteil der Frauen an den Professuren deutlich zu erhöhen.

Die letzten wichtigen Zahlen betreffen Bayerns Kontakte mit dem Rest der Welt: Die Internationalisierung der Hochschulen ist und bleibt ein wichtiges wissenschaftspolitisches Anliegen. Angesichts von Globalisierung und Vernetzung des Wissens ist eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem Ausland ein wesentlicher Faktor für den Wirtschaftsstandort Bayern. In den vergangenen acht Jahren hat sich die Zahl der ausländischen Studierenden von 13.000 im Wintersemester 1991/92 auf 28.000 im vergangenen Wintersemester mehr als verdoppelt. Die Zahl der Kooperationen bayerischer Hochschulen mit Partnerhochschulen in anderen Ländern ist in den vergangenen drei Jahren von 1.350 auf fast 2.500 deutlich gestiegen. Mit derzeit 125 Bachelor- und 160 Masterstudiengängen haben Bayerns Hochschulen bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses wichtige Fortschritte gemacht und ein auf internationale Bedürfnisse zugeschnittenes Studienangebot geschaffen.


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