Lernangebote für Migranten

(Jürgen Genuneit) Mindestens 7,4 Millionen Menschen ausländischer Herkunft leben derzeit in Deutschland. Rund 1,6 Millionen davon sind Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Um sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden und sich wirklich zu integrieren, müssen sie sich der deutschen Sprache bedienen können. Eine Reihe von Angeboten, die schon im Kindergartenalter einsetzen, soll sie dabei unterstützen.

10.06.2004 Artikel

Kinder ausländischer Herkunft haben es schwerer, sich unter Gleichaltrigen zu behaupten, ihren Platz in der Gruppe zu finden, erfolgreiche Schülerinnen und Schüler zu werden. Das ist nichts Neues für Kindergärtnerinnen, Lehrkräfte, Sozialarbeiterinnen und alle, die mit und für Migrantenfamilien arbeiten. Auch in der PISA-Studie zeigte sich, dass besonders Kinder von Ausländern oft große Schwierigkeiten haben, Sachtexte Sinn erfassend zu entschlüsseln.

Frühförderung in Hessen

Hessen geht das Problem nun schon bei den Kleinsten ganzheitlich an: Im März begann in Frankfurt, Gießen und Wetzlar das Projekt "Frühstart". "Durch Sprachförderung, interkulturelle Erziehung und Elternarbeit soll bereits im Kindergarten der Grundstein für eine erfolgreiche schulische Laufbahn ausländischer Kinder gelegt werden", umreißt die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) die Ziele von "Frühstart". Hertie-Stiftung (Sprachförderung), Herbert-Quandt-Stiftung (interkulturelle Erziehung) und Türkisch-Deutsche Gesundheitsstiftung (Elternarbeit) haben das Projekt gemeinsam entwickelt.

In den ausgewählten Kindertagesstätten absolvieren jeweils mindestens zwei Erzieherinnen eine zweieinhalbjährige Fortbildung mit 110 Stunden; 30 bilinguale Migranten werden zu ehrenamtlichen Elternbegleitern fortgebildet. Gelingt der Modellversuch, verfügt Hessen über ein weiteres gutes Integrationsinstrument. Bereits 2002 hatte es als erstes Bundesland verbindliche Sprachtests vor der Einschulung eingeführt und Vorlaufkurse angeboten. Daran nehmen mittlerweile 95% der ausländischen Kinder teil. Das Saarland, Berlin und Baden-Württemberg haben die Regelung übernommen; Nordrhein-Westfalen plant ein ähnliches Projekt.

Unterrichtsmaterial für multikulturelles Lernen

Für Kinder im Grundschulalter entwickelte der AOL Schulbuch-Verlag mit einem multikulturellen Autorenteam das Lehrplan begleitende Buch "Quasselzeit". Das im Februar 2004 erschienene Unterrichtswerk soll zum Lesen anregen und beschäftigt sich in altersgerechter Form mit dem multikulturellen Leben und mit Sachthemen. Im Mittelpunkt stehen die vier Freunde Laura, Erkan, Timo und Katja, die aus unterschiedlichen familiären und kulturellen Verhältnissen (deutsch, russisch, türkisch) kommen. In 33 Dialogen zum Vorlesen und Nachspielen erforschen die Kinder die Welt: Es geht u. a. um Vorbilder, Freundschaft, Streit und Vorurteile, um Umwelt, Schulweg, Fahrpläne und Wetterberichte, aber auch um Tabu-Themen wie häusliche Gewalt, Diebstahl und Beschneidung.

"Quasselzeit" wurde gemeinsam mit Lehrern und Sozialarbeitern, einer Testklasse sowie einer türkisch- und einer russischsprachigen Familie entwickelt und erprobt. Dabei sind reale Erlebnisse von Kindern in die Geschichten eingeflossen. Zu den originell illustrierten Dialogen gibt es auch kleine Sachtexte sowie interessante, Fantasie anregende Aufgaben. Ebenfalls für Grundschulkinder mit multikulturellem Hintergrund eignet sich die "Luna-Fibel" vom Ernst Klett Grundschulverlag: Hier wird sowohl die individuelle Förderung der Kinder großgeschrieben als auch das kommunikative und soziale Miteinander.

In einer farbenfroh und detailreich illustrierten Fortsetzungsgeschichte können die Kinder ein Abenteuer nacherleben, das ihre eigene Situation des Lesenlernens spiegelt. Hauptfigur ist die pfiffige und wissbegierige Katze Luna, die zusammen mit ihren Freunden die Kinder auf ihrem Weg in die aufregende Welt des Lernens begleitet.

Die Lehrgangsseiten mit gleichmäßigem Erscheinungsbild, übersichtlichem Seitenaufbau und kindgerechten Orientierungshilfen erleichtern es den Kindern, sich auf dem Weg zur Schrift besser zurechtzufinden. Gegliedert nach verschiedenen Schwierigkeitsgraden bieten die Lies-mit-Seiten ein vielseitiges Übungs- und Textangebot, das unterschiedliche Lerntypen berücksichtigt und einen differenzierten Unterricht ermöglicht. Abwechslungsreiche Impulse, z. B. eigene Geschichten ausdenken, erzählen, schreiben oder dazu Bilder malen, regen die Kinder zum selbstständigen Lernen an. Zum Buch gibt es ein Arbeitsheft, eine CD, eine Handpuppe zum Nachspielen und kleine Mini-Lesebücher sowie didaktisches Material.

Fernsehen unterstützt Deutsch lernen

Die Fernsehreihe "Anna, Schmidt und Oskar" ist in erster Linie für acht- bis zehnjährige Kinder ausländischer Herkunft bestimmt. Sie ist kein Fernsehsprachkurs, sondern will in den 15-minütigen Sendungen mit lustigen und überraschenden Kurzszenen, Liedern, Spielen und Geschichten einen spielerischen Zugang zur deutschen Sprache eröffnen und zum Mit- und Nachsprechen, -singen und -spielen motivieren. Begleitmaterial gibt es beim Langenscheidt-Verlag (Sendetermine: BR-alpha jeweils Mi und Fr 9.45 Uhr, Do 7 Uhr im BR).

An Jugendliche und Erwachsene richtet sich die 13-teilige Fernsehserie "Deutsch Klasse" mit einer dazugehörigen didaktischen Fassung. Sie gilt als Vorreiterprojekt in der Integrationsarbeit von ausländischen Mitbürgern in Deutschland. Die im Auftrag des Bildungskanals des Bayerischen Rundfunks (BR) produzierte Soap soll neben der Unterhaltung das Verständnis zwischen den Kulturen fördern und zum Erlernen der deutschen Sprache animieren. Im Mittelpunkt stehen Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen, die einen Deutschkurs an der Volkshochschule besuchen. Die spannende Serie arbeitet mit fiktionalen Charakteren, aber realitätsnahen Lebenssituationen und Problemen. Die Protagonisten erleben, dass das Leben mit Deutschkenntnissen in einem zunächst fremden Land viel einfacher wird und dass sie erst durch die Sprache in Deutschland richtig ankommen.

In der didaktischen Fassung erklären die Hauptdarsteller der Serie spielerisch die deutsche Sprache. Anhand von Spielszenen aus der Serie erläutern die drei Moderatoren abwechselnd die deutsche Sprache und Grammatik, geben Kommunikationshilfen für den Umgang mit Behörden und vermitteln einen Einblick in das gesellschaftliche und soziale Leben in der neuen Heimat. Serie und Sprachprogramm sollen in die Deutschkurse an Volkshochschulen eingebunden werden und als Unterrichtshilfe und -motivation dienen.

Am 1. März 2004 begannen an sechs bayerischen Volkshochschulen Pilotkurse. Sie werden vom Klett-Verlag mit den entsprechenden Lernmaterialien ausgestattet. Das Lehrbuch zur Serie soll im Juni erscheinen. Im Herbst geht der multimediale Sprachkurs dann mit einer erweiterten Anzahl von Volkshochschulen in die zweite Runde.

DEUTSCH KLASSE im Internet:

www.deutsch-klasse.de/alpha
www.lernzeit.de
www.hr-online.de/fs/wissen
Angeboten werden Hintergrundinformationen über Schauspieler, das Online-Spiel "Tim on Tour", kostenlose Audio-Dateien sowie viele Tipps und Links
Sendezeiten: BR-alpha (seit 5.3.2004) jeweils Fr 21.45 Uhr,
Sa 8.45 Uhr (didaktische Fassung)
WDR (seit 7.2.2004) Sa 9 Uhr, HR (seit 1.3.2004) Mo 14.30 Uhr.

Der Autor

Jürgen Genuneit
Redakteur Ernst Klett Verlag
und Vorstandsmitglied im Bundesverband Alphabetisierung e. V
Telefon: 07 11-66 72- 16 83
Fax: 07 11-66 72- 20 41


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