Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave zu PISA 2003-E Teil 2: "Wir müssen konsequent unsere Reformen voranbringen - jede Anstrengung lohnt sich!"

"Wir brauchen einen langen Atem und müssen weiter an unseren Reformen festhalten," kommentierte Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave heute die Ergebnisse der PISA 2003-E-Studie. So habe sich Schleswig-Holstein, wie bereits im Juli veröffentlicht, in den drei Bereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften gegenüber PISA 2000-E verbessern können und liege im OECD-Durchschnitt.

03.11.2005 Schleswig-Holstein Pressemeldung Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein

Auch im neuen 4. Bereich "Problemlösen" habe das Land einen guten 5. Platz belegt. Erdsiek-Rave: "Es bewegt sich etwas an unseren Schulen. Wir haben im norddeutschen Vergleich die besten Ergebnisse erzielt. Wir wissen aber auch, dass noch viele Probleme gelöst werden müssen." Exemplarisch nannte sie die große Gruppe der Schülerinnen und Schüler an Hauptschulen, die am Ende ihrer Schulzeit nur über unzureichende Kompetenzen verfügen und die zu geringe Gymnasialquote. Die Bildungsministerin: "Unser Ziel ist, dass alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig von der sozialen Herkunft, die gleichen Chancen auf Schulerfolg haben. Damit das gelingen kann, sind alle an Schule Beteiligten aufgerufen, sich auch weiter für eine verbesserte Qualität an unseren Schulen zu engagieren."

Die Bildungsministerin informierte über folgende detaillierte Ergebnisse des Ländervergleichs und des Schulartenvergleichs in Schleswig-Holstein:

Bundesweiter Vergleich der Gymnasien

Die Gymnasien in Schleswig-Holstein haben ihre Ergebnisse gegenüber PISA 2000-E leicht verbessert. Sie konnten aber ihre Spitzenplätze nicht halten, da sich die Gymnasien in anderen Ländern vor allem in den Bereichen Lesen und Naturwissenschaften deutlich stärker verbessert haben. In "Mathe" erreichten die 15-jährigen schleswig-holsteiner Gymnasiasten 591 Punkte und damit den 5. Platz (2000: 590 Punkte/Platz 2), in "Naturwissenschaften" 598 Punkte, Platz 4 (2000: 595 Punkte/Platz 1), in "Lesen" 585 Punkte, Platz 3 (2000: 584 Punkte/Platz 2) und bei dem neu hinzugekommenen Bereich "Problem lösen" erreichten sie 596 Punkte und belegten damit einen 3. Platz.

Ein Vergleich der Daten 2000 und 2003 ist allerdings nur eingeschränkt möglich, da im ersten PISA-Bericht die Leistungen von Neuntklässlern und 2003 die von 15-jährigen bewertet wurden.

Schulartenvergleich in Schleswig-Holstein

  • Die Gymnasien haben einen eindeutigen Leistungsvorsprung vor allen anderen Schulformen. Die Ergebnisse liegen in allen Bereichen (Mathe: 591 Punkte) deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 500 Punkten.
  • Die Realschulen haben einen erkennbaren, aber nicht dramatischen Vorsprung gegenüber den Gesamtschulen. Die Realschulen liegen knapp über dem OECD-Durchschnitt (Mathe: 517 Punkte). Die Gesamtschulen erreichen mit 498 Punkten den OECD-Durchschnitt.
  • Die Hauptschulen haben einen sehr großen Abstand zu allen anderen Schulformen und liegen bei Mathe mit 410 Punkten deutlich und beim Lesen mit 384 Punkten sehr deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

Bundesweiter Vergleich zur Sozialen Herkunft

Die Abhängigkeit des Schulerfolges von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler ist, wie schon bei PISA 2000-E festgestellt, in Schleswig-Holstein im bundesweiten Vergleich nach wie vor zu hoch. PISA 2003-E zeigt, dass hier noch keine sichtbaren Erfolge erzielt werden konnten. Folgende Indikatoren belegen dies:

  • Der Anteil der 15-jährigen aus der untersten Sozialschicht, die ein Gymnasium besuchen, ist in Schleswig-Holstein mit 4,6 Prozent bundesweit am geringsten (Bundesdurchschnitt: 8,0 Prozent).
  • In Schleswig-Holstein gibt es einen großen Anteil von schwachen Schülerinnen und Schülern. Sie kommen vor allem aus unteren sozialen Schichten.

PISA zeigt, welche Chancen Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Sozialschichten haben, bei vergleichbaren Leistungen ein Gymnasium zu besuchen. In Schleswig-Holstein ist die Wahrscheinlichkeit eines Schülers aus der oberen sozialen Schicht, das Gymnasium zu besuchen, 2,88 mal so hoch wie für Jugendliche aus einer unteren Sozialschicht und dies bei gleicher Kompetenz in Mathematik und Lesen.

Schleswig-Holstein liegt mit diesem Wert, der sicherlich kein Grund zur Freude ist, deutlich besser als der Bundesdurchschnitt, der eine 4,01 mal so hohe Chance für Jugendliche aus der oberen Sozialschicht ausweist. Bayern mit einer 6,65 mal so hohen Wahrscheinlichkeit für Jugendliche aus der oberen sozialen Schicht, ein Gymnasium zu besuchen, erreicht hier den negativenSpitzenwert.

Bundesweiter Vergleich der besonderen Situation von Schülern aus Migrantenfamilien

Schleswig-Holstein ist nach wie vor mit 17,3 Prozent das Flächenland unter den alten Bundesländern mit dem geringsten Anteil von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern aus Migrantenfamilien. Die meisten Migranten in dieser Altersklasse in unserem Land kommen aus der ehemaligen Sowjetunion (21 Prozent), der Türkei (19,1 Prozent) und Polen (12,2 Prozent).
In Schleswig-Holstein ist die Gruppe der Schülerinnen und Schüler, die im Alltag außerhalb des Schule nicht Deutsch sprechen, im Bundesvergleich relativ groß. Diese Jugendlichen schneiden bei PISA besonders schlecht ab, deshalb ist ihre gezielte Förderung auch in Schleswig-Holstein eine vorrangige Aufgabe.

Besorgniserregend ist die Tatsache, dass Jugendliche aus der ersten Generation von Migrantenfamilien, also jene, die in Deutschland geboren wurden, geringere Leistungen erbringen als zugewanderte Schülerinnen und Schüler. Das bedeutet, Schülerinnen und Schüler aus Migrantenfamilien, in denen überwiegend Deutsch gesprochen wird, verfügen über mehr Ressourcen mit allen positiven Auswirkungen auf ihren Bildungserfolg als Kinder aus Familien, in denen zu Hause überwiegend nicht Deutsch gesprochen wird. PISA 2003-E macht deutlich, dass in Schleswig-Holstein rund die Hälfte der in Deutschland geboren Türken die niedrigsten Kompetenzen aufweisen, obwohl sie hier zu Schule gehen.

Bundesweiter Vergleich der Situation beim Sitzen bleiben und Wechsel der Schularten

Jeder zweite 15-jährige Schüler in Schleswig-Holstein hat nach PISA 2003-E mindestens schon einmal eine Klasse wiederholt und/oder wurde bei der Einschulung zurückgestellt. Das ist die nach wie vor schlechte Bilanz bei der Analyse der Schullaufbahnen unserer Schülerinnen und Schüler. An den Hauptschulen ist die Situation besonders ungünstig.

Nur knapp 25 Prozent aller 15-jährigen an den Hauptschulen haben es bis dahin geschafft, ohne "Verzögerungen" die Schule zu durchlaufen. Auch an den Gymnasien (23,5 Prozent Anteil Wiederholer) und den Realschulen (42,7 Prozent) belegt Schleswig-Holstein den letzten Platz im Bundesvergleich. Über alle Schularten hinweg wurden 17,6 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein bei der Einschulung zurückgestellt.

Die von uns im Land erfassten Daten zum Sitzenbleiben machen aber deutlich, dass die Quote der Sitzenbleiber und Rückstufungen pro Jahrgang in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist. Während es im Schuljahr 2002/03 noch 3,3 Prozent waren, sind im Schuljahr 2004/05 nur noch 2,6 Prozent sitzen geblieben.

Bildungsministerin Erdsiek-Rave bekräftigte: "Schleswig-Holstein hat bereits seit langem die notwendigen Konsequenzen gezogen und ist dabei die eingeleiteten Reformen kontinuierlich weiter zu entwickeln." Bereits im Juli habe sie auf besondere Herausforderungen hingewiesen, die sie durch folgende Aktivitäten bewältigen wolle, so die Ministerin.

1) Wir stellen die Förderorientierung in das Zentrum des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrages.

Durch den Einsatz von Lernplänen können wir Leistungsschwache wie besonderes Begabte stärker individuell fördern. Schülerinnen und Schüler brauchen anregende Lernumgebungen, um bessere Leistungen erreichen zu können. Wir werden zusätzliche Mittel in einem Förderfonds bereit stellen, um das Sitzenbleiben deutlich zu verringern, Rückstufungen abzuschaffen und Gemeinschaftsschulen auf Antrag der Schulträger einzurichten. Dafür werden in der geplanten Änderung des Schulgesetzes die Weichen gestellt.

2) Wir werden verstärkt und frühzeitig Kinder und Jugendliche, die aus sozial schwierigem Umfeld stammen oder einen Migrationshintergrund haben, fördern.

Dazu wird die vorschulische und schulische Sprachförderung in den kommenden Jahren massiv ausgeweitet und qualitativ verbessert. Bereits jetzt laufen die vorgezogenen Schuleingangsuntersuchungen und ab Anfang des nächsten Jahres beginnen die ersten Sprachförderkurse vor allem für Kinder aus Migrantenfamilien. Wir erweitern auch das Netz von Angeboten "Deutsch als Zweitsprache" in den Schulen. Das Land investiert insgesamt für das Sprachförderkonzept 27 Millionen Euro in der laufenden Legislaturperiode.

3) Wir werden die Qualitätssicherung an unseren Schulen noch konsequenter umsetzen:

  • Der Schul-TÜV (EVIT) wird künftig häufiger die Schulen besuchen, alle vier statt bisher geplanten sechs Jahre.
  • Die bereits in der Grundschule eingeführten Vergleichsarbeiten werden künftig in allen Schularten stattfinden: am Ende der Klassen 3, 6 und voraussichtlich 8.
  • Die Ergebnisse des Schul-TÜVs und der Vergleichsarbeiten sollen klar und zügig ausgewertet werden. Erst vor zwei Wochen haben wir den ersten Landesbericht vorgelegt. Die Konsequenzen für die einzelnen Schulen müssen im Sinne einer verbesserten Lernsituation für die Schülerinnen und Schüler verbindlich umgesetzt werden.
  • Die vorhandenen Daten zur Qualität schulischer Arbeit (Unterrichtsversorgung, Ergebnisse Schul-TÜV, Schulprogramme etc.) werden ab dem Schuljahr 2006/07 über Internet in so genannten Schulportraits der allgemeinen Öffentlichkeit zugängig gemacht werden.
  • Wir führen zentrale Abschlussprüfungen für alle Schulabschlüsse ein.

4) Wir werden die Unterrichtsentwicklung verbessern:

  • Wir werden das erfolgreiche SINUS-Programm zur Entwicklung eines zeitgemäßen mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts möglichst auf alle Schulen unseres Landes ausweiten.
  • Wir setzen neue Schwerpunkte in der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften, damit diese insbesondere mit heterogenen Klassen besser arbeiten, die Schülerinnen und Schüler besser einschätzen und sie gezielter unterstützen können.

5) Wir fördern weiter den Ausbau von Offenen Ganztagsschulen.


Ute Erdsiek-Rave: "Die PISA-Studie benennt seit fünf Jahren die Schwachstellen des deutschen Bildungssystems und ist inzwischen ein wichtiger Indikator für Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit. Er zeigt: Ob unsere Kinder in unserem Schulsystem erfolgreich sind, ist abhängig von der sozialen Herkunft und nicht nur von der Intelligenz. Das ist in seinen Folgen fatal, denn statt Begabungspotenziale zu nutzen, grenzen wir große Gruppen aus der Gesellschaft aus." Die Ministerin betonte in diesem Zusammenhang, dass es unsere Aufgabe sei, dieser Entwicklung wirksam entgegenzusteuern. Erste Anfänge seien gemacht, weitere würden folgen. Die Ministerin weiter: "Dabei ist es nicht entscheidend, nur mehr Ressourcen ins System zu stecken, sondern auch die Lebens- und Lernumgebung der Kinder zu verbessern. Dabei müssen alle mitmachen: Eltern, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler und alle weiteren Partner von Schule. Es geht um den Bildungserfolg und die Lebenschancen jedes jungen Menschen. Dafür lohnen sich alle Anstrengungen."


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