Bildungsreformen und ihre Konsequenzen im Schulbuchmarkt

(jk) Dr. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung bringt es auf den Punkt: „In Deutschland geschieht derzeit in der Bildung die tiefgreifendste Reform seit fünfzig Jahren.“ Ausgelöst wurden die Bildungsreformen vor allem durch die PISA- und TIMSS-Studien: G8, Ganztagsschule, Einführung des Zentralabiturs, Fächerverbünde, Bildungspläne, aber auch die Föderalismus- oder die Rechtschreibreform sind nur einige Stichworte.

06.06.2006 Artikel

Diese Veränderungen muss auch ein Schulbuch berücksichtigen. Lehrer, Schüler und auch Eltern sind darauf angewiesen, dass in den Schulen zeitgemäß unterrichtet wird – mit aktuellen Materialien. Machen die Schulbuchverlage aber mit den Bildungsreformen große Kasse? Können solche tiefgreifenden Veränderungen überhaupt so schnell umgesetzt werden? Ein Überblick über die einzelnen Themen gibt Aufschluss über die Verbindung von Reform und Schulbuch.

Neuauflage der Schulbücher für G8

Die Verkürzung der Schulzeit im Gymnasium bedeutet ebenso wie die flächendeckende Einführung von Fremdsprachen in Grundschulen eine Neusegmentierung der Schulbücher und die Neuentwicklung von Lehrwerken, vor allem für die Übergänge zur Sekundarstufe II. Bei G8 wird die zweite Fremdsprache durch die Verkürzung auf acht Jahre von der siebten in die sechste, in einigen Bundesländern sogar in die fünfte Klasse vorverlegt. Die Stoffverteilung variiert ebenfalls von Land zu Land. Darauf müssen die Schulbuchverlage flexibel und schnell reagieren, denn Bilder und Themen müssen altersgerecht aufbereitet sein und den Bildungsplan abdecken. Für die Grundschule haben die Verlage Fremdsprachentitel entwickelt, die die Kinder spielerisch an die neue Sprache heranführen. Da die Schüler nun bereits in der dritten Klasse Englisch oder Französisch lernen, in einigen Bundesländern sogar ab der ersten Klasse, finden sich auf den weiterführenden Schulen Kinder mit unterschiedlichen Vorkenntnissen ein. Auch darauf müssen die Schulbücher eingerichtet sein und beispielsweise differenzierende Aufgabentypen anbieten.

Ganztagsschulen bedingen Zusatzmaterialien

Gegenwärtig unterstützt das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) der Bundesregierung rund 3 000 Ganztagsschulen in Deutschland. Im Laufe dieses Schuljahres steigt die Anzahl auf 5 000 Schulen. Damit sollen Unterricht und außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote besser verzahnt und eine individuelle Förderung möglich werden. Im Nachmittagsunterricht werden offene Lernformen bevorzugt, die zusätzliche Lern- und Lehrmaterialien notwendig machen. Software kommt vermehrt zum Einsatz und lehrwerksunabhängige Materialien beleben den Unterricht. Die Verlage sind darauf vorbereitet und bieten zahlreiche Titel an, die das Arbeiten in Gruppen oder das individuelle Lernen fördern.

Föderalismusreform versus Bildungsstandards

Neben der Bildungsreform laufen zahlreiche weitere Reformen, die den Schulbuchmarkt beeinflussen, so z. B. die Föderalismusreform. Die einzelnen Bundesländer erhalten dadurch mehr Verantwortung, Bildungspolitik wird ausschließlich zur Ländersache. Um Kleinstaaterei vorzubeugen, sollen alle Länder gemeinsame Bildungsstandards definieren. Seit 2004 gibt es bereits keine traditionellen Lehrpläne mehr, sondern die jeweiligen Kultusministerien schreiben im Bildungsplan Standards wie Methoden-, Lese- oder Medienkompetenz fest, die zum Ende eines Schuljahres erreicht werden sollen. Den Lehrern wird damit eine größere Verantwortung übertragen, denn sie erhalten keine Vorgaben mehr für die Unterrichtsinhalte, sondern vielmehr für die Ziele.

Die Schulbuchverlage versuchen die daraus entstandene Unsicherheit der Lehrer aufzufangen, indem sie in ihren Lehrmaterialien und Schulbüchern auf einzelne Methoden zum Kompetenzerwerb hinweisen. So trainieren die Schüler beispielsweise ihre Lesekompetenz anhand passender Aufgaben zu Methoden wie überfliegendem oder strukturierendem Lesen. Die Aufgabenstellungen sind in einer Weise formuliert, dass die Schüler sie selbstständig oder in Gruppen bearbeiten können. Fakultative Seiten ermöglichen Schülern, die im Lernstoff bereits weiter als andere sind, ein Vertiefen der Themen.

Der Föderalismus macht den deutschen Schulbuchmarkt zu einem besonderen. Die Verlage müssen stets einen Überblick über die einzelnen Reformen in den Bundesländern behalten und ihre Schulbücher daran ausrichten. Die Inhalte der Bildungspläne unterscheiden sich von Land zu Land, so dass oft mehrere Regionalausgaben zu einem Schulbuch erforderlich sind.

Regierungswechsel fordert Flexibilität der Schulbuchverlage

Auch die Schulfächer unterliegen dem politischen Prozess. Einige Bundesländer unterrichten beispielsweise Chemie, Physik und Biologie getrennt, andere wiederum bündeln sie zu einem integrierten Fach Naturwissenschaften. Zuweilen folgen diese Veränderungen buchstäblich Schlag auf Schlag: In Nordrhein-Westfalen entschied sich die damalige SPD-Regierung 2005 für die Einführung. des Kombi-Fachs Naturwissenschaften. Die Schulbuchverlage, so auch der Ernst Klett Verlag, entwickelten passende Schulbücher und lieferten sie teilweise bereits aus. Mit dem Regierungswechsel an der Landesspitze allerdings wurde dieser Kurs rigoros von einer Woche zur anderen um 180 Grad korrigiert: Die Schulen unterrichten die Fächer nun wieder separat. Die eigens entwickelten Schulbücher liegen auf Halde und verursachen hohe Verluste für die Verlage. Kurzfristige Entscheidungen der Kultusministerien erfordern eine große Flexibilität der Verlage. „Dazu sind unsere professionellen Teams durchaus in der Lage. Aber wir konnten unsere geplanten Verkäufe nicht realisieren“, berichtet Ulrich Pokern, Geschäftsführer im Ernst Klett Verlag.

Erhebliche Finanzmittel gefordert

Im Allgemeinen müssen die Kommunen für die Lehrmittelfinanzierung aufkommen. Da die Haushaltskassen jedoch leer sind, werden sich die Schulen zum Teil erst in einigen Jahren mit aktuellen Schulbüchern ausstatten können. Parallel zu den Reformen sind nach Erhebungen des Schulbuchverlegerverbandes VdS Bildungsmedien die staatlichen Ausgaben für Schulbücher und Lernsoftware 2005 bundesweit von 244 Mio. Euro um 6,6 Prozent auf 228 Mio. Euro gefallen.

Die Rechtschreibreform und ihre Irrungen und Wirrungen verursachten immense Kosten. Karl Slipek, Geschäftsführer im Ernst Klett Verlag, macht deutlich, dass die Schulbuchverlage von den Reformen keineswegs profitieren. „Selbstverständlich werden wir in allen Schulformen und Fächern die vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgeschlagenen Änderungen Zug um Zug in unseren Produkten umsetzen. Diese Umsetzung erfordert erhebliche Finanzmittel, die die Verlage aufbringen müssen.“

Fazit

Das Bildungssystem in Deutschland ist spätestens seit PISA in heftiger Bewegung. „Die Reformen sind wichtig, auch wenn sie für die Schulen eine Zeit lang eine große Belastung darstellen“, hält Ulrich Pokern vom Ernst Klett Verlag fest. „Wir versuchen die Schulen bestmöglich zu unterstützen.“ Die Schulbücher gehen mit der Zeit und mit den Reformen, für die Verlage ist das jedoch ein finanzieller und zeitintensiver Kraftakt.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst


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